Volk und Land
- Journal
- Volk und Land
- Volume
- 1 (1919)
- Issue
- Heft 27 (3.7.1919)
- Date
- 1919-07-03
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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VOLK LAI1D FUER POLITIK, WIRTSCHAir UND PALAESTINA ARBEIT HERAUSGE6EBEN VON DAVIS TRIETSCH 3. JULI 1919 HEFT 27 L JAHRGANG OSTJUEDISCHE ARBEITER IM KRIEGE Von Julius Berger, Berlin. Im Nachstehenden sei etwas über die Tätigkeit der „Jüdischen Abteilung der Deutschen Arbeiterzentrale“ berichtet, die bei der Regelung der sozialen Verhältnisse der Juden in dem von dien Deutschen im Kriege besetzten Gebiete in Polen und Litauen eine Rolle gespielt hat. Abgesehen von der Beleuchtung der Zustände unter der deutschen {Besetzung, die hierbei zutage tritt, mag die Darstellung auch deshalb einiges Interesse beanspruchen, weil in dieser „Jüdischen Abteilung“ vielleicht zu/m ersten Male der Versuch eines großangelegten Arbeitsnachweises für ostjüdische Arbeiter verwirklicht wurde Und die dabei gemachten Erfahrungen nicht ganz ohne Bedeutung sein mögen auch für die Behandlung, die die Arbeiterfrage im Wiederaufbau Europas und im jüdischen Palästina erfahren wird. Wie ein schwerer Alb lag die deutsche Besetzung auf dem Lande Polen. Am furchtbarsten litten unter ihr die Juden. Sie waren so recht das Objekt des deutschen Systems geworden, der famosen deutschen Organisation, sie und ihre Existenz waren das eigentliche Feld, auf dem die Deutschen „Ordnung“ machten. Jene zahllosen Vorschriften über den Reiseverkehr, über den Handel mit allen nur denkbaren Gegenständen, die Beschlagnahmen, angefangen! mit der Badewanne und endigend mit der seidenen Damenwäsche, der behördlich organisierte Raub und Diebstahl, wie er von der Kriegsrohstoffstelle betrieben wurde, die schamlose Korruption, die vom höchsten Stabsoffizier bis herab zum niedersten Tippfräulein Regel war, all das richtete sich in erster Linie gegen die Juden, gegen die Träger von Handel und Wandel, gegen den Punkt des 'geringsten Widerstandes. An die Polen durfte man nicht so heran, politische Erwägungen verlangten eine Art Rücksicht, die Juden waren vogelfrei. Ihnen nahm man das Geld, konfiszierte die Ware, sie verurteilte man zu unerträglichen Geldstrafen, warf sie in die Gefängnisse, prügelte sie und ließ an ihnen den ganzen altteutonischen Mut der Etappe aus. Sie waren die eigentlichen Leidtragenden des Unglücks des Krieges und des größeren Unglücks der deutschen Besetzung. Zahllose Existