Volk und Land
- Journal
- Volk und Land
- Volume
- 1 (1919)
- Issue
- Heft 27 (3.7.1919)
- Date
- 1919-07-03
- Page
- Seite 859-860 (sequence 18)
- Language
- German
- Belongs to
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859 VOLK UND LAND Verwandten abgesehnitten und mußten daher vom Waad unterhalten werden, der für diesen Zweck 1246 £ verwendete. Erst in den letzten Monaten des Jahres wurde es möglich, mit Samaria und Galiläa in Verbindung zu kommen, so daß die auf diese Gebiete fallende Quote der Schulausgaben nur 1004 £ beträgt. Es ist selbstverständlich, daß die Ansprüche der beiden Landesteile im laufenden Jahre eine ganz erhebliche Vermehrung des gesamten Schulbudgets bedeuten werden. Die von der Zionistischen Kommission dem Unterrichtswesen dargebotene Hilfe ermöglichte in wenigen Monaten eine bedeutende Vermehrung der Leistungsfähigkeit der Lehrer, die Erweiterung des Arbeitsgebietes sowie die Förderung der Einheitlichkeitsbestrebungen innerhalb des Palästina-Schulwesens. Die eminente Bedeutung des Schulwesens in Palästina kann nicht zu oft fand zu sehr betont werden, besonders nicht in diesem Augenblick vor dem Einsetzen einer großen Massenemigration von Europa. Bei dem 860 j heutigen Erwachen des nationalen Bewußtseins in allen! jüdischen Zentren der Diaspora muß in Palästina das j Zentrum jüdischen Lebens und jütischer Kultur errichtet werden, so daß die Galuthjudenheit dort eine dauernde Quelle jüdischer Impulse finden wird und in den Stand gesetzt werden kann, das Feuer jüdischen Wesens und jüdischer Tradition dauernd und unvermindert am Leben zu erhalten. Demgemäß förderte die Kommission überall und bei jeder Gelegenheit rein hebräische kulturelle Bestrebungen. Eine interessante Tatsache in der Beziehung war die Bildung eines kulturellen Ausschusses jüdischer Arbeiter und Arbeiterinnen. Der Zweck des Ausschusses ist die Errichtung von Arbeiter-Ausbildungskursen, die speziell auf jüdische Landarbeiter abgesehen sind. Ein Projekt zur Bildung von Arbeiterhochschulen nach westeuropäischem Muster ist bereits erörtert worden. Man hofft, daß das Projekt, das vom höchstem kulturellen Werte ist, mit Hilfe der Kommission verwirklicht werden wird. VOM JUEDISCHEN VOLKSTUM iiiiiiiiiiiiiiiiiiTiiiii.iiiiiiiiMiiiiiiiiiiMiiiiiiiiiiiiiiimiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiimiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiii Die Juden in Adrianopel Unser Berichterstatter hatte Gelegenheit, mit Herrn Nessim Avigdor, Präsident der Adrianopler jüdischen Kolonie in Konstantinopel, zu sprechen, der uns bat den Hilferuf der Adrianopler Juden an die Oeffentlichkeit gelangen zu lassen, wobei er so freundlich war, uns folgende Einzelheiten mitzuteilen: In Adrianopel ist die Lage der Juden eine sehr unglückliche. Seit dem Jahre 1906, da während der großen Feuersbrunst 3000 Häuser, darunter zahlreiche jüdisohe, niederbramnten, hat das Unglück diese Stadt bis auf den heutigen Tag verfolgt. Seit dem Balkankriege wechselte sie viermal den Besitzer. Während des Weltkrieges wurde sie durch den unglücklichen Teilungsvertrag zwischen Bulgarien, und der Türkei von der Hauptverkehrslinie abgeschnitten. Die Stadt befindet sich auf türkischem Boden, die Bahnstation 4 km entfernt auf bulgarischem Gebiet. Dadurch kann die Stadt nicht genügend mit Lebensmitteln versorgt werden. Tausende von Juden, die früher wohlhabende Kaufleute waren, sind seit dem Waffenstillstand gänzlich verarmt und gehen dem elendesten Hungertode entgegen. Und das in einer Stadt, wo es keinen einzigen jüdischen Bettler gab. Wenn jemand verarmte, so wurde ihm vom jüdischem Komitee ein Kapital zinslos zur Verfügung gestellt, damit er sich eine neue Existenz schaffe. Blinde bekamen reichliche Subventionen. Auf Almosen war niemand angewiesen. Seit 9 Jahren steht eine große Zahl jüdischer Männer ununterbrochen im Kriegsdienste. Die Frauen und Kinder dieser Soldaten sind ohne Hilfe. Die Mortalität der Kinder übersteigt 60°/o. Dazu sind nur sehr wenige, fast gar keine Geburten zu verzeichnen. Die reicheren Kaufleute sind ausgewandert und die Zurückgebliebenen wandeln wie Schatten und Gespenster durch die Straßen, wie eine stumme Klage. Vor 12 Jahren gab es daselbst noch 13 spaniolische Synagogen. Heute existieren nur noch eine große monumentale und 2—3 kleine Synagogen. In der Stadt leben mehr als 500 große Taimudisten. Sämtliche Geschäfte sind am Samstag geschlossen. Es gibt keine getaufte Juden. Der Zionismus hat zahlreiche eifrige Anhänger. Am meisten wurde die hebräische Zeitung „Hazefira“ gelesen. Die achtklassige Schule der Alliance Israelite Universelle, die unter Leitung des. Direktor Mitrani steht, der die Moral der energielos gewordenem Juden aufrecht erhält, und in der bis September vorigen Jahres unterrichtet wurde, haben die Türken für militärische Zwecke beschlagnahmt. Seither ist das kulturelle Leben im Niedergang. Alle Juden sprechen spaniojisch, SO % davon beherrschen die französische Sprache, da der Unterricht in der Schule in französischer, hebräischer und türkischer Sprache erteilt wird. Nach Besuch dieser Schule studierte mindestens ein Mitglied aus jeder jüdischen Familie in Paris auf Kosten der Alliance. Die meisten Lehrer und Lehrerinnen im asiatischen und europäischen Orient stammen aus Adrianopel. In allen ausländischen Konsulaten waren jüdische Kaufleute als Beiräte für den Handel zugezogen. Die Rohseiden-Industrie, der Handel in Leder, Fellen, Wolle und Baumwolle lag ausschließlich in Händen der Juden, deren Ehrlichkeit sprichwörtlich war. Nur selten wurden schriftliche Verträge abgeschlossen; mündliche Abmachungen auf Treu und Glauben wurden streng eingehalten. Von der St. Galler Stickerei-Industrie importierten die Juden Adrianopels jährlich Waren im Werte von mindestens 4—5 Millionen Franken. Es bestand eine große Strumpf- und Flanell- Hausindustrie, wodurch 4000 meistens jüdische Töchter durch Heimarbeit beschäftigt waren. Diese Mädchen, die bisher ihre eigenen Maschinen hatten und die französisch, spanisch, griechisch und türkisch sprechen, müssen sich jetzt als Dienstmädchen verdingen, um nur nicht elend Hungers zu Serben. Diese Hausindustrie könnte sehr leicht nach Palästina verpflanzt werden, da fast alle bereit sind, nach Palästina auszuwandern. Nur müßte man rasch sich dieser Unglücklichen annehmen, die neben dem Hungertode auch noch Gefahr laufen, wenn sie an Bulgarien oder Griechenland fallen würden, ihre bisherigen Privilegien, die sie unter türkischer Herrschaft besaßen, zu verlieren. Um die Not zu lindern, hat Prof. Strauß aus Budapest 5 Waggons Lebensmittel für die jüdische Bevölkerung von Adrianopel im September vorigen Jahres sichergestellt. Durch den Waffenstillstand kamen diese Lebensmittel niemals nach Adrianopel, weil diese Stadt durch einen unglücklichen Schacher-Vertrag von der Verkehrslinie abgeschnitten und die Bevölkerung so einem langsamen Hungertode geweiht ist. Ein Martyrium von 30 000 Juden, die schrecklich zugrunde gehen müssen, wenn ihnen nicht bald Hilfe zukommt, die raschestens durch den bulgarischen Hafen Dedeagatsch geleistet werden müßte. Für die Redaktion verantwortlich: C. Z. Klötzel, Berlin. Verlag: Welt-Verlag, Berlin NW 7, Dorotheenstr.35 Druck von Siegfried Scholem, Berlin-Schöneberg.