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Jüdische Rundschau · 1903-03-20 · Heft 12 (20.3.1903) · page 5

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
VIII (1903)
Issue
Heft 12 (20.3.1903)
Date
1903-03-20
Page
– (sequence 5)
Language
German
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Jahrgang. : Parität und Gesinnungslosigkeit. 1 Alljährlich, wenn man• erwartet, dass die Schwalben! wiederkommen, wiederholt sich im prcussischcn Abgcj [ ordnetenhause . bei der Beratung des Kultusetats das« : selbe Schauspiel. Nicht eher wird dem Minister sein; Gehalt bewilligt, als bis von allen Seiten die bekannten; Klagen über Ungleichheiten und Bevorzugungen. Un- | cbenheiten und Zurücksetzungen aller Art erklungen und verklungen sind. Hie Protestantismus, hie Katho־ j lizismus. heisst cs, und das Ende vom Liede, oder besser der Debatte ist, dass die Regierung konstatiert, dass die ״ ןParität“ niemals und nach keiner Richtung verletzt i worden sei. Die bevorstehende Aufhebung des § 2 des j Jesuitengesetzes hatte diesmal sogar einen besonders I lebhaften Verlauf der Kulturdebatte bewirkt und hatte י Töne anschlagen lassen, die wir sonst nicht mehr zu hören gewöhnt sind. I Der freikonservative Abgeordnete Freiherr von; 1 Zedlitz schwang sich dem Zentrum gegenüber zu dem; lapidaren Ausspruch auf: ״Für die Besetzung unserer j Beamtenstellen dürfen nur sachliche, nicht konfessionelle ־ oder politische Gesichtspunkte massgebend sein.“ Es ist das ein Satz von fundamentaler Bedeutung, da er eigentlich nichts weiter ausspricht als die Grundlage jedes Rechtsstaates, als den Standpunkt, auf dem jeder Staat, der sich auf Gerechtigkeit gegründet 4 glaubt, stehen sollte. Der Staat hat eben ausschliesslich die Taten seiner Bürger zu beurteilen, nicht ihre Gesinnungen. In keinem Fall darf der Staat in Betracht ziehen, was seine Bürger denken, so lange sie mit allen Kräften bemüht sind, dem Wolde des Staates zu . dienen, und seine Gesetze zu beobachten und aufrecht zu erhalten. Schliesslich kann mau ja doch nicht in das Herz hineinsehen und man zieht nur Heuchelei gross, wenn mail Gesinnungen belohnt und bestraft Aus diesem Grunde ist der moderne Staat davon abgekonunen, seine Bürger nach konfessionellen Ge- 4 sichtspunkten zu regieren und seine Beamten nach ihren ־ Gesinnungen zu wählen. Wenigstens ist das in der Theorie der Fall. Denn in der Praxis hat der preussischc, Staat - und er ist doch gewiss ein typischer Vertreter des modernen Staates — noch niemals davon Abstand genommen, die Leute, die er anstelle» will, recht sorgfähig auf Gesinnung, Olauben und Abstammung anzuw#^11H>1>r1«111 ״ ן!!■״ ■**n—•***M*~ 1»**י* sehen. Und die vielbesprochene Parität findet in Wahrheit nur insoweit statt, als sich der Staat gezwungen sieht, auf durch Zahl und Organisation mächtige Minderheiten Rücksicht zu nehmen. Daher ist in Prcusse» nicht minder als im Reich ״Zentrum“ Trumpf, während das Judentum liier wie dort allein genügt, um in der Beamtenkarricrc unüberwindliche Schwierigkeiten zu bereiten, von denen selbst die Kreise sich keine Vor- Stellung machen können, von denen eben diese Hindernisse ausgehen. Wenn bei der Besetzung von Stellen im Staate lediglich die Kenntnisse und Fähigkeiten neben selbstverständlicher Makellosigkeit der Charaktere in Betracht kommen sollten, so wäre es um so merkwürdiger, dass sich uiigetauften Juden in ihrer Laufbahn ungeahnte Hindernisse entgegentürmen, wenn wir nicht wüssten, dass die jüdische Abstammung, die ehrlich bekaum wird, mehr zur Beurteilung jüdischer Amtsfähig־ keit beiträgt als alle Tüchtigkeit. Doch es hiesse Eulen nach Athen tragen, wollten wir darüber auch nur ein Wort verlieren, denn es wird uns nicht gelingen, den Strom rückwärts zu drängen, und wir können nur konstaticren, dass die Parität sich nur auf Angehörige christlicher Bekenntnisse bezieht. . Wir können nur feststellen, dass dem Juden hei der Auswahl der Beamten /• ein Geburtsfehler anhaftet, und dass der geringe Prozemsatz jüdischer Beamten, soweit das überhaupt niöglieh ist. immer noch geringer wird. \ Aber was unsere Verwunderung erregt, ist die Tatv saelic. dass die Zurücksetzung der Juden aus dem Grunde erfolgt, dass man die fremde Rasse zurückdrängen \vill, dass aber der Geburtsfehler sofort beseitigt ist, wenn der fragliche Jude sich dazu bequenit, der herrsehenden Religion sich anzuschliessen. Es ist kein;. Geheimnis, dasScs kein besseres Mittel gibt, um als Jude sogar zum Portefeuille eines Ministers befähigt zü sein, *־ als wenn man eines Tages entdeckt, dass längst der Glaube an die Erlösung im Busen geschlummert hat. Man kennt ja die alte Anekdote von den drei getauften Juden, die sich auf einer Eisenbahnfahrt als solche erkennen, und gesprächsweise darauf kommen, aus weleben Gründen sie dem Judeiitume den Rücken gekehrt hätten. Der eine meint, es geschah bei ihm, um ein geliebtcs Mädchen zu heiraten, dessen Vater die Tochter keinem Juden geben wollte, der andere aus dem noch I viel plausibleren Grunde, dass er Karriere machen 1.

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