Zeitschrift für Demographie und Statistik der Juden
- Journal
- Zeitschrift für Demographie und Statistik der Juden
- Volume
- 5 (1930) (Neue Folge)
- Issue
- Heft 1 (Juli 1930)
- Date
- 1930-07-01
- Page
- Seite 12 (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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In den Ländern, die vornehmlich in Betracht kommen, wenn vom numerus clausus und von Benachteiligung der jüdischen Hochschuljugend die Rede ist, ist die Lage besonders traurig, nämlich in Polen, Ungarn und Rumänien. Der Bedarf der jüdischen Bevölkerung an Hochschülern dürfte sich für Polen auf 16219 beziffern, während ihre tatsächliche Anzahl bloß 7744 ausmacht, d. h. um 52,3% weniger. In Ungarn gibt es nur 1284 anstatt der zu erwartenden 2789 jüdischer Studenten. Den Rekord schlägt Rumänien. Anstelle der theoretisch berechneten Zahl von 4951 jüdischen Studenten finden wir hier nur 800, also einen Ausfall von über 80%. Wenn auch Litauen einen Minus von 17% aufweist, so ist es auf die primitiven Zustände der einzigen litauischen Universität zurückzuführen, die dazu beitragen, daß die lernbegierige jüdische Jugend Litauens westeuropäische Hochschulen aufsucht. Aus diesen Ausführungen ergeht, so wenig exakt die angewandte Methode auch sein mag, immerhin mit unbestreitbarer Deutlichkeit die wahrhaft unerfreuliche Lage, in der sich die heranwachsende jüdische Jugend in Polen, Ungarn und Rumänien befindet. Die Verteidiger des numerus clausus lieben es immer wieder, zu betonen, daß diese Maßnahme keineswegs das Ziel verfolge, die Juden zu benachteiligen, wie vielmehr die gerechten Ansprüche der nichtjüdischen Bevölkerung zu befriedigen. Dabei wird stets darauf hingewiesen, daß der Prozentsatz der Juden unter der Studentenschaft höher sei, als es ihrem Bevölkerungsanteil entspräche. In unserer Arbeit <Die jüdischen Studenten in Europa in der Nachkriegszeit» in den Blättern für Demographie, Statistik und Wirtschaftskunde der Juden Nr. 5 Jahrg. 3 haben wir bereits auseinandergesetzt, daß es unzulässig ist, den Bedarf der Juden an Hochschulen nach der Maßgabe ihres Anteils in der Gesamtbevölkerung des Landes zu werten. Dies gilt umsomehr für die osteuropäischen Länder, wo die Studentenschaft fast ausschließlich aus Städtern zusammengesetzt ist. Die ländlichen Elemente entstammen den Gutsbesitzerkreisen, aber nicht der Bauernschaft. Bei vergleichenden Betrachtungen müssen somit die Bauern aus dem Bezugskörper eliminiert werden. Für die Jahre 1923/24, als die Lage der jüdischen Studierenden in Rumänien, Ungarn und Polen günstiger war als 1926/27, konnten wir in der zitierten Arbeit den Nachweis erbringen, daß der Anteil der Juden in der Studentenschaft Ungarns verglichen mit dem Prozentsatz der Juden in der städtischen Bevölkerung des Landes, als ein geringerer zu bezeichnen ist. Nachstehende Tabelle, die mehrere Länder umfaßt, ist dazu angetan, diese Schlußfolgerung zu bekräftigen. So z. B. beträgt der Prozentsatz der Juden innerhalb der städtischen Bevölkerung Rumäniens etwa 25%, während sich der Anteil der Juden innerhalb der rumänischen Studentenschaft auf nur ca. 4,2% beläuft. In Ungarn betragen die entsprechenden Prozentsätze 8,6% für die Studentenschaft gegen 17,2% für die städtische Bevölkerung, was ein Verhältnis von 1 :2 ergibt. In Polen ist die erste Ziffer fast um */s kleiner als die zweite. Bei der jüdischen Bevölkerung Litauens liegt ein fast adäquates Verhältnis vor. Höher beziffert sich der Prozentsatz für die Studentenschaft gegenüber den für die städtische Bevölkerung nur in den beiden «Einwanderungsländern», Deutschland und der Tschechoslowakei. 12