Zeitschrift für Demographie und Statistik der Juden
- Journal
- Zeitschrift für Demographie und Statistik der Juden
- Volume
- 5 (1930) (Neue Folge)
- Issue
- Heft 6 (Dezember 1930)
- Date
- 1930-12-01
- Page
- Seite 84 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Bezeichnend ist die aus der Tabelle sich ergebende Tatsache, daß der Anteil der Juden am kaufmännischen und Büropersonal, namentlich im Handelsgewerbe etwa halb so groß ist wie unter den Selbständigen und dem leitenden Personal. Die weitaus wichtigste Ursache dieser Erscheinung wird wohl in der spezifischen Alters- und sozialen Zusammensetzung der jüdischen Bevölkerung liegen, so daß die Juden den Bedarf des in rascher Entwicklung begriffenen Handels an unterstelltem Personal nicht in entsprechendem Maße befriedigen konnten. Der durchschnittliche Anteil der Juden im Handelsgewerbe wird bestimmt durch ihren Anteil im Waren- und Produktenhandel, wo etwa 80% der in der ganzen Wirtschaftsgruppe untergebrachten Juden konzentriert sind und sie in Preußen unter den Selbständigen* 10,7%, unter den Leitern 12,6% ausmachen. Nur in den schwächer beschickten Zweigen, und zwar im Vermittlungs- und im Bank- und Börsenwesen, erreicht der Prozentsatz der Juden höhere Werte: 13,2 resp. 34,3% unter den Selbständigen. Speziell in Berlin stehen gegen 19,2% Juden unter den Selbständigen im Waren- und Produktenhandel volle 44,1% im Bank- und Börsenwesen, 26,6% im Vermittlungswesen, 20,2% im Immobilienhandel und 19,5% im Versicherungsgewerbe. Man erkennt daraus, daß je höher die Handelsform, je konzentrierter das Betriebskapital und je weniger verästelt das Wirtschaftsfach, desto größer der prozentuale Anteil der Juden ist**. Daß der jüdische Anteilssatz im Waren- und Produktenhandel niedriger ist als in anderen Bereichen, ergibt sich schon zwangsläufig aus der territorialen Verteilung der jüdischen Bevölkerung in Preußen, wo sie überwiegend in den Städten wohnen und an der Versorgung der Handelsbetriebe der Provinz mit Personal nur wenig beteiligt sein können. Derselbe Grund bedingt die Tatsache, daß die Häufigkeit jüdischer Direktoren und Geschäftsführer (die vorwiegend für großstädtische Betriebe in Betracht kommen) höher ist als der Anteil der Juden unter den Selbständigen, die in überaus großer Anzahl in der Provinz kleine Betriebe ohne fremde Hilfe an leitender Stelle instandhalten. Gäbe es eine Möglichkeit, aus dem vorliegenden statistischen Material die kleineren Waren- und Produktenhandlungen auszuschalten, so hätten wir sicher einen bedeutend stärkeren Anteil der jüdischen Selbständigen am restlichen Teil des Materials feststellen können. Es wiederholt sich dabei die gleiche Erscheinung, der wir bereits in der Abteilung «Industrie und Handwerk» begegnet sind: die Gruppe der Selbständigen umfaßt hier wie dort eine große Anzahl kleiner Betriebe, in deren Bereich die Juden nicht vertreten sind. Die statistische Vermengung der großen und kleinen Handelsbetriebe hat zur Folge, daß in solchen Zweigen wie Buch- und Kunsthandel, Handel mit Tabak und Tabakwaren u. ä. der Anteil der Juden unter den Selbständigen niedriger als unter den Direktoren erscheint. Die letztgenannte Erscheinung, die geringere Häufigkeit jüdischer Direktoren im Vergleich mit den Selbständigen, die in den höheren Kategorien des Handelsgewerbes angetroffen wird, kommt besonders kraß im Bank- und Börsenwesen sowie im Versicherungsgewerbe zum Ausdruck- Es beträgt der jüdische Anteil in ganz Preußen und speziell in Berlin: im •Unter den Selbständigen verstehen wir im folgenden ausschliesslich die Belricbsinhabcr. ••In der primitivsten Form des Handels, im Hausierertum, ist der Anteil der Juden — was für viele sicher eine Überraschung sein wird — nur sehr gering und beträgt im Durchschnitt für ganz Preujjen 4,8%. 84