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Volk und Land · 1919-07-10 · Heft 28 (10.7.1919) · p. Seite 891-892

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Journal
Volk und Land
Volume
1 (1919)
Issue
Heft 28 (10.7.1919)
Date
1919-07-10
Page
Seite 891-892 (sequence 18)
Language
German
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VOLK UND LAND 891 von Fischen und im Frühling ziehen jedes Jahr große Sardinenschwärme vorbei. Es ist eine Ironie, daß wir in Palästina, die wir vor der Nase solche Mengen voij Fischen haben, hohe Preise für gesalzene oder geräucherte Fische und Fischkonserven bezahlen, die aus dem Auslande kommen. Die Preise der Fische sind in Palästina höher als in Europa, obgleich der Tagloh.i der Arbeiter bedeutend niedriger ist. Die Nachfrage nach Fischen in Palästina ist groß, und infolge des Klimas sind Fische dort eine gesündere Nahrung als Fleisch. Wie ist nun eine Abhilfe zu schaffen? Zunächst muß man moderne Fischereigeräte anschaffen, welche ein höheres Angebot an Fischen auf denn Markte ermöglichen und die Preise drücken. Während des Krieges machten die Deutschen in Palästina einige kleine Versuche, welche Erfolg hatten, es ist aber den Juden Vorbehalten geblieben, die Sache zumi vollen Erfolg zu führen. Wir arbeiten jetzt 40 Jahre an der Kolonisation des Landes, aber wir haben noch nicht angefangen das Meer in Palästina zu kolonisieren. Ein kleiner Versuch wurde gemacht, in Haifa Fische zu räuchern und einzusalzen, er hatte aber keinen Erfolg, weil der russische Fachmann, der ihn unternahm, ihn aufgab und Palästina verließ, bevor die Sache noch richtig durchgeführt war. Versuche dieser Art waren ja unter der türkischen Herrschaft außerordentlich schwierig. Ob zwar wir in der Diaspora im allgemeinen vom Mieer und den großen Flüßen entfernt lebten, gibt es doch in Rußland eine Anzahl jüdischer Fischer und Seeleute und in Saloniki lebt eine große Judengemeinde im wesentlichen von der Schiffahrt. Die Zeit ist gekommen, um einen neiden Zweig jüdischen Erwerbslebens zu eröffnen. Die Bewirtschaftung des Meeres erfordert bei weitem nicht so viel Geld wie die Kolonisation des Landes. Sie beginnt jetzt allmählich in Aufnahme zu kommen und hier ist auch das Feld vollkommen frei, denn es ist nicht von den Arabern besetzt. Die Aufgabe ist in folgende Teile zu gliedern: 1. die technische: die Errichtung aller Anstalten für die Fischereiindustrie; 2. die biologische: die Erforschung der Fischgattungen und ihrer Lebensweise; 3. die kaufmännische: die Anschaffung des nötigen Materials für die Industrie; 4. die Schaffung von Märkten imi Lande und im Auslande; 5. die theoretische: Verbreitung von Kenntnissen über das Meer, Gründung von Büchereien usw. Für alle diese Aufgaben wurde eine Gesellschaft gegründet, deren Absichten gleichzeitig materieller und ideeller Natur sind. In materieller Beziehung will sie Niederlassungen am Meer und' an den Flüssen gründen und alle dazu gehörigen Einrichtungen schaffen. In ideeller Beziehung will sie eine wissenschaftliche Erziehung geben, eine Literatur schaffen, ForschungSr Stationen und Aquarien errichten. All dies soll der Nation gehören und die Gründer der Gesellschaft gehen nicht auf Gewinn aus. Das Programm ist sehr weit gesteckt und die Gesellschaft muß natürlich mit kleinen Versuchen beginnen. Sie will zunächst eine Position am Meer schaffen, welche als Muster für die weiteren dienen soll. Für diesen Zweck ist Tantura in Aussicht genommen; es liegt an der Meeresküste südlich von Haifa, nahe bei der Kolonie Sichren Jakob, an der Straße, die Galiläa mit Judäa verbindet, und ist für den Zweck sehr geeignet. Die Eisenbahn von Tulkeram nach Haifa führt hier vorbei. Es wäre möglich, dort eine landwirtschaftliche Kolonie mit der Fischereiansiedlu'ng zu verbinden. Dias Komitee soll aus einem Leiter, einem Biologen, einem Lehrer für Meereskunde und Fischerei, einem Fachmann für Bootbau und -Reparaturen und einemi für Ackerbau bestehen. 892 j Dort könnte auch die Sclnvammfischerei entwickelt wer-! den. Die Araber, die sich mit der Schwammfischerei beschäftigen, arbeiten nach sehr primitiven Methoden,; welche die Schwämme beschädigen. Die Broschüre gibt einige Einzelheiten und berechnet die Kosten der Anlage mit 15 000 Pfund Sterling. Eine lehrreiche Broschüre ist auch im Deutschland erschienen. Sie behandelt den Plan einer marine-zoologischen Station an der Küste von Palästina und hat Dr. Walter Steinitz zum Verfasser. Dieser, ein bekannter Biologe, erörtert die große praktische und wissenschaftliche Bedeutung solcher marimezoologischer Stationen. Er betont, daß alle bestehenden Stationen im Mittelländischen Meere im wfestlichen Teile dieses Meeres liegen, nicht eine einzige östlicher als Dalmatien. Die Kette dieser Stationen muß ausgedehnt und vervollständigt werden und darum ist die Errichtung einer Station an der palästinensischen Küste von ganz besonderer Bedeutung. Die Fauna des Roten Meeres ist von der des Mittelländischen Meeres vollständig verschieden. Die Erbauung des Suezkanals hat eine Vermischung der Fauna beider Meere möglich gemacht. Das kann zu interessanten Beobachtungen Gelegenheit geben. Merkwürdigerweise ist diese Frage noch niemals näher untersucht worden. Sie wird eine der wertvollsten Aufgaben der Marinestation in Palästina sein. (Palestine). SOZIALES Jüdische Bevölkerungsstatistik Das in London erschienene Jüdische Jahrbuch berechnet die jüdische Gesamtbevölkerung der Welt auf 11625 563 Köpfe. Davon entfallen auf Russisch-Polen 5 082 342 Seelen; im übrigen Rußland gab es zur Zeit der Zarenherrschaft keine Juden, denn sie hatten dort kein Asylrecht. Das Land mit der zweitstärksten jüdi- . sehen Bevölkerung war nach denn Jahrbuch Oesterreich- Ungarn. ln Ungarn lebten 851 373, in Oesterreich 1 233 112 Juden. In Deutschland gab es 607 862 Juden, in der Türkei 282 277, in Rumänien 250 000, in Großbritannien apd Irland 240 546, in Holland 103000, in Frankreich 95 000. Da nun in Galizien und der preußischen Provinz Posen auch viele Juden lebten, diese beiden Provinzen aber auch in der Hauptsache an Polen fallen, dürfte die Zahl der polnischen Juden sich dadurch auch um mindestens eine halbe Million Köpfe vermehren, also über 5,5 Millionen betragen, das heißt, mehr als die Hälfte der Juden der ganzen Welt. — Was die Städte der Welt betrifft, so steht Jerusalem' mit 55 Prozent jüdischer Einwohner an der Spitze. Es folgen Lodz mit 47,5 Prozent, Odessa 33,75 und Warschau mit 33,36 Prozent. An vierter Stelle steht New York mit 23,3 Prozent, dann folgt Budapest mit 23 Prozent und Wien mit 8,75 Prozent. In Deutschland t steht Frankfurt a. M. mit 8,15 Prozent an der Spitze, dann folgt Berlin mit 4,85 Prozent. Eine Emigrationskonferenz Bald nach Abschluß des Friedens ist eine jüdische Massenauswanderung von noch nie dagewesener Ausdehnung und Plötzlichkeit zu erwarten, für deren Regulierung nicht früh genug Maßnahmen getroffen werden können. Um ein gemeinsames Vorgehen aller jüdischen Organisation zu ermöglichen, hat, wie uns mitgeteilt wird, das Zentralbüro der „Agudas Jisroel“, Zürich, die führenden Körperschaften der gesamten Judenheit zu einer Emigrationskonferenz eingeladen. Da zustimmende Antworten der bedeutendsten der eingeladenen Organisationen bereits eingegangen sind, so ist alle Aussicht auf das Zustandekommen dieser Konferenz vorhanden. Für die Redaktion verantwortlich: C. Z. Klötzel, Berlin, Verlag: Welt-Verlag, Berlin NW 7, Dorotheenstr. 35 Druck von Siegfried Scholem, Berlin-Schöneberg.

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