Volk und Land
- Journal
- Volk und Land
- Volume
- 1 (1919)
- Issue
- Heft 40-41 (2.10.1919)
- Date
- 1919-10-02
- Page
- Seite 1249-1250 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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1240 wo wir den größten Teil der für unsere Anleihe nötigen Gelder erwarten dürfen, sind die Vorteile und Rentabilitäten systematischer Aufforstung am besten bekannt, so daß dortige Kapitalisten und dortige Fachleute wohl in der Lage wären, ein entsprechendes Finanzierungsobjekt aufzusteüen. An den Gedanken, daß der Aufbau Palästinas Milliarden Geldes erfordern wird, hat man sich nachgerade — besonders unter dem Eindruck der Milliardenwirtschaft der Kriegsjahre — gewöhnt. Daß der Zionismus — „für das jüdische Volk“ — von vornherein mit der Uebersiedelung von Millionen Menschen nach Palästina gerechnet hat, ist jedenfalls noch erinnerlich, wie sehr man auch den Augenblick der politischen Oeffnung des Landes dazu mißbraucht, lum urplötzlich zu verzagen, weil angeblich weder Land noch Volk für die (alle diese Jahre hindurch propagierte und „vorbereitete“) zionistische Lösung reif seien. Palästina und die Juden sind aber geeignet genug, wenn es nur an den Mitteln nicht fehlen wird, diese beiden Teile der zionistischen Lösung zusammenzubringen. Tatsächlich liegt es so, daß nicht Palästina und nicht unser Volkselement das Grenzmaß unserer Einwanderung bilden, sondern einzig und allein „das Geld“. — Für jede Milliarde Francs werden wir etwa eine Million sogar mittelloser Juden in Palästina ansiedeln können, wobei allenfalls die Ueberfahrlskosten nicht berücksichtigt sein mögen. Eine Milliarde Francs pro Million Juden (eine hübsch großzügige Formel) entspricht genau den 800 Mark pro Kopf, die Prof. Ballod in seiner Arbeit „Die Möglichkeiten des Zionismus“ (siehe in dieser Zeitschrift, Heft 8/9, Spalte 238) berechnet hat. Diese Rechnung ist von Ballod absichtlich und bewußt recht hoch gegriffen. In seiner ursprünglichen Veröffentlichung vom Jahre 1916 waren nur 600 Mark pro Kopf angegeben gewesen. Dabei bezog sich der dort genannte Betrag von 4,8—5 (ursprünglich 3,5) Milliarden auf die Installation von 6 Millionen Einwanderern auf landwirtschaftlicher Basis unter Verwendung der allerbesten und allerneuesten Maschinerien, Methoden usw. innerhalb eines ad hoc auch sonst mit allem Erforderlichen ausgestatteten modernen Staats wesens. Es ist klar, daß die Industrie eine billigere Grundlage geben kann, und daß auch das in unserer gesamten Einwanderung zu erwartende ungefähre Drittel an alten Leuten, Rentnern usw. viel geringere Installationskosten per Kopf beanspruchen wird. Aber die „Milliarde pro Million“ — oder Ballods zirka 6 Milliarden Francs für die ersten 6 Millionen Einwanderer — sind ein guter Maßstab für Kapitalbedarf und mögliche Leistung! Dieser Maßstab bedeutet etwa 5000 Francs pro Familie vton 5 Köpfen, oder eine Million Francs für das Anfangsstadium des neuen Typs der Großsiedlung, die — auf mindestens 5000 Einwohner berechnet — schon „zu Anfang“ etwa 1000 Seelen haben sollte. Auch der Kleinmütigste wird zugeben, daß es keine allzu großen Schwierigkeiten machen dürfte, mit einer Million Francs in der Hand, 1250 und - beispielsweise mit der Industrie und den Fachleuten Englands und Amerikas zur Verfügung. eine solche Kolonie von 1000 Seelen aufzustellen. einzurichten und in Gang zu bringen. Aber es ist dann nicht minder klar, daß das Reservoir der Welt an Fachleuten und Maschinen usw. usw. ohne weiteres ausreicht, das Beispiel der einen Großsiedlung in jedem beabsichtigten oder erforderlichen Zeitraum zu verzehnfachen, zu ver- | hundertfachen und zu vertausendfachen! — | Die letztere Multiplikation entspricht nur der J ersten Milliarde! i Nur? — Gewiß! Zwei Jahre vor dem ersten j Zionistenkongreß in Basel, neunzehn Jahre vor dem Weltkrieg, zweiundzwanzig Jahre vor der englischen Regierungserklärung ... sagte Herzl zu Baron Hirsch: „Ich werde eine jüdische Nationalanleihe von zehn Milliarden Mark aufbringen .. .Was sind zehn Milliarden für die Juden?...“ Waren etwa die heutigen Minimalisten nicht begeistert? Haben sie etwa dem Baron Hirsch! seine kühle Reserve nicht stärk verübelt? Ist das I alles etwa vergessen? Soll etwa auf einmal Baron! Hirsch der überlegenere Kopf gewesen sein? | Haben die Zeitumstände sich seit 1895 etwa zu | Ungunsten einer großzügigen Finanzierung ver- | schoben? Seit 1895, als die Zahl der Juden um | zirka 9(2 Millionen (gegenüber den heutigen 15)! betrug? (Die Reihe der Fragen kann endlos fbrt- | gesetzt werden.) | In der Tat dürfte nach meinen Berechnungen i der Gesamtwohlstand der Juden „zu Anfang 1914 immerhin 100 Milliarden Mark betragen haben, und auch heute nicht geringer anzusetzen sein. Die Art der Einwanderung nach Palästina, wie wir sie gegenwärtig zu erwarten haben, wird ziemlich stark auch von wohlhabenderen Elementen durchsetzt sein. Schon 100 000 Familien, die ihre Niederlassung in Palästina aus Eigenem bestreiten wollen, und durchschnittlich nur über 10 000 Goldfrancs per Familie verfügen, hätten ein Gesamtkapital von einer Milliarde. In der Errichtung dieser Heimstätten für bemitteltere Einwanderer finden auch die Mittellosen Arbeit, Existenz und Ansiedlungsmöglichkeit. jene Milliarde wird ja weitaus, zum größten Teil in Arbeit und Arbeitslohn anzulegen sein und in einem viel größeren Siedlungswerk resultieren als in der Niederlassung der bemittelten Elemente allein. Daneben dürfen wir mit zahlreichen kleinen und großen Unternehmungen rechnen, die innerhalb 'des Aufbaus Palästinas in Verbindung mit Kolonisation oder Kapitalsanlagen bereits in Vorbereitung sind und fortwährend neu entstehen werden. Auch hier handelt es sich um erhebliche Kapitalien, die auch, soweit sie nicht direkt mit der Schaffung von Heimstätten zu tun haben, durch die Arbeitslöhne wieder die Ansiedlungstätigkeit verstärken werden. Beispielsweise werden zahlreiche Industrien entstehen, die gerade so gut wie in den Städten — und meist viel besser — auf dem Lande unterzubringen wären, derart, daß die gesamte Airbeiter- und Beamtenschaft auf diesem Wege und ohne eigene Mittel zu einer garten städtischen (oder industriedörflichen) Niederlassung gelangt. VOLK UND LAND