Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- VIII (1903)
- Issue
- Heft 4 (23.1.1903)
- Date
- 1903-01-23
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Ho . 4 Jüdische!{,undsclinti• Seite aas der Religionsgemeinschaft der cvangclischert Christen unter Beobachtung der durch das Gesetz vom 1*1. Mai 1873 vorgcschricbencn Form erklärt. j Zum Beweise dessen ist die vorliegende Bescheinigung! ausgcfcrtfgt worden. *! Allerlei. ׳ Berlin, den 22. November 1902. _• Königliches Amtsgericht I Abteilung 90 II. (Arabeske statt Unterschrift.) Ich bemerke noch, dass der Rabbiner meiner Vaterstadt Köln, Dr. Frank, in einer am 18. Oktober 1902 mit ihm ge* pflogenen, formell überaus freundlich verlaufenen Verhandlung infolge unüberwindlicher Bedenken gegen jene ״evangelischer. Vorbehalte“ mir die Wiederaufnahme in die Synagogengemeinde meiner Vaterstadt, in der ich die ersten 25 Jahre meines Lebens bis, zum Jahre 18S9 verlebte, verweigert bat. wiewohl er meine ״Ehrlichkeit“ wiederholt betonte, auch meine gesetzestreue Lebensweise (koscher Essen u. a. m.) freudig anerkannte! Ohne an dieser Stelle den eingehenden ׳Nachweis führen zu dürfen, dass diese Weigerung sich im Lichte der mosaischen Glaubenslehre in keiner Weise rechtfertigen lässt, muss ich mich auf. die Erklärung beschränken, dass mein W iedereintritt in die Synagogengcmcitidc vertagt bleiben muss, bis mir in der Synagoge des 20. Jahrhunderts ähnliche Gewissensfreiheit gewährleistet wird, wie sic in der Synagoge״des 1. Jahrhunderts Johannes genoss, der Liebüngsjiinger Jeschuah's von Nazareth! : ״Es ist mir von Mühsalen, noch bitterer als der Tod, i erzählt worden, welche unsere Brüder In Deutschland be- | troffen haben, von tyrannischen Gesetzen, Zwangstaufen, Ausweisungen. Und wenn sie von einem Orte Eichen, trifft sie an einem andern Orte noch herberes Unglück. — Ich höre ein freches Volk über die Treuen seine wütende Stimme erheben; ich sehe seine Hand gegen sie schwingen. Wehe i von innen, wehe von aussen. Tägliche Erlasse und Zwing- 1 heircn, um das Geld zu erpressen. Die Geistlichen und! Mönche, die falschen Priester, erheben sich gegen das un- ז glückliche Volk und sprechen: ״Wir wollen sic bis zur Ver- , nichtung verfolgen, Israels Name soll nicht mehr genannt! werden.“ Sie wähnen, ihr Glaube sei gefährdet, weil die 1 Juden in Jerusalem vielleicht gar die Grabeskirche sielt kaufen | würden. Darum haben sie einen Befehl erlassen, Jeden Juden, * der sich auf einem christlichen Schiffe befände, das nach dein . Morgenland steure. :11 die Fluten zu werfen. —• Wie wird } den heiligen deutschen Gemeinden tnitgcspiclt, wie sehr ist! ihre Kraft geschwächt! -- Meine Brüder und Lehrer, Freunde Ergebenst Dr. de Jongc (״Morris de Jonge“). י und Bekannte! Ich Isaak Zarfati, der ich aus Frankreich I stamme, in Deutschland geboren bin and dort zu den Füssen von Lehrern gesessen, rufe Euch zu: dass die Türkei ein Land j ist, in dem nichts fehlt, liier kann jeder unter seinem Feigen- 1 bäum und unter seinem Weinstock ruhig leben. In der * Christenheit dagegen dürft ihr es nicht einmal wagen, eure ן Kinder in Rot und Blau zu kleiden, ohne sie auszusetzeu F.in drastisches Beispiel, wie die Wohltätigkeit zum Fluch werden kann, lieferte in den letzten Tagen ein Herr, der an der hiesigen Unterstützungskasse die Armen abfertigt. In schon vorgerückter Abendstunde saii ich am Hauptbalmhofe eine arme Jüdische Frau, auf dem Arme ein unschuldiges Geschöpf, neben sich zwei in zerlumpten und zerfetzten Kleidern gehüllte Kiuder. Mich rührte dieses Bild d?s Jammers und des Elends und ich bot der besorgten Mutter meine Dienste an. die sie nur zu gerne akzeptierte. Sie erzählte mir, dass sic soeben von London gekommen und nun nachhause, nach Warschau reisen wolle, da dort besser für ihren Unterhalt gesorgt sei, denn ihr Mann habe sie seit 10 Monaten verlassen. Nachdem ich der ausgehungerten Gruppe warmes Essen und Logis besorgt hatte, gab ich der Mutter das Versprechen, am nächsten Morgen mit ihr nach der hiesigen Unterstützungskasse zu gehen, was ich tat. Dort angekommen. fragt der anscheinend kein Mitleid besitzende Beamte die abgehärmte, hilflose Frau in barschem Tone: ״Was wollen sie?“ Da die Frau nun nicht in dein gewünschten Hochdeutsch zu antworten verstand, bat ich ihre Wünsche verbringen zu dürfen. ״Ich habe keine Zeit“ war die prompte Antwort. Ich werde mich sehr kurz fassen erwiderte ich. Die Frau komm! von London und will nach Warschau, ihrer Heimat reisen, da ihr Mann sic seit 10 Monaten verlassen hat. Ich bitte der Frau zu ihrer Weiterreise bchiilflieh sein zu wollen. ״Alle russischen Kerle lassen ihre Weiber sitze n“, war der famose Bescheid.,!fürwahr ein guter Trost für eine selbst sitzen gelassen׳: Frau. Der verbissenste Antisemit kann wahrlich keinen anderen Ton anschlagen, als dieser fashioiiable Herr, der zu allem andern wohl eher berufen wäre, als an der Spitze eines VVohltätigkeitsvcreins zu stehen. Abgesehen davon, dass es viel, ja sehr viele Leute gibt, die von unseren russischen Brüdern (nicht Kerle) eine ganz, andere Meinung haben, als besagter Herr, frage ich im Namen der Religion und der Humanität, wie vereinbart sich eine solche Handlungswcisc mit dem Grundprinzip des Judentums ״Du sollst deinen Nächsten lieben, wie dich selbst und ferner mit dem Satze 5. Buch M. Kap. J5: ״Du sollst önnen deine Hand deinem armen und dumigen Bruder v־.\ deinem Lande“! — Solche Wohltätigkeit spricht den Institutionen eines Wohltätigkeitsvcrcins geradezu Hohn und sollte es mich freuen, wenn von massgebender Seite Veranlassung genommen würde. Remedur zu schaffen. Zum Schlüsse sei bemerkt, dass obengenannte ״russischen Kerle“, die Ja auch hier zu finden sind, die Weiterreise der Frau ermöglicht haben. Köln a. R. S. G. zcrbläut und rotgeschunden zu werden. Darum müsst ihr ärmlich und zerlumpt einhergehen. Alle eure Tage sind düster, auch die Sabbate und Festzeiten. Fremde gemessen euer Vermögen. Was nützen dem reichen Juden seine Schätze? Er bewahrt sie nur zu seinem Unglück auf, und an einem Tage ists verloren. Ihr nennt's euer? Nein, ihrer ists. Lügenhaitc Beschuldigungen erfinden sic gegen euch. Sie achten nicht Aller, nicht Wissen. — Und wenn sic dir eine Zu- Sicherung mit sechzig Siegeln geben, so brechen sic sie doch. Sie legen immer Doppelstrafen auf: grausamen Tod und Raub des Vermögens. Sie untersagen den Unterricht in den Schulen, stören das Gebet. Und nun Israel, warum schläfst du? Auf, auf. verlasse das verfluchte Land!“ Aus einem Rundschreiben des Isaak Zarfati an die Juden in Schwaben, am Rhein, in Steiermark, Mähren und Ungarn. <3--Dq Kleine Chronik. ג*ו- — - - - - sio Berlin. In dem Beleidigungsprozcss Prof. Strack-Kröscll ist ein Vergleich zustande gekommen. Beide haben die Klage zurückgezogen. ־ - Berlin. Ucbcr den Vortrag des Prof. Delitzsch über die Beziehungen der biblischen Kultur zu den alten Stätten babylonischen Kulturlebens, sind unsere Leser im allgemeinen durch die Tageszeitungen zur Genüge unterrichtet, und wir wollen nicht durch einen nachträglichen Bericht nachhinken. Dafür werden wir demnächst ausführlich auf den Vortrag zurückkonuneu und zu der Wissenschaftlieh eminent wichtigen Frage Stellung nehmen. Wir müsesn jedoch schon heute sagen, dass von jüdischer Seite dem Vortrag mehr aktueller Wert beigemessen wird, als ihm zukommt. Für den Bestand des Judentums kommen ganz andere Faktoren in Betracht, als die Erforschung der Tontafeln. Dr. H. Hildesheimer verstand es sehr gut, die allzu äugstliehen Gemüter daraut hinzuweisen, dass das Judentum die freie Forschung absolut nicht zu fürchten habe, indem er fein spöttisch im ״Zcntralvcrciu deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens“ den Antrag stellte, ge1:en Delitzschs Ausführungen zu protestieren. Wie glänzend Hildesheimer die jüdischen Angstmeier versteht und verspottet, ersieht man daraus, wie # allgemein sein glänzender Scherz, dass der politische Verein gegen den wissenschaftlichen Vortrag protestieren soll, für Ernst genommen wird. Wir hätten ihn nicht für so neckisch ge-