Volk und Land
- Journal
- Volk und Land
- Volume
- 1 (1919)
- Issue
- Heft 32 (7.8.1919)
- Date
- 1919-08-07
- Page
- Seite 1019-1020 (sequence 18)
- Language
- German
- Belongs to
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ioiy volk und Land 1020 einem Fachmann, der hinkommt, um dort tätig zu sein, ebensowohl ausreichende allgemeine Kenntnisse, die auf vielen technischen Gebieten eine gute Grundlage besitzen müssen, wie Spezialkenntnisse über das Land, seine Bedingungen und verschiedene Sprachen. Es ist für einen Fachmann unmöglich, alles dieses von auswärts mitzubringen, wie es auch für einen Einzelnen unmöglich ist, alles gründlich und ausreichend zu kennen. 2. Die jüdischen Unternehmer, die hierhergekommen sind, haben keine Einrichtung gefunden, die ihnen die Kenntnisse über die örtlichen Verhältnisse und die Gewerbszvveige, mit denen sie sich beschäftigen wollten, vermitteln könnten. Sie waren daher gezwungen, sich mit ihren Fragen an Privatleute und öffentliche Stellen zu wenden, die meistens über die gewünschte Branche nicht ausreichend unterrichtet waren, so daß die Auskünfte, die sie erhielten, oft oberflächlich und widerspruchsvoll waren. Dieser unklare Zustand hat manche Unternehmer abgeschreckt, so daß sie überhaupt ihre industriellen Pläne aufgaben, und diejenigen, die trotz der Schwierigkeiten dort eine Unternehmung begannen, mußten meist hierbei Verluste erleiden, während zur selben Zeit die gleiche Branche in Händen von Arabern und Deutschen guten Erfolg hatte. 3. Viele Privatleute und öffentliche Institutionen, die im Lande jkeine geeignete technische Einrichtung vorfanden, vertrauten ihre Unternehmungen nicht fachmännisch gebildeten Leuten an, obwohl in manchen Fällen geeignete jüdische Sachverständige zu finden gewiesen wären. Jeder von unseren Spezialisten im Lande wurde in irgend einem versteckten Winkel ganz von seiner Arbeit in Anspruch genommen,, so daß die Allgemeinheit von ihrer Existenz und ihren Fähigkeiten oft überhaupt keine Kenntnis hatte. So brachte es das jüdische Gewerbe infolge des Mangels an Sachverständigen oft nur zu einem unvollkommenen Stand der technischen Ausführung. Daher steht die jüdische Industrie im Lande auf einer niedrigeren Stufe als die der Nichtjuden. So ist z. B. in Jerusalem das jüdische Bauwesen, sowohl nach der konstruktiven wie nach der ästhetischen Seite sogar dem der Araber unterlegen. 4. Der jüdische Ingenieur in Palästina, der immer durch 6eine Arbeit und den schweren Existenzkampf ganz in Anspruch genomimen war, besaß auch keinerlei Verbindung mit seinen FachSkollegen und fand niemand, von dem er im Bedarfsfall Auskünfte erhalten könnte, daher leistete er oft nur unzulängliche Arbeit. 5. Das Fehlen einer wissenschaftlichen Anstalt, welche den jüdischen Ingenieur anregen und ihm den Anstoß zu wissenschaftlicher Arbeit geben konnte, war schuld daran, daß dieser nicht genügend Aufmerksamkeit darauf verwandte, die Erfahrungen zu sammeln, die sich' aus seiner Praxis und aus den Ergebnissen seiner Reisen im Lande und seiner Umgebung ergaben. Aber auch der jüdische Ingenieur, der von auswärts herkam und das Land zu Forschungszwecken bereiste, fand dort keinerlei wissenschaftliche Einrichtung, die ihm einen Ueberblick über die Industrie und die Möglichkeit ihrer Entwicklung hätte geben können. Manche unserer Kollegen, die hier tätig gewesen waren, haben uns w ieder verlassen und das wissenschaftliche Material, über das sie verfügten, ging uns und dem Volke verloren. 6. Jüdische Techniker und Industrielle von außerhalb, die sich für eine gewerbliche Tätigkeit in Palästina vorbereiten wollen, finden kein technisches Institut, das ihnen über die Wahl des Zweiges Auskunft geben könnte, der für die Bedingungen des Landes geeignet wäre. Sie schützen sich daher vielfach auf verschiedene Ratschläge, die ohne jede reale Grundlage sind und leider auch oft in der Presse erscheinen. j 7. Unsere jungen Brüder, die sich außerhalb Palästinas für eine nationale Arbeit vorbereiten, wählen oft mangels einer fachmännischen Beratung solche Gebiete, die vorläufig in unserem Lande keine Zukunft haben, und sogar die Programme unserer technischen Schulen, obwohl sie durch bekannte europäische Sachverständige aufgestellt wmrden, sind nicht dem Bedürfnis I und industriellen Stand Palästinas und seiner Nachbarländer angepaßt. 8. Jüdische öffentliche Institutionen, die von außerhalb jüdische Sachverständige zuziehen wollten, haben | bei ihrer Wahl oft Mißgriffe begangen und Persönlichj keiten herangezogen, die für die Bedingungen der Arbeit und des Landes nicht geeignet waren. Hierdurch wurde die Entwicklung der Industrie und des Handwerks ungünstig beeinflußt. 9. Während des Galuth wurden die Leistungen und Erfolge, die auf dem Gebiete der Technik und des Gewerbes durch unsere Brüder aiusgeführt wurden, ohne einen besonderen jüdischen Stempel zu tragen, der Industrie des Landes angerechnet, unfd mit unserem Ruhm durften sich Fremde rühmen. 10. Geleitet durch die Erkenntnis der großen Bedeutung des gegenwärtigen geschichtlichen Zeitpunktes,» durch die Erwägung, daß das heimische Gewerbe jetzt an der Schwelle einer neuen intensiven Aera, steht, und durch das Bestreben, die Industrie von ihren bisherigen Hemmnissen zu befreien, haben wir jüdischen Ingenieure Palästinas beschlossen, einen „Verband JüdN scher Ingenieure“ zu begründen. Das Ziel dieses Verbandes ist, alle jüdischen Ingenieure in Palästina und in den andern Ländern zu folgenden Aufgaben zu vereinigen: 1. Das Gewerbe und die Arbeit in Palästina zu entwickeln. 2. Alle Erfahrungen, wissenschaftliche Forschungen und Versuchsergebnisse zu sammeln, die auf diesem Gebiete bisher gewonnen wurden oder später gewonnen werden. 3. Eine ständige dauernde Verbindung mit unseren Fachkollegen außerhalb des Landes herzustellen, damit wir durch sie befähigt werden, ständig auf der Höhe der modernen technischen Entwicklung zu stehen. ' 4. Das wissenschaftliche und wirtschaftliche Niveau unserer Kollegen zu heben. 5. Zuverlässige Kenntnisse über die jüdische Industrie, ihre Leistungen und Erfindungen, sowie über die jüdischen Techniker und Handwerker der ganzen Welt nach den einzelnen Gegenden und Industriezweigen zu sammeln. Die Gründungs Versammlung des Verbandes Jüdischer Ingenieure inPalästina. SOZIALES Eine allgemeine jüdische Hilfskonferenz Das Komitee der Jüdischen Delegationen in Paris nahm eine Resolution an, in welcher die Notwendigkeit betont wird, für den Oktober oder November dieses Jahres nach Paris oder einer andern europäischen Stadt eine allgemeine jüdische Hilfskonferenz einzuberufen. Die Konferenz würde etwa 25 Länder repräsentieren. Verantwortlich: Für die Redaktion C. Z. Klötzel; für die Inserate Fritz Scherbel, beide Welt-Verlag, Berlin NW 7. Druck von Siegfried Scholem, Berlin-Schöneberg,