Volk und Land
- Journal
- Volk und Land
- Volume
- 1 (1919)
- Issue
- Heft 46-47 (13.11.1919)
- Date
- 1919-11-13
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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VOLK LAND JUEDISCtiBpi^lSCHRIFT FUER POLITIK, WIRTSCH^^UNO PALAESTINA ARBEIT HERAUSGEGEBEN v6n DAVIS TRIETSCH 13./ 20. NOVEMBER 1919 HEFT 46/47 I. JAHRGANG DAS ENDE DER AFFAIRE OETTINOER 1. Maximal - Dilettantismus Unter dieser Ueberschrift veröffentlichte die „Jüdische Zeitung*■ im Oktober einen anonymen Artikel, in dem zunächst gegen „die alten zionistischen Führer aus der Zeit Herzls“ polemisiert wird, namentlich gegen Nordau, Z a n g w i 11 und Gaste r. Im größeren Teil des Artikels wendet sich der Herr Anonymus gegen mich. Ich finde keinen besseren Weg, den Tiefstand dieser Sorte zionistischer Journalistik zu kennzeichnen, als indem ich ihn vollinhaltlich zum Abdruck bringe. I>. T. Ernstere Beachtung als die erwähnten Strömungen verdient jene Opposition, deren Mittelpunkt in Deutschland liegt und deren regsamer Führer Davis Trietsch bereits einen Namen und ein Organ gefunden hat. Trietsch hat auf dem letzten Berliner Delegiertentag der deutschen Zionisten, der ausschließlich der Palästinafrage gewidmet war und bei dem die Mehrheit für die heutige Leitung entschied, bereits die heftigste Opposition angekündigt. Er hat seitdem zahlreiche Propagandareisen — auch in Oesterreich — gemacht, um für die oppositionelle Fraktion der „Maximalsten“ zu werben und jüngst hat er in seinem Organ „Volk und Land“ bereits schweres Geschütz aufgefahren und mit einem Generalangriff gegen die Leitung begonnen. Im Gegensatz zu den früher Genannten geht diese Opposition von rein sachlichen Gesichtspunkten aus. Trietschs Gegnerschaft richtet sich nicht in erster Linie gegen die politische Führung, sondern gegen die obersten Beamten der Organisation und die Leiter unseres Kolonisationswerkes, vor allem gegen Ruppin und Oettinger. Ein offizieller Kolonisationsplan liegt zwar bis heute nicht vor und kann auch nicht veröffentlicht werden, solange die politischen Fragen nicht gelöst sind; dennoch haben Oettinger und Ruppin es unternommen, mit allen Vorbehalten schematische Vorschläge für die künftige Kolonisation zu veröffentlichen und ihre Anschauungen über die realen Möglichkeiten an der Hand von Berechnungen darzulegen. Diesen Publikationen liegt die Auffassung zugrunde, daß das jüdische Gemeinwesen allmählich und organisch entstehen muß und daß daher von vornherein ein einheitlicher Wirtschaftsplan vorliegen muß, nicht nur um eine Katastrophe durch überstürzte Desperado-Immigration zu vermeiden, sondern auch, um den Charakter des jüdischen Palästina zu sichern. Demgegenüber fordert der Maximalismus sofortige unbeschränkte Einwanderung großer Massen und ihre Unterbringung in allen erdenklichen Berufen (wobei Trietsch aiuch die Chahukah nicht ausschließt) auf Grund der theoretischen; Ueberzeugung, daß die Fassungskraft des Landes schon im gegenwärtigen Moment und ohne irgend i welche eingreifende Vorbereitung eine schier unbeschränkte ist. Trietsch beruft sieh dabei auf alle möglichen Autoritäten und Berechnungen, insj besondere auf Ballod, Soskin und auf Ruppins Beurteilung des Libanon-Gebietes. Er stellt es als j Selbstverständlichkeit hin, daß Palästina schon landwirtschaftlich „auch den maximalistischen (!) Einwanderern“ Betätigungsmöglichkeit bietet; hinzu komme noch der Industriebedarf allein des Orients. Und zwar bedürfe eine Beschäftigung auch der größten Einwandererziffer aut diesem doppelten^ Arbeitsfeld absolut nicht längerer Zeit, sondern s o fort ist „jede schaffende Hand nutzbar zu machen“. Er geht sogar so weit, ernsthaft für die Schaffung „amerikanischer Arbeitsgelegenheiten“ zu plaidieren, solcher Einrichtungen, wie sie vor dem Krieg in Amerika möglich waren und heute bei maximaler Einwanderung in Palästina möglich sind. Das heißt nichts anderes, als daß die amerikanischen Schwitzhöllen, jene fürchterlichsten und unmenschlichsten Ausgeburten dess kapitalistischen Systems, die den jüdischen Einwanderer erbarmungslos proletarisieren und die schärfsten wirtschaftlichen Spannungen erzeugen, die Grundlage des neuen jüdischen Lebens sein sollen. Aber Trietsch nimmt es nicht einmal so genau. Er ist nicht einmal für unbedingte Produkt tivität, sondern auch Menschen „ohne Geld, Kenntnis und Kraft“, Bettler und Almosenempfänger, sind seinem Maximalismus willkommen. Es klingt beinahe wie ein Hohn, wenn er sich darauf beruft, daß auch die bisherige Einwanderung des vergangenen Jahrhunderts vorwiegend aus solchen Elementen bestand. Ja gerade solche kleine Bemerkungen sind für die Beurteilung von Trietschs System von außerordentlich illustrativem Wert. Sie beweisen nämlich, daß Trietsch in diesem entscheidenden Moment sich des Grundgedankens i des Zionismus absolut nicht bewußt ist. Er, der i den zionistischen Führern von heute „Unfug und! Volksbetrug“, „unglaubliche Verkehrtheit“ und | ähnliche Schmeicheleien an den Kopf wirft, weil j sie angeblich das zionistische Programm nicht ver- ' stehen und „antizionistische Politik propagieren“, zeigt in seinen neuesten Auslassungen, daß er trotz seiner jahrelangen Tätigkeit im Zionismus vom zionistischen Geist unberührt geblieben ist. Er weiß nicht, daß der Zionismus sich nicht nachden Erfahrungen des vorigen Jahrhunderts richten; kann, weil er eben etwas Neues will; für