Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- VIII (1903)
- Issue
- Heft 12 (20.3.1903)
- Date
- 1903-03-20
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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V Ko. 32: «Jüdische Rundschau. Seitf 105. grossen öffentlichen Versammlung für den Zionismus pfai- ■ dicrte. Cr sprach von den grossen Leiden des־ indischen Volkes und von den innigen, freundschaftlichen Banden, welche die Juden mit den Mohammedanern verbinden, ״Der Zionisinus und das Judentum interessieren die Muselmanen lebhafter als die Christen, weil die Moslims mit den Juden durch Bluts- und Geistesverwandtschaft von altershcr verbunden sind." Der Redner bewies durch eine Reihe geschichtlicher Daten, dass die Türkei den Juden gegenüber immer freundlieh und wohlwollend gesinnt war, und dass die Türken sei! jeher den Juden viel mehr Toleranz bewiesen haben, al(s die christlichen Völker. .,Niemals zutn Beispiel hat sich die Türkei darüber beklagt, wie cs jetzt sogar die Engländer tun. dass ihr Land verjudet werde, trotzdem die Juden in der Tür* kei immer eine grosse Rolle im Handelsverkehr gespielt haben und immer au ihrer Sprache, ihren Sitten und Gebrauchen rcsthielten.“ ״Der Zionismus,“ -sagte der Redner, ״hat bei seiner Majestät dem Sultan Sympathie gefunden . . . denn würc dem nicht so. wie manche behaupten wollen, dann wäre ich gewiss nicht in Ihrer Mitte.“ Der Redner ermahnte die Juden, ohne Hast, und Uebereilung dem sicheren Ziele des Zionismus zuzusteucm. denn der Zionismus habe die Zukunft für sich. Die Rede wurde von den Teilnehmern des Meetings mit grossem Enthusiasmus aufgenommen. Achad-Haam über ״Alt-Meuland.“ Von Max Nordau. (Schluss). Vor alicm ist es unwahr, schlicht und grob unwahr, dass der Zionismus behaupte!, die .,Judenfrage" besiehe bloss in der ״Judenkonkurrenz“. Das mögen die gemütlichen ״Abwchrver eine“ gesäuselt haben; von Zionisten ist cs, so weit ich die einschlägige Litteratur übersehe, nie gesagt worden. Ich für meinen Teil habe von der Judenkonkurrenz nie ein Wort ge• sprochcn. *ch 'halte sie für vollkommen unerheblich. Wenn alle Juden der Welt Rentner wären, wenn nirgendwo in de: Welt ein Jude einem Nichtjuden im Erwerb als Mitstrebender entgegenträte, dann würde die Judcnirage genau so bestehen wie jetzt, sie würde nur die Form des Neides annehmen. Der Judenhass ist das Vorbestehende, das dann nach annehmbaren Begründungen und Rechtfertigungen sucht. Konkurrenz ist die allgemeine Erscheinung in der individualistischcn Wirtschaftsordnung. Der Christ ärgert sich auch über seinen christlichen Konkurrenten und wenn dieser zu scharf gegen ihn angeht, so sucht er ihm.mit Gesetzen gegen unlauteren Wettbewerb in den Arm zu fallen; aber er macht ihm aus seiner Konkurrenz keinen sittlichen Vorwurf und er verlangt m'cht, dass er wirtschaftlich gelähmt oder ganz ausgerottet w׳crde. Der jüdische Konkurrent aber scheint ihm ein Verbrecher, den man mit allen Mitteln unschädlich machen müsse. Die Wut richtet sich eben nicht gegen den Konkurrenten, sondern gegen den Juden, und sie richtet sich gegen ihn, weil sie nicht erst vom Konkurrenten entfacht wurde, sondern schon gegen den Juden bestand. Erwirbt der Jude, so hasst man ihn um seines Besitzes willen; gehasst wird er immer, und der Hinweis auf die Konkurrenz ist nur eine nachträglich zur ־Beschönigung ersonnene Ausrede. Die wirklichen Gründe des Judenhasses hahe ich in meiner als Flugschrift erschienenen Rede ״Der Zionismus und seine Gegner“ (S. 11 ii.) entwickelt und brauche sic hier nicht zu wiederholen. Wenn wir den Charter erlangen, wenn wir Palästina he• •siedeln.'so werden nicht entfernt alle Juden in das Land der Väter zuriiekkehren. Die Judenkonkurrenz wird also durchaus nicht aufhören. Die Judcnirage wird aber dennoch gelöst sein, weil