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Jüdische Rundschau · 1902-10-01 · Heft 40 (1.10.1902) · p. Seite 6

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
VII (1902)
Issue
Heft 40 (1.10.1902)
Date
1902-10-01
Page
Seite 6 (sequence 6)
Language
German
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No. 40. Jiidi8cI1e Riiüdsoliau Seite 6•* ihre Verluste schadlos zu halten. Nicht nur gegen Juden sind die Ausschreitungen verübt worden, irrtümlicher Weise auch gegen Christen. Die in so fürchterlicher Weise misshandelten und ausgeplünderlen Juden haben die ihnen vom Ocnera!־ gouverneur aus den KoHektenReldcrn der gegenwärtig im Bau begriffenen katholischen Kirche in Czcnstochau angehotenc Entschädigung abgelchnt, da sie aus diesem Fond sich nicht bezahlt machen wollen. Der Rabbiner hat über den Bierbrauer Schwedcr, der, wie gemeldet, den Pöbel zu den Ausschreitungcn mit angestiftet hat, den Chcrem verhängt. Auf Anweisung des noch immer in Czcnstochau weilenden Gouverneurs aus Pctrikau müssen die geschädigten jüdischer. Kawflcute dem Rabbiner buchmässig nachwciscn, welches Warenlager sie hatten und welchen Schaden sic erlitten haben. Von den zahlreichen, wegen Anstiftung verhafteten katholischen Geistlichen hat man nur zwei in Haft behalten. Der Piarrer der Czcnstochaucr Pfarrkirche soll stark kompromittiert sein. Ein Tclegraphcnbcamter, der bei Beginn des Aufruhrs die seitens der Bedrohten nach auswärts aufgegebeneu Depeschen nicht sogleich weiter befördert hat, wurde ebenfalls verhaftet. Letzten Freitag sind 6 Waggons Vcrhaftete in einem Eisciibahnzugc in die Zitadelle nach Warschau geschafft worden. 153 Geschäfte sind total ruiniert. Der bis jetzt ermittelte Schaden beläuft sich auf rund zwei Millionen Rubel. Der Krawall ist nachgcwiesenermassen von langer Hand vorbereitet gewesen. Die Nachricht von der Tötung einer polnischen Bauernfrau durch Juden ist erfunden. — Bukarest. 23. Scpt. Die hochoinziösc ״Indcpendance Rou- 1'iaine“ fordeit unter der unwahren Motivierung, dass das. Ocwerbcgcsct:׳. keine in den anderen Gewerbegesetzen fchlende Bestimmung enthalte, die rumänische Presse zu einem cr.cigischen Protest gegen eine fremde Einmischung in die rumänische Gewerbegesetzgebung 2ui. — Konstantinopel. Die türkische Regierung entsendete eine Kommission zum Studium der Agrikultur-Verhältnisse in Rumänien. An der Spitze dieser Kommission steht Vitalis Eifendi, ein Jude. — Der hiesige Otc-rst Dr. Meutechc Bey hat den Rang eines Brigadegcncrais und den Titel ״Pascha“ erhalten. Die Türkei ist eben kein christlicher Staat. — Boston. In» grossen Hotel Atlantic House steht an augenfälliger Stelle jeder Seite des Hotel-Eintragebuch es in Ricsenlettern folgendes Aviso: Die Gönnerschaft von Juden ist nicht erwünscht“ Manch wohlhabender Jude ist im Lauic des Sommers, als er im Begriffe war. seinen Namen in das Buch einzutragen, durch diese aufreizende Notiz veranlasst worden, sich anderswo um Unterkunft umzusehen. J. Linffcld Danton, der Hotel-Eigentünier, sagt, ״er wolle sein Möglichstes thun. um die Juden von seinem Hotel fernzuhalten. — New-York, 22. Scpt Ueber ״Brutalität der New- Yorker Polizei gegen die Juden“ schreibt der Ncw-Yorkcr