Volk und Land
- Journal
- Volk und Land
- Volume
- 1 (1919)
- Issue
- Heft 48-49 (27.11.1919)
- Date
- 1919-11-27
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2649276-2649277-2649311--0933-2650299- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
VOLK LAMD JUEDISCÜMÜMI^NSCHRIFT FUER POLITIK, WIRTSCH^VUND PALAESTINAARBEIT Xjy HERAUSGEGEBEN VON DAVIS TRIETSCH 27. NOV. I 3. DEZ. 1919 HEFT 48/49 I. JAHRGANG DIE ARABISCHE BEWEGUNG Von M. R. Kohen, Beymth. Es gibt keinen Ort in Syrien, in dem die Einwohner in so verschiedene Parteien zerfallen wie in Beyruth.. Die politische Zukunft dieses Distrikts beschäftigtfast alle Häupter der Gemeinden und ihre Vertreter. In Damaskus z. B., das vor dem Kriege zirka 1/2 Million Einwohner zählte, war der größte Teil der Einwohner Muselmanen. Die Zahl der Christen, die dort wohnen, ist verschwindend klein, daher kommen ihre Bestrebungen trotz der Gegensätze zu den Zielen der muselmanischen Araber überhaupt nicht in Betracht, und sie vermögen nicht im geringsten die Arbeit dieser entscheidenden Mehrheit in ihrem Bestreben und ihren Zielen zur Erneuerung des arabischen Kalifats durch dein König in Hedjas zu stören. Anders ist die Lage im Distrikt Beyruth, der in nahem Zusammenhang mit dem Libanon steht und sehr große Gruppen beider Religionsgemeinschaften enthält. Hier ist die Trennung der Ein- | wohner nach politischen und religiösen Gesichtspunkten deutlich zu erkennen. Jede Religionsgei meinschaft sammelt ihre Mitglieder und organisiert 1 sich in einer besonderen Partei. Bemerkenswert j ist, daß diese Parteien, die alle auf religiöser Grundj läge aufbauen, ihren Liberalismus betonen, und \ die Freiheit in der Ausübung jedes Bekenntnisses als erste Bedingung für die zukünftige Verfassung fordern. Während der Begriff des „Nationalismus“ bei anderen Völkern, die eben auferstanden sind, klar und verständlich ist, streiten hier Presse und Parteien um die zukünftige Form der arabischen Welt. Die Einen sagen, es lebe nur eine arabische Nation in diesem Lande und zu ihr gehören alle arabisch Sprechenden, ausschließlich der Syrer, der Libanesen, der Palästinenser und der Bewohner Aleppos, Mesepotarntens und Mekkas. Die anderen dagegen behaupten; daß zwischen den Libanesen oder den Beyruther Christen und den Arabern des Hedjas gar keine geistige Verwandtschaft oder gemeinsame Interessen bestehen. Nach ihrer Meinung muß zwischen all diesen Nationen getrennt werden, die bis jetzt unter der türkischen s Regierung vereint waren. Gegen die Entstehung j eines selbständigen Hedjas haben sie nichts einzuj wenden, aber dieses dürfe keine Ansprüche erheben j auf Orte, deren Einwohner in der Majorität Christen sind. Es gibt also zwei Hauptströmungen, daneben! aber unzählige kleine Gruppen. Jeder, der irgend einen Einfluß aiuf seinen umgebenden Kreis hat „ unu Kraft und Mut besitzt, scnafft sich eine eigene Tribüne und so kommen alle möglichen Parteien zum Vorschein. Das Resultat ist, daß weder die Einen noch die Andern im Namen der großen Schichten des Volkes sprechen können. Stets waren 2 3 der Einwohner Beyruths Christen und niur i/s Muselmanen. Trotzdem galten die letzteren als die „Bürger“ und als Herren der Stadt. Es wurmt sie natürlich, daß die Kraft aus ihren Händen in die der Christen übergehen soll. Andererseits sind sich die Christen der Wichtigkeit des politischen Momentes voll bewußt und setzen alles daran, um mittels ihrer Majorität die Wagschale auf ihre Seite zu neigen. Die Anhänger des Libanons wna seine Einwohner verlangen auch ihrerseits die Anerkennung ihrer Nationalität und fordern sogar eine Erweiterung ihres Wohngebietes. Sie versuchen zu beweisen, daß die natürlichen Grenzen des Libanons auch die Städte Beyruth, Tripoli und Sydon einschließen. Auch wissen sie zu behaupten, daß, als im Jahre 1862 dieser Distrikt der Türkei entrissen wurde, man bei der Grenzfestsetzung die europäischen Ingenieure bestochen hatte, damit sie diese Städte vom Libanon ausschließen. Die Libanesen geben noch einen wirtschaftlichen Giund an für den Einschluß der drei obengenannten Städte, besonders Beyruths in die besondere Autonomie, die sie verlangen. Es ist bekannt, daß der Libanon zumeist von der Seidenzucht lebt. Große Quantitäten von verarbeitetem Material werden jährlich in alle Länder Europas exportiert, und der Hafen Beyruths ist der einzige, über den diese Ausfuhr geht. Wenn dieser Hafen nicht mehr dem Libanon gehören wird, so wird dieses Land seiner wirtschaftlichen Zukunft beraubt werden. Die Fürsprecher des Libanons und seine Anhänger sammeln sich unter der Fahne des bekannten Vereins „Vereinigung des Libanons“, welcher im Jahre 1909 in Aegypten von dem berühmten Dr. Sch. Schmuhl, August Adib Pascha und Joseph Soda gegründet wurde und das seitdem sich weit verbreitet hat. Außer seinen Filialen in Kairo, Alexandrien und Paris verbreitete sich dieser Verein auch in vielen Städten in Afrika und besonders in Amerika, wo die Zahl der Libanesen der in der Heimat wohnenden gleichkommit. Die Libanesen besitzen vier Tageszeitungen für ihre sehr intensive Propaganda. Eine besondere Liebe hegen die Einwohner des Libanon für das französische Volk. Sie gedenken in Dankbarkeit der geistigen Unterstützung, des Schutzes und der Hilfe, die ihnen Frankreich in der Mitte des 18. Jahrhunderts geleistet hat, als die Drusen sie überfielen und Pogrome veranstalteten. Alle verlangen sie nun, daß die Oberaufsicht über