kein Jude mehr gezwungen sein wird, um seines Juden• ttmis willen zu leiden. Schafft man dem Juden in der Zerstieuuug Bedingungen, die ihm die Konkurrenz mit dem nichtjüdischen Nachbar und Wettbewerber unbillig erschweren oder unmöglich machen, so hat er dann die Wahl, sich durch Auswanderung in das Judenland diesen Bedingungen zu entziehen. Gewährt man ihm dagegen die gleichen gesetzlichen und gesellschaftlichen, materiellen un־J moralischen, pondenhlen und impondcrablen Bedingungen wie dem niditjüdischea Wettbewerber, so wird er sich auch in der Zerstreuung über den Konkurrenzkampf nicht beklagen und das Vorhandensein ci.ier Judenfrage nicht empfinden. Die Konkurrenz selbst wird der Zionismus nicht aus der Welt schaffen. Der Jude wird die Konkurrenz auch in Palästina vorfinden. Aber es wird eine Konkurrenz •mit gleichem Rechte, gleichen Waffen, gleichen Kampfregeht sein. Es ist möglich, dass eine andere, die sozialistisclie Wirtschaftsordnung die Konkurrenz aus dem Wirtschafrsleben ausmerzt. Aber das hat mit dem Zionismus nichts zu tun, der in erster Reihe eine nationalpolitische Bewegung ist und sich mit keiner wirtschaftlichen Theorie identifiziert. Was wir wollen und weshalb wir es wollen, das haben wir nicht ,.ausweichend“, sondern klipp und klar gesagt. Was aber will Achad-Haam? Darauf habe ich in seinem Gefasel vergebens eine Antwort gesucht und darnach habe ich verheit, die meine ganz besondere Teilnahme erweckt hat.“ — Mir gerade gegenüber wohnte ein schon ziemlich bejahrter, völlig erblindeter Mann. Rabbi Sundei mit Namen. Der Mann war sehr bekannt und beliebt wegen seines jüdischen Wissens, wegen seiner übergrossen Frömmigkeit, verbunden mit Wohltätigkeit gegen Arme und wohltätige Anstalten. Die Mittel hierzu erhielt er von seinen Kindern, die irgendwo in Russland Ihren * Wohnsitz hatten. Ich war sehr bekannt mit dem Manne, der, wo er sich nicht zu helfen wusste, sich bei mir Rats holte und auch durch meine Hände seine milden Gaben verteilen liess. Für sich verbrauchte er sehr wenig, denn er lebte wie ein frommer Asket und sein ganzes Leben bestand nur aus Fasten, Beten und Thoralernen. Bedient und geleitet wurde der Mann durch eine ältliche Frau, die er aus seiner Heimat mit nach Jerusalern gebracht hatte. Die Frau sorgte für den schwachen und unbeholfenen Mann mit einer Liebe und Fürsorge mit einer Geduld und Beflissenheit, wie eine eigne Frau oder Tochter sich gewiss nicht so viel Mühe um ihn gegeben hätten. Und denken Sie sich, diese Frau war gar keine Jüdin, sondern eine der russischen Kirche angehörige Christin. Die Frau führte ihn zutn Bet- und Lehrhause. und holte ihn von da auch wieder ab, führte ihn auch wöchentlich einigemal zur Klageinauer, woselbst er mit den übrigen Trauernden Zions und Jerusalems die übliehen Kimtos und Tefillos (Gebete und Klagelieder) sprach. Seit etwa einem halben Jahre wurde er immer schwächer und hinfälliger, bis er die Stube und schliesslieh das Bett nicht mehr verlassen konnte. Ich besuchte ihn öfters und eines Tages sprach er zu mir: ״Ich fühle, dass ich das Bett nicht mehr verlassen werde, bis sie mich hinaustragen, um mich zur ewigen Ruhe zu betten. Erweise״ Sie mir die Chescd (Liebe) und stehen Sie meiner treuen Pflegerin zur Seite bei der Ordnung meiner Angelegenheiten nach meinem Tode.“ Bald darauf kan! am frühen Morgen die bezeichnete Frau »n Tränen aufgelöst zu mir und berichtete, dass Rabbiner Sundei in der Nacht still und sanft entschlafen sei und seine reine Seele ausgehaucht habe. Ich bin Vor- Steher der ״Chewra-Kadischa“ (Beerdigungs-Verein) in meinem Bezirke und traf sofort alle Anstalten, dass Rabbiner Sundei noch selbigen Tages zur ewigen Ruhe gebracht werden konnte. Bei der Ordnung der Papiere des Verstorbenen fand ich denn auch ein von Ihnen ausgestelltes Empfehlungs-