Korrespondent des ״Daily Telegraph“: ״Der Bericht des Komitees, welches der Bürgermeister von New-York, Mr. I.ow, zur Untersuchung des Aufruhrs beim Begräbnis des Rabbiners Joseph entsetzte, bedeutet eine Anklage des Polizeidepartements von oben bis unten. Er entlastet die jüdischen Leidtragenden und macht die Angestellten der Firma Hoe in erster Linie für die Unruhen verantwortlich. Er führt aus. dass die Polizei lange Zeit brutal gegen die Hebräer der Ostseite gehandelt hat. und dass bei dem Begräbnis die Leidtragenden und die Zuschauer mit sichtlicher Unhöflichkcit und Barschheit behandelt wurden. Da der Bericht von einem unpartciischen Komitee von Bürgern kommt, die der Bürgermeister ausgcwählt hat, so bildet er die bedeutsamste Anklage der Polizeivcrwaltung. seitdem Mr. Low vor neun Monaten sein Amt übernahm, uni das Departement zu reformieren.“ — Transvaal. In einer zu Johannesburg neulich abgchaltcncn israelitischen Versammlung wurde ein Brief vorgclescn, in welchem Lord Milncr den Kolonisationsfänigkciten der Juden das grösste Lob ausspricht und zugleich bestätigt, dass das Uebersiedelur.gsgcsetz gar keinen konfessionellen oder nationalen Unterschied bezüglich der bürgerlichen und politischen Rechte kennt. Hu$ meiner Raritätenmappe. Von I bn Asrak. (Festsetzung.) lii. Folgenden Beitrag zur Charakteristik Viktor von Scheffels entnehme ich einer antisemitischen Zeitung: Der Dichter des Trompeters von Säkkingcn hatte einst aus Wien eine Broschüre erhalten, die den Titel trug: ״Sollen die . Juden Christen werden?" — Er antwortete den! Einsender: ״Hochgeehrter Herr! Ich sage Iliiien freundlichen Dank für Ihre Zuschrift vom 20. Februar und die guten Wünsche zu meinem 5S. Geburtstage. Ihre Broschüre werde ich mit Aufmerksamkeit lesen, halte aber ein Eingehen auf die Fragen nicht für praktisch, da garnichts damit entschieden wird. Die Abneigung der germanischen Völker gegen die Semiten beruht nicht auf der Verschiedenheit von Religion und Dogma, sondern auf Verschiedenheit von Blut, Rasse, Abstammung, Volkssittc und Volksgesittung, sic lässt sich weder schaffen, noch in Abgang dekretieren, sie wird auch bei der freiesten religiösen und politischen Anschauung beider Parteien fortbcstehcn wie bei den Amerikanern und Chinesen, die auf dem freien Boden von Texas neben und miteinander leben. Oft habe ich mit meinem Freunde Bcrthokl Auerbach über diese Dinge gesprochen; mit den liberalen Ideen allein sind sie nicht zu ordnen, wenn auch ein modus vivendi hergestellt werden kann und hcrgcstellt ist. Im Reiche der jugendliehen Ideale ist eine humane Illusion schöner als inhumane Wirklichkeit. Möge Ihnen der innere Frieden nie gestört werden! Ergebenst Viktor von Scheffel. Karlsruhe in Baden, 24. Februar 1884.“ IV. Eine bekannte jüdische Autorität auf medizinischem Gebiete, einer von den Grossen in Israel, wurde einst über die Judenfragc interpelliert. Jener Arzt weiss ein Mittel zu ihrer Lösung, und zwar, da er Chirurg und — Geschäftsmann ist. ein recht einschneidendes; er ist nämlich der Ansicht, dass die Judenfrage dadurch gelöst werden kann, dass sämtliche polnischen Juden — kastriert werden. Nur die polnischen Juden, der Ratgeber selbst nicht, denn er rechnet sicli nicht dazu — ob mit Recht? Seine Ahnengeschichte ist mir nicht bekannt, doch wäre es garnicht so unmöglich, dass man mit ihm den Anfang machen müsste. Der Jndcnheit aber würde dies gar keinen Nutzen bringen, denn er ist nicht mehr so jung.., daher ungefährlich. V. Ludwig Bambcrgcr äussert sich in seiner Schrift ״Deutschtum und Judentum“ (1SS0) auf S. 15 über den Antisemitismus: ..Wir haben cs mit einer alten, von Geschlecht zu Geschlecht seit Jahrzehnten foi »gezeugten Antipathie zu thun, die, zu einer naturalistischen Thatsachc geworden, in Vielen auch die stärkste Logik nicht gegen die Macht der Gewohnheit'aufkommen lässt.“ VI Warum treten die Liberalen für die Juden ein (wenigstens platonisch)? Nur um unserer schönen Augen willen? 0 nein, die Thränen. welche die paar Dutzend nichtiüdischcr Liberalen um uns weinen, weinen sie um sich selber. Autos cfa. nämlich Eugen, und zwar am 22. November 1SS0 im Preuss. Abgeordnetenhause: ״Nein, meine Herren, die Juden schlägt man und die Liberalen meint man. Glauben Sie denn, dass wir das nicht durchfühlen? . . . Weil man die Liberalen in ihren Grundsätzen nicht bekämpfen kann, ohnmächtig dagegen ist in den grossen Städten, — darum wird der Rassenhass zu Hilfe gerufen, nicht bloss um das Judentum zu bekämpfen, soudern es ist die verzweifelte Anstrengung der konservativen Be- Strebungen, um sich über Wasser zu halten: hat man zu solchen Mitteln greifen müssen, nicht bloss um die Juden z.u bekämpfen, sondern um den Liberalismus anzugreiien. Meine Herren, das Ist der eigentliche Kern der Sache." — Also h i n c i 11 a c I a c r i ni a c. VII/ In dieser Zeitschrift wurde kürzlich die Brochüre des Prof. Kirchhof! ״Was ist national?“ besprochen. Kirchhof! führt, wie erinnerlich sein dürfte, aus. dass die Nationen nicht durch Bluts- Verwandtschaft und durch gemeinsame Sitten, Geschichte etc., sondern allein durch den Raum bestimmt würden. Es ist interessant, dass sich schon bei Goethe eine Rczcnsion der Kirchhofisclicn Schrift findet: ״Nicht der Boden, sondern die Verhältnisse eines Volks, deren zwar viele auch aus dem Laude, das sic bewohnen, hcrvorsprincen, bestimmen Nation. So haben die Juden Nation und Patriotismus mehr als bimdert leibeigene OcsddecbW." (Kurzschc Ausgabe. (Leipz. Bibliogr. Inst.). Bd. 12, S. 259). Und Goethe hat doch Kirchhoffs Vortrag garnicht gekannt?! — Citteraturöerleijt. Ein Buchtitel. Das schwer zu bekehrende Juden-Hertz / Nebst einigen Vorbereitungs-Mitteln 2u der Judcn-Bekcjmmg / Auf Veranlassung der crschröcklichcn Gotteslästerung / welche der Jude Jonas Mcver von Wunstorff / als er vor der Fürst!. Residentz-Stadt Zelle / nebst andern hochbcriichtigtcn Dieben den 21 Martii 1699. abgethan / und nach dem Querbalken des Gerichts / behuefi einer Winde / hinauf gezogen ward / Zu vieler Zuschauer höchster Bestiirtzung öffentlich In der Lullt schwebende ausgeruiien / In einer Predigt / nach Anleitung des damaligen in der Ordnung folgenden Passions- Textes / von der Verleugnung und Busse Petri. Der Christi. Gemeine in der Stadt-Kirchen daselbst vorgestellet / Nun aber auf vielfältiges Ersuchen weitlauftiger ausgeführet. Da nebst

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