Volk und Land
- Journal
- Volk und Land
- Volume
- 1 (1919)
- Issue
- Heft 35 (28.8.1919)
- Date
- 1919-08-28
- Page
- Seite 1115-1116 (sequence 18)
- Language
- German
- Belongs to
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1115 VOLK UND LAND 1116 festhaltenden Anhänger, der kleinere Teil ging nach Chorassan, der größere aber wanderte aus Persien aus, ging in die Zerstreuung, die meisten nach Nordwestindien. Noch heute nun, seit 1268 Jahren — der Unterschied gegen die jüdische Zerstreuung von 1841 Jahren ist nicht groß — haben diese Parsen in allein und jedem das Schicksal der Juden geteilt und sich erhalten. Kraft der Gnade der Religion? Nein* sondern weil sie kraft der Religionsbesonderheit extra commercium et connubium einen Staat im Staate bildeten. In allem gleichen die Parsen den Juden: Parsentum und Judentum sind Volkstum sowohl als „gelebter Glaube'Parsen und Juden haben Religionsüber der strikten Observanz sowohl als religiös Lässige, auch Assimilanten haben beide — Lord Swaythiling hier, heißt Lord Butterfly dort —, nur einen parsisch.cn „Zionismus“ gibt es noch nicht (obgleich einer Rückkehr der Parsen nach Persien seit einigen Tagen Hindernisse nicht mehr im Wege stehen). Ist nun die Religion deshalb erhaltend, weil sie göttlich ist, so müßten sowohl die Parsen wie die Juden beide eine göttliche Religion haben. Was! wir bestreiten. Der Zusammenhang muß also wohl ein anderer sein. Nehmen wir ein zweites Beispiel. Zur Zeit der Karolinger wohnten zu Cöln a. Rh. eine kleine Siedlung von „Judaei, Syrii, Arabesque“: die Araber und Syrer waren katholisch, die Juden jüdisch: die Araber und Syrer verschwanden unter ihren Mitchristen, die Juden blieben. Die Erklärung liegt da auf der Hand, zu mystischen Hypothesen (qualitates occultae) Zuflucht zu nehmen, erübrigt sich wohl. Nu% wie denn, wenn die Juden etwa den Glauben der Phöniker bekannt hätten, so wären sie doch wie diese nach dem Fall des Staates untergegangen? Gewiß, die Religion der Phöniker war nämlich ein Naturdienst wie der der Römer und Griechen auch, wer Tanit anbetete, konnte kein Bedenken tragen, Juno zu verehren, denn es war ein und dasselbe, es galt gleich viel. Umgekehrt, wenn die Juden den zarathuschtrischen Glauben gehabt hätten, hätten sie sich ebenso erhalten wie mit dem jüdischen Glauben: nicht etwa, weil der Parsismus eine wahre Religion wäre, sondern wegen der Unvereinbarkeit (besser gesagt: der Nicht-Mischbarkeit) mit der griechisch-römischen Naturreligion. Ich komme zum andern Punkte: „Sendung des Judentums“, „das innere Volk“. Hier muß weiter ausgeholt werden. „Sendung des Judentums“ ist im Munde des jüdischen Liberalismus die „mythologische Auffassung“ der jüdischen Verbannung. Der jüdische Liberalismus redet von „Sendung des Judentums“ immer dann, wenn er dem Vorwurf zu begegnen hat, das Judentum sei nicht universal, sondern national. Gewiß, von den fünf großen Religionen : Judentum, Christentum, Islam, Buddhismus, Parsismus sind Judentum und Parsismus national, Christentum, Islam, Buddhismus universal. Das Judentum als Religion, ich meine jetzt das wirkliche, allein verbindliche, allein jüdische, überlieferte Judentum, so wie es Aguddat Jisrael und Fraktion Misrachi haben und es überkommen ist, das Judentum bedarf des Universalismus nicht: „Alle Frommen aller Völker haben Anteil am ewigen Leben“. Das Judentum aber ist national, der Besitz der Lehre Verpflichtung und Rechtsanspruch nur für das jüdische Volk. Longum iter per praecepta breve per exempla: es ist wohl besser, ich bringe für die Begriffe „Sendung des Judentums“ und „inneres Volk“ wie sie der jüdische Liberalismus und wie sie das Judentum haben, einen Beleg. Ich gebe das Alenu-Gebet in der Fassung des Abraham Geiger, und setze darunter das Alenu-Gebet in der üblichen Fassung des Rab Abba Media. nayS upSri dspsp rvtPKia nHi nnS SanjnnS na»1? .'«i nman ninctpn Saa no«a Dies Alenu-Gebet ist das Alenu-Gebet des jüdischen Liberalismus. Daran Saa wSivn nna aapSn d» «StP rwioa tj oai nnam -ipip' ah ha ha pm San1? nnnntpot n»jnw nntp .oa? n’jna Dies Alenu-Gebet ist das Alenu-Gebet. Es wurde von den Blutzeugen des Glaubens und Volkstums beim Besteigen der Scheiterhaufen gesungen. Die frommen Sephardim und Ljtwaken beten es noch jetzt so. Ich denke, über „Sendung des Judentums“ und ,/inneres Volk“ sind nach dem obigen keine Worte mehr zu verlieren: bloße Zweckerfiindüngen der Assimilation. Bliebe der Hauptpunkt: die innere Krise. Da der gesamte Zionismu smitbestemGrundeden jüdischen Liberalismus*) als ungesdhichtlich, als „mythologische Auffassung“ und innere Bejahung der Verbannung, d. h. als anti nationale Geschichts- und Religio n s k 1 i 11 e r u n g a b 1 e h n t, ist die innere Krise, von der Strauß spricht, nicht nur nicht vorhanden, sondern nicht denkbar. Religion und! Zionismus, Judentum und Judenheit! Wenn man über die Entwicklung in Erez Jisrael Voraussagen machen soll, müßte man sich die Religionsentwicklung ähnlich denken wie. in Frankreich und den lateinischen Ländern überhaupt. Das Judentum ist als Lehre irreformabel, ebenso wie der Islam, beide Religionen sind eben orientalische Gesetzesreligionen ohne „Entwicklung“. Man wende nicht ein, daß der Protestantismus einer Entwicklung fähig sei, auf der Höhe der Philosophie und des Fortschritts der Wissenschaft sein könne (Adolf Ha mack, William Robertson Smith, Nathan Söderbiom): der Protestantismus, der von Germanen bekannt wird, ist eben der Protestantismus, das Judentum das Judentum. Es lebt ein jedes sein eigenes Leben. Das Judentum ist eine schlechterdings irrefcrmable Volksreligion, es gibt somit in Erez Jisroel mit Notwendigkeit jüdische Freigeister und gesetzestreue Juden, 'ecoles libres’ und 'ecoles laiques’, die Tempel der Freimaurerei und die Jeschibot, die Bruderkette und das Minjan, Sportplatz und Cheder, aber ein Vaterland und eine Sprache, e i n Judentum und eine Judenheit. Es ist so. Und es ist wünschenswert so. Denn so ist es das naturgemäße Leben. Besteht noch eine Unklarheit? Ich beseitige sie: Die wunderbare Geschichte, die nur von der Erhaltung durch die Lehre und um der Lehre willen spricht, ist ein ungeheurer Irrtum •— diese Lehre selber eine Zusatzerscheinung im natürlichen Verlaufe des Weltprozesse s**). Wir sind der Unnatur müde: „Es weint der Wind vor Sehnsucht, während der Blitz in der Wolke leuchtet!“ Das jüdische Volk lebt nicht auf seinem Boden, sonder in der Verbannung: dies ist weder sein Schicksal noch seine Sendung, sondern seine Schande. „Der Tod des Mannes in der Ehre ist wie sein Leben: Das Leben des Mannes in der Erniedrigung ist der Tod selbst.“ Ich bedauere, sehr scharf haben sein zu müssen : die Klarheit dient der Wahrheit: amicus Plato, magis amica veritas. Dr. John Loewenthal. *\ Vgl. a. a. O. S. 41, Zeilen 1—9 von oben. **) Vgl. a. a. O. S. 31, Zeilen 14—19' von oben. Verantwortlich: Für die Redaktion C. Z. Klötzel; für die Inserate Fritz Scherbel, beide Welt-Verlag, Berlin NW 7. Druck von Siegfried Scholem, Berlin-Schöneberg.