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Volk und Land · 1919-08-14 · Heft 33-34 (14.8.1919) · p. Seite 1083-1084

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Journal
Volk und Land
Volume
1 (1919)
Issue
Heft 33-34 (14.8.1919)
Date
1919-08-14
Page
Seite 1083-1084 (sequence 34)
Language
German
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1083 VOLK und LAND 1084 Vorteile und Benachteiligungen als Machtmittel in ihrer Hand, um hier einen sanften Druck auszuüben. Und die Ablösung seines Bodens bietet dem Kolonisten eine Barsumme, deren Lockung unwiderstehlich sein wird. Die hierzu nötigen Mittel (Ruppin schätzt den Bodenwert der heutigen Kolonien auf nur 17 Millionen Frcs.) sind im Vergleich zu den Gesamtmitteln, die der Bodenerwerb erfordern wird, recht unbedeutend. Auch das Bedenken von Soskin, daß die Nationalisierung des jüdischen Bodens ohne die des arabischen zu einer schweren Ausbeutung durch die Araber führen wird, gilt nur, wenn wir aus Mangel an Siedlungsland bald von den Arabern Land kaufen müssen; das dürfte aber bei geschickter Ausnutzung der heute staatsrechtlich gegebenen Möglichkeiten für lange Zeit hinaus nicht der Fall sein. Die Nationalisierung des jüdischen Bodens muß also mutig, entschieden und lückenlos durchgeführt werden. Ihre Hauptschwierigkeiten liegen anderswo, in der Zuteilung des Landmaßes und in den Problemen der Beleihung. Im Zusammenhang hiermit kann auch gesagt werden, daß die Probleme der städtischen Siedlung und der ' Anlage jüdischer Stadtviertel bei Ruppin etwas zu kurz gekommen sind. Ruppin ist wohl auch hier noch sehr im Banne der kleinen Verhältnisse der Vergangenheit. Die große volkswirtschaftliche Bedeutung der städtischen Siedlung liegt aber darin, daß hier die Spekulation ihren fruchtbarsten Boden findet und von hier aus auch auf das flache Land übergreifen wird, wenn nicht von vornherein in den Städten eine gesunde Entwicklung herbeigeführt wird. Wir sind nicht der Meinung Ruppins (S. 123), daß die jetzt in öffentlichem jüdischen Besitz befindlichen städtischen Böden zur Sicherung einer solchen Entwicklung genügen. Eine Terrainspekulation wird vielmehr nur dann ausgeschaltet werden können, wenn der J. N. F. in den Städten dauernd genügend! freies Land 'für Bauzwecke zur Verfügung hält, um Ä'ne Platznot unmöglich! zu machen. Auch hier muß rasch zugegriffen werden; gestützt auf das zurzeit bestehende Verbot privater Landkäufe muß die Jüdische Kolonialgesellschaft sich sofort Terrains am Rande der Städte auf weite Sicht verschaffen. Genaue Pläne für eine praktische Verwendung des Erdbaurechts zur Anlage von jüdischen Stadtvierteln und zur Verhinderung von städtischer Boden- und Mietsspekulation müssen rasch ausgearbeitet werden. Sie sind ebenso wichtig wie Pläne für Pflanzungsgesellschaften; das lehrt der mißglückte Versuch von Tel-Awiw. — Nicht recht verständlich und sicher wohl auch geschäftlich nicht haltbar ist hier Ruppins Anschauung (S. 288), daß städtischer Baukredit von der zu gründenden Hypothekenbank nur an solche Personen gegeben werden soll, „die über genügende eigene Mittel nicht verfügen“. Was heißt das? „Kredit“ wird sonst gerade an „Kreditfähige“ gegeben. Auch der etwas' Bemitteltere, der Geld zum Hausbau hat, wird dieses, wenn er keinen Baukredit bekommt, natürlich in ein Geschäft stecken und lieber dem Araber oder Juden eine wucherische Miete zahlen, anstatt sich durch den Hausbau von seinen begrenzten Mitteln zu entblößen. Damit würden wir nur der Spekulation in die Hände arbeiten. Ich muß es .mir versagen, hier die Aufstellungen Ruppins über die für das große Kolonisationswerk erforderlichen Mittel zu analysieren; das wird auch meist die Aufgabe von Sachverständigen der Kolonisation und des Finanzwesens sein. Ich will nur ein Gebiet streifen, das mir besonders nahe liegt, das der sanitären Arbeiten, weil hier die erforderlichen Mittel bedeutend unterschätzt sind. Ruppin setzt (S. 306) für Bau und Einrichtung der Wohlfahrtsindustrie (wozu außer Krankenhäusern auch Weinhäuser, Altersheime, Volkküchen usw. gehören) im ersten Jahrzehnt 5 Millionen Francs an. Nun zeigt aber eine genauere Aufstellung, daß allein für Krankenanstalten und allein im ersten Jahrfünft, bei Beschränkung auf das Notwendigste, schon wenigstens 10 Millionen gebraucht werden; mit Einschluß der Seuchenbekämpfung, der Unterhaltungskosten der Krankenanstalten wenigstens 25 Millionen Francs. Und hier kann nicht gespart werden! Endlich sei etwas ausführlicher auf ein Problem e>n gegangen, daß für den Beginn einer großzügigen Kolonisation vielleicht das wichtigste ist: die Frage nach der Form der Landwirtschaft, die wir in Palästina treiben sollen. Ruppin spricht ganz klar, wie schon in seinem Buch „Syrien als Wirtschaftsgebiet“, so auch hier (S. 96) aus, daß die landwirtschaftliche Kolonisation Palästinas im wesentlichen auf den Pflanzungs¬ und Gartenbau zu basieren ist. Aber aus dieser richtigen Erkenntnis, die heute Gemeingut der zionistischen Oelfentlichkeit ist (zuim guten Teil dank der unermüdlichen Arbeit von Trietsch), zieht Ruppin in seinem Buch nicht die notwendigen Folgerungen. Es scheint, daß Ruppin hier doch noch zu sehr von den Kolonisationsmethoden der jetzt abgeschlossenen Epoche beeinflußt ist. Palästina ist für die extensive Landwirtschaft, den Ackerbau, in größerem Maßstabe nicht geeignet und zu schade. Nun sehe man sich aber Ruppins Aufstellung aiuf S. 113 an! Von den zirka 6i/3 Millionen Dimarn, die er für die jüdische Siedlung I des nächsten Menschenalters für erforderlich hält, werden | 3 Millionen für den Ackerbau eingestellt! Also fast die Hälfte! Damit aber wird die vorher ausgesprochene Erkenntnis zu einer rein theoretischen. Die gewaltige Bedeutung dieser Frage liegt nicht nur darin, daß sowohl das Land wie das jüdische Menschenmaterial zum Pflanzung«- und Gartenbau viel geeigneter sind, sondern auch darin, daß eine dichte jüdische Besiedlung des kleinen Ländchens überhaupt nur bei diesen Formen der Landwirtschaft durchführbar ist. Denn der Pflanzungs- und mehr noch der Gartenbauer können sich mit einem Bruchteil des Bodens begnügen, den der Getreidebauer braucht. So können wir auch die einzelnen Kolonien, ohne ihre Fläche zu vergrößern, weit volkreicher machen — was wieder große Vorteile bietet. Der Kleinsiedler wird der Normaltypus des jüdischen Kolonisten werden (denn Häusler und Kleinsiedler sind nahe verwandt). Daraus folgen wichtige Konsequenzen, die wir hier nicht eingehend erörtern können. Die wichtigste ist, daß wir uns um den .Typus des Kleinsiedlers intensiver kümmern müssen, als1 dies noch in Ruppins Buch der Fall ist. Die Kleinsiedler (nicht die Häusler) sind nach seiner Aufstellung dadurch benachteiligt daß sie den Preis für ihren Boden voll erlegen müssen. Dafür aber ist bei einer allgemeinen Durchführung der Nationalisierung des Bodens kein Grund einzusehen. Ferner erhalten die Kleinsiedler nach Ruppin nicht wie die Getreidebauein und die Häusler eine „Kolonisationsbeihilfe“, sondern nur Kredit in den geschäftlich üblichen Grenzen. Es wäre sehr zu erwägen, ob man ihnen nicht auch hierin, zum mindesten in einem Teil der Fälle, entgegenkommen könnte. Was aber vor allem not tut, und zwar sofort, das ist, daß für Kleinsiedler, genau wie für Pflanzer, detaillierte Pläne für die Gruppenbildung in der Diaspora und für die gemeinschaftliche Ansiedhmg in Palästina ausgearbeitet werden, und daß von den in Palästina vorhandenen geeigneten Elementen (besonders von den Landarbeitern) möglichst viele dieser intensiven Wirtschaftsform, rasch zugeführt werden, damit wir ausreichende Erfahrungen über Kleinsiedlung sammeln und diese geschulten Kleinsiedler zur Einweisung der später kommenden verwenden können. Wir halten es für einen Fehler, daß auch jetzt noch bei der Seßhaftmachung jüdischer Landarbeiter immer nur an extensiven Landbau gedacht wird.“ Verantwortlich: Für die Redaktion C. Z. Klötrel; für die Inserate Fritz Scherbel, beide Welt-Verlag, Berlin NW7. Druck von Siegfried Scholem, Berlin-Schöneberg,

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