Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- VIII (1903)
- Issue
- Heft 8 (20.2.1903)
- Date
- 1903-02-20
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Sollte . die ״Jüdische Rundschau“ wirklich Veranlassung nchmen, über den Pall Kardenkötter zu schreiben, der uns als Juden gar nichts angeht? Hat vielleicht aber die Rundschau gar die Laune bekommen, in Abwehr des Antisemitismus zu machen, und fein vorzubeugen der gewiss nicht ausbleibenden antisemitischen Ausbeutung dieses Falles? Es ist doch ganz gewiss, dass kein antisemitisches und mit den Antisemiten in dasselbe nationale Horn blasendes Blatt versäumen wird, über den Ober- Schwindler Nardenkölter iortzusehen und an den Schandpfähl nur den Arzt mit dein jüdisch klingenden Namen zu stellen. Nun, wir haben keineswegs die Absicht, uns mit Leuten henunzuschlagen. die aus Geschäftsrücksichten und aus blindem Hass, ein ganzes ... grosses Kulturvolk zu den Menschenfressern werfen. . und halten uns für viel zu gut, uns gegen solche Angriffe zu verteidigen. Also njeht das ist das Interesse, das wir als jüdische Zeitung an dem Sensationsprozesse . nehmen, der soeben in Moabit zu Ende geführt wurde. ' , Wir fragen uns aber, wie kann es kommen, dass ein Arzt, der, nach seinem Namen zu schliessen. wenn ein solcher Schluss zulässig ist. ein jüdischer Arzt ist, so tief sinken kann, dass er zum Helfershelfer eines :;Kurpfuschers wird, zu dessen willenlosen Sklaven und ., Werkzeug er sich blindlings macht. Wir . haben noch nichts von der altjüdischen Hochachtung vor dem : Richterspruche eingebüsst, wie wir es bei unser!! Umwohnern leider täglich erblicken müssen. Für uns hat der Richterspruch etwas Heiliges, selbst wenn wir zu- * geben müssen, dass schliesslich auch ein Richter irren kann. Aber gerade bei der grossen Achtung, die wir dem Erkenntnis des urteilfmdeuden Richters entgegenbringen, fühlen wir uns doppelt veranlasst zu fragen: Wie kam es, wie kann cs kommen, dass ein jüdischer Arzt eine so schwere Schuld auf sich läd, dass gegen ihn auf Ehrverlust erkannt werden musste? Die einzige richtige Entschuldigung, die der Ange- ־ * klagte und nunmehr Verurteilte vorgebracht hat, war ״ die ״bittere Not des Lebens“. Es ist, wie es im Urteil heisst, dem Gerichtshof nicht ganz klar geworden, ob bei ihm wirklich ernste Not Vorgelegen hat, und er hat i deshalb angenommen, dass es die Bequemlichkeit des Lebens gewesen ist, die ihn zu Nardenküuer hingezogen hat. Dieses Bequemlichkeitsstreben findet seinen zahlenmassigen Ausdruck in einem Monatsgehalte von 150 Mk. bei täglicher Kündigung. Und der Gerichtshof musste so urteilen, denn die bittere Not von hunderten von jüdischen Aerzten ist ein in den weitesten Kreisen um bekanntes Gebiet. Es ist kein Zufall, dass sich auf das Inserat Nardcnköttcrs mehr als 75 Aerzte gemeldet haben, und es ist die Vermutung nicht abzuweisen, dass sich eine unverhältnismässig grosse Zahl von Juden darunter befand. Laufen doch viele Hunderte von jüdisehen Aerzten auf den Strassen der Grossstadt herum, die mit eitler Not des Lebens kämpfen, wie sie ärger nicht gedacht werden kann. Und man darf es diesen Leuten nicht verdenken, dass sie nicht, wie es in Amerika der Fall sein würde, zur Handarbeit greifen. Dehn in imserm schönen dezent-zivilisierten Europa, in dem man das Lob des Arbeiters und der Arbeit schon in den Kinderschnlen in allen Tönen singt, würde der studierte Mann, der einmal Lasten getragen oder Strassen gefegt hätte, ein für alle Male ״der Standesehre“ verlustig gegangen und ״drunter cfiirch“ sein. Der jüdische Aerztcstand wird, so weit es sich nicht um einige hervorragende Grossen handelt, die über ein gewaltiges Kapital der Intelligenz und Geschick* lichkcit verfügen, immer mehr proletarisiert. Und es ist ein ganz grossartiges Zeugnis für die jüdischen Acrztc, dass bei der entsetzlichen Not, die unter ihnen herrscht, sich nur ein einziger fand, der seine Standesehre vergessen und verlassen hat. Die .systematische Zuriickdrängung des Juden aus den‘ Bcamfenmstellen — Subalternbeamte werden sie ia überhaupt niemals trägt die Hauptschuld, dass immer mehr Juden gezwungen werden, sich dem medizinischen Studium und der Advokatur zuzuwenden. Dieselben Kreise, die .,Mittelstandspolitik“ treiben, sind es, die alles tun, um den; jüdischen Mittelstand auch unter den Studierten zu vernichten. Man glaube aber ja nicht, dass nur der Jurist und der Mediziner unter der systematischen Verdrängung der Juden zu leiden haben. Dem Techniker, dem Chemiker und allen den in praktischen Berufen tätigen Juden wird ihre Existenz als Mittelstand unmöglich gemacht. Sind sie reich, nun — der reiche Jude war.dem *•■■?״■ .* י ׳1״;: ־ןי«*־ft י־ tufTTT*0■ *׳?"׳ ‘ »>וו;:«ןוךו1;ו^#,ו>.ן■ ■v tu; »m.1; y«■—y »