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Jüdische Rundschau · 1902-10-01 · Heft 40 (1.10.1902) · p. Seite 5

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
VII (1902)
Issue
Heft 40 (1.10.1902)
Date
1902-10-01
Page
Seite 5 (sequence 5)
Language
German
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Seite 5. Jüdische Hundsclimi. No. 40 Zu alledem scheint man auch in Amerika nicht recht an einen Erfolg zu glauben, wenigstens spricht sich die amerikanische Presse so aus. Wenn Rumänien eine Zcitlang in der ßarnicht dumrnen Politik fortfährt, den Strom der Auswanderung mit Gfcwalt zurückzuhaltcn, so wird vielleicht gar Amerika sich j mit dem Vorwand aus der Affairc ziehen, dass der erste Grund; seiner Beschwerde, die Masscncinwanderang rumänischer Juden, fortgcfallen sei. Sollte aber, und das ist leider das Wahrscheinliche, Jetzt keine entscheidende Änderung in der Lage der rumänischen Juden cintrcten, so sichen sic vor einer bösen Gefahr: Amerika wird, nachdem dieser letzte und — darüber kann kein Zweifel sein — grosse und schwere Schritt erfolglos geblieben ist, vielleicht jetzt seine bisher gastlichen Küsten energisch gegen die JudencinWanderung sperren. Und wasdann? Dann stehen wir wieder, wie so oft in der jahrhundcrtlangeu Lcidenswanderung der Juden, in ohnmächtigem Schmerz vor der unstillbaren Judennot. Es ist traurig, dass wir erst durch furchtbare Leiden lernen müssen. Aber hier ist ein Fall, an dem jeder Jude, der Herz und Verstand hat, lernen muss, dass das jüdische Volk nicht einer A u s w a n d e r u 11 g s s t ä 11 c, sondern dass es einer Heimat bedarf. Elijahu. Bonn. Wenn ein edles, in allumfassender Menschenliebe; gipicludes Lebenswerk, wenn ein dem Elend und Jammer im- : glücklicher Bruder geweiht gewesenes Dasein, bei seinem Ab- Schluss die reichlich verdiente Würdigung findet, so hat das! Leichenbegängnis unseres geliebten Führers ein Zeugnis dafür j abgelegt, dass man die Grösse des Verlustes, der die Judenheit ■ betroffen hat, sehr wohl zu würdigen wusste. Wiewohl Isaak Riilf nur wenig über zwei Jahre.» sich seiner wohlverdiente!! : Ruhe erfreuend, hier gelebt hat. so gab ihm doch die Bonner | Judenheit ein so vollzähliges Geleite, als sei er immer hier gc- ‘ wesen. Bei dem Lcichcuzugc. den die jüdische Studentcnvcrbindung Rhcno-Silsia in vollem Wichs cröffnete, fehlte fast kein Manu von Ansehen und Bildung, noch weniger aus der Klasse der Gewerbe und des Kleinhandels. Denn bei allen gleich, stand Rabl». Dr. Rüli in gleichem Ansehen und gleicher Verehrung. Die neue Leichenhalle des Bonner Friedhofes war angefüllt von den vielen Leidtragenden, denen sich auch viele Frauen anschlosse!!. Nachdem Kantor Baum die üblichen Gcbete gesprochen, trat Rabb. Dr. Elias Kaiischer an den Sarg, um in ausführlicher Rede Rülf als Seelsorger, als grossen Menschcufrcund ohnegleichen, als Menschen und als Denker zu schiidem. Hierauf sprach Rabb. Dr. Frank in Köln» namens des Verhattdes der Rabbiner Deutschlands, die in Rülf den Nestor der deutschen Rabbiner ehrten und ihn noch vor wenigen Wochen in Frankfurt, anlässlich der stattgehabten Versammlung mit aufrichtiger Freude in ihrer Mitte begrüsst hatten. Obwohl durch zahllose, freiwillig übernommene, aber insgesamt grossen Liebcswcrken zugewandten Obliegenheiten vielfacht beanspracht, habe Rülf grosse philosophische Werke vollendet. Die ״Gedankenwelt“ und der ..Weltgedanke“ haben dem Ver- Michcncn einen ehrenvollen Namen unter den Denkern und Forschern gesichert. Was Rülf als Retter der Hungernden, der Millionen im Eiend schmachtenden jüdischen Brüder in Russland gethan. das gehört bereits der Geschichte der Menschheit, an. Auf Isaak Rülf, einem der edelsten Männer unserer Zeit, passt der schönste von allen Segnungen unserer Thora: ברץ* אתה בבאך וגדיך אתת בצאתך Gesegnet sei dein Kommen, gesegnet dein Hingchcn. So lange dankbare Menschcnherzcn schlagen, wird Rtilfs Name unvergessen sein. Dr. B o d e n 11 c i m e r feierte in dem Hingeschiedenen unseren treuen Führer, der, bevor es noch einen Zionismus gab, mit weit ausschaueiidcm Blick die Notwendigkeit erkannte, dass Millionen zerstreut lebende Menschen eines Volkes auch ein eigenes Land haben müssten, der einzige Ausweg, die Juden zu befreien. Nachdem noch Dr. B e h r namens der Bonner Studenten, der Trauer seiner Kommilitonen Ausdruck verliehen hatte, trugen die Anwesenden Zionisten — meistens aus Köln — den Sarg, der die Hülle des teuren Führers barg, bis au das offene Grab. Hier sprach noch Dr. C a r l c b a c 11, Memel, Nicht Dr. Rülf. sondern in Dr. Hilf hätte der Volksmund den j Namen des edlen Verblichenen umgeprägt. Ein Vater aller! Kleinen, ein Helfer aller Wittwen, ein Beschützer aller Bedrängten, ein liebreicher Freund allen Menschen, ein Gemeinde-; gründer, ein Schulerbauer, ein Hospitalstifter, ein. Mann, der! den grössten Teil seines Lebens nur unter den Ärmsten der i Armen, unter den Unglücklichsten der Unglücklichen umherj gewandelt, nur das eine grosse Ziel im Auge, seinen Brüdern zu helfen, so beweinen heute Himderttauscnde dieser Armen den Heimgang dieses ed!c1\ herrlichen Mannes, Isaak Rülf, mit seinem Edelnamen Isaak tiiii. Nachdem noch Herr Dr. Freu- ן denstcin־Bcr!in in kurzen aber herzenswarmen Worten namens! Riilfs Berliner Freunde gesprochen hatte, wurde der Sarg in j die Erde gesenkt, präzis *42 Uhr, und nach einer zweieinhalb- 1 ständigen Leichenfeier. Sein Grab befindet sich, als letztes offengebliebene in der Rabbinerreihe, neben dem des verewigten Rabb. Dr. Falk Cohn. תרנעבח Als Nachtrag möge noch folgende Aeusserung eines Gencralsuperintcndenten, welcher der Leichenfeier beiwohnte, hier erwähnt werden. Als ihm auf seine Frage, wer die Herren gewesen seien, welche die Bahre hinausgetragen, gesagt wurde, das seien Zionisten und Rülf sei ein führender Zionist gewesen, da sagte dieser Herr Gencralsupcrintendent: Wenn ein so ausgezeichneter Mensch sich zum Zionismus bekannt hat, dann muss es eine gute Sache sein, und jeder brave Israelit darf sich dann dazu bekennen. Das ist meine aufrichtige christliche Überzeugung. Cljromfc. Berlin. Im Laufe der Wcchc wurde Stadtrat M. Mamrotii beerdigt. Die Trauerrede hielt Prediger Dr. Klemperer^ von der jüdischen Rcformgcmcmde. der auch den Segen am Grabe auf dem Friedhof in der Schönhauser-Allee sprach, nachdem das vom ״D o m c 11 o r“ vorgetragene Lied verklungen war. Uns will diese Mcngclierung nicht sehr imponieren. Aber wir sind eben nicht ״frcisiimig'Vgenug. um so etwas genügend wiirtilgen zu können. - Berlin. Nach langer Zeit fand wieder einmal eine Ahlwardt-Versannnlung statt. Die Lorbeeren Wicklers lassen den ..Rektor aller Deutschen“ nicht schlafen. Bei der Diskussion meldete sich auch ein Jude zum Wort. Die •jStaatsbürger-Ztg.", der wir die Verantwortung für die Wiedergabe überlassen müssen, schreibt darüber: ״Nachdem der Vorsitzende. Herr Kammer, dem Vortragenden den Dank der Versammlung ausgesprochen, meldete sich ein Herr Israel Lask zum Wort und gab seiner Genugtuung darüber Ausdruck, dass Herr Ahlwardt in so ruhiger, sachlicher Weise gesprochen habe, das liesse er sich schon gefallen. In demselben Saale habe vor nicht langer Zeit Graf Pückler gesprochen, der fordere immer auf, die Juden durchzuhauen, das sei doch schrecklich. Seine Aussetzungen an den Ausführungen des Redners wurden vn:1 diesen: unter dem Beifall• der Ver- Sammlung widerlegt. Herr Bruhn erwiderte dem über den Grafen so sehr erbosten Lask. dass die Stammesgenossen Lask’s es leider selbst dahin gebracht hätten, dass eine recht deutliche und laute Sprache notwendig sei, wenn der Kampfruf gegen Juda überhaupt gehört w׳crden solle: deshalb sei es durchaus notwendig, dass dem Judentum ganz energisch auf den Leib gerückt werde. Auch Herr Ahlwardt werde in seinen weiteren Vorträgen sich sicher bald wieder die ״Anerkennung“ des Herrn Israel Lask verscherzen.“ Man kann nur den schlecht,1זי Geschmack des Herrn Lask bewundern: wie sagte doch der grosse Friedrich bei Zorndorf? Aber de gustibus non cst disputadum! — Der ״Daily Mail“ teilt folgende, in England noch neuartige Vermietungsairzeige in dem Fenster einer leeren Wohnung in Stepney im East-End von London mit: ״Dieses Haus ist zu vermieten. Juden mögen nicht anfragen.“ — Birmingham. Der von der Redaktion des ״Artist“ ausgesetzte Preis von Frcs. 2500 für den besten Krünungsmarsch ist dem jüdischen Compositeur J. Davis zuc'kannt worden. — In London hat sich ein Frcmdenvertekligungskottütec gebildet, das sich die Aufgabe stellt, Dokumente und Aussagen zu sammeln, die gegen eine Einschränkung der Ein- Wanderung sprechen. In Birmingham hat eine Versammlung von Mitgliedern jüdischer Wohlthätigkcits- und geselliger Vereine stattgefunden, die gegen die vor der Einwandcrungskommission deponierten judenfeindlichen Aussagen protestiereu wollten. *— In Bialjstock ist Dr. Josef Mohilewer, ein Enkel des verehrten Rabbi Samuel Mohilewer, zum Rabbiner gewählt worden. ־״ Kiew׳. Der Qcmeinderat Jassnogurskij hat der Städteverwaltung von Kiew׳ eine Denkschrift überreicht, in welcher die Ausweisung aller in Kiew lebenden Juden \ erlangt wird. — Die Judenausweisungen aus Kiew haben in der letzten Zeit einen epidemischen Charakter angenommen. Und w ie itr.nie , wird erklärt, dass die ausgewiesenen Juden in Kiew nicht wohnen durften.... — Jekaterinoslaw. Unter den jüdischen Brot- und Zuckerbäckern von Jekaterinoslaw׳ herrscht grosse Armut, welche in der letzten Zeit erschreckende Dimensionen angenommen hat. Der Gouverneur von Jekaterinoslaw sali sich infolgedessen genötigt, die Auf- Stellung von Sparsaimnelbiichscn in allen öffentlichen Lokalen zu gestatten, um die Notlage der jüdischen Brot- und Zuckerhäckcr zu lindern. ־ Czenstochau. Wie der katholische•* Schics. Volksztg. gemeldet war, sind bis jetzt gegen 6«)0 Verhaftungcii vorgenoimuen. Das Vermögen des Klosters habe der Gouverneur mit Beschlag beiegt, um die Bestohlenen für

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