Zeitschrift für Demographie und Statistik der Juden
- Journal
- Zeitschrift für Demographie und Statistik der Juden
- Volume
- 5 (1930) (Neue Folge)
- Issue
- Heft 2 (August 1930)
- Date
- 1930-08-01
- Page
- Seite 26 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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Die Entwiöklungskurve zeigt dabei den gleichen Verlauf in der Hauptstadt wie in der Provinz. In den ersten Jahren nach der Stabilisierung der Währung 1924—26, als viele Teile der Bevölkerung sogut wie über Nacht ihr ganzes Hab und Gut verloren haben und keinen Ausblick in der Zukunft sahen, stieg zunächst die Zahl der Selbstmorde rapid in die Höhe, um dann in den Jahren 1927—28 fast bis zum durchschnittlichen Stand der Jahre 1920—23 abzuebben. In Berlin betrugen die Durchschnittszahlen für 1920/23: 70, für 1924/26: 108, für 1927/28: 77 Freitodesfälle; im übrigen Preußen entsprechend 82, 100 und 89. Beachtenswert sind dabei die merklichen Unterschiede in der Bewegung der männlichen und weiblichen Selbstmordzahlen. Während die Häufigkeit der Selbstmorde unter der weiblichen Bevölkerung sich dauernd in gleichbleibender Höhe bewegt (in Berlin: 30, 38 und 34, im übrigen Preußen: 32, 29 und 31), zeigt sie unter der männlichen Bevölkerung ein hastiges Emporschnellen in den Jahren 1924—26 und bestimmt auf diese Weise die Richtung der Gesamtzahl. Schlagen wir die jüdische Einwohnerschaft Preußens für den Durchschnitt der Jahre 1924/26 und 1927/28 auf rund 400.000 an, wovon auf Berlin 175.000 und das übrige Preußen 225.000 entfallen, so ergeben sich folgende Quoten des Freitodes, berechnet auf je 100.000: Preußen Berlin Uebriges Preußen 1924—26 52,0 61,7 44,4 1927—28 41,5 44,0 39,5 Gegenüber diesen Zahlenreihen bietet die Vorkriegszeit folgendes ungleichmäßiges Bild: Preußen Berlin Uebriges Preußen 1910 29,4 31,3 28,5 1913—14 43,6 37,5 47,1 Alles in allem gestaltet sich die Freitodhäufigkeit sowohl in Berlin als auch im übrigen Preußen höher als im Durchschnitt der Vorkriegsjahre 1910/14, wobei der Anstieg für Berlin sehr beträchtlich, für das übrige Preußen aber nur unbedeutend erscheint. Diese Verschiedenheit der Verhältnisse in Berlin gegenüber dem übrigen Preußen lässt sich unseres Erachtens kaum auf die Verschiedenheit der großstädtischen Bevölkerung gegenüber der Einwohnerschaft der Provinz zurückführen, wie es so häufig geschieht. Es geht kaum an, die angeblich erhöhte Nervosität der Großstädter und ähnliche seelischen Momente für die zunehmende Flucht aus dem Leben verantwortlich zu machen, jedenfalls geben diese Motive allein keine ausreichende Erklärung. Viel eher dürfte die Ursache in der Tatsache zu suchen sein, daß die Großstädte und speziell Berlin von vielen aus der Provinz herkommenden Fremden aufgesucht werden, die sich die erste Zeit in den Verhältnissen der überfüllten Städte nicht zurechtfinden, sich den neuen ungewohnten Bedingungen nicht anpassen können und in der fremden gleichgültigen Umgebung nicht Halt und Stütze finden. Des übrigen sind die amtlichen Freitodzahlen sicher niedriger als in Wirklichkeit, und zwar aus dem einfachen Grunde, weil eine nicht unbeträchtliche Zahl von jüdischen Selbstmördern sich in der Rubrik der Konfessionslosen versteckt hält. Halten wir uns aber auch nur an die offiziellen Angaben, so ergibt sich immerhin, daß die jüdische Gemeinschaft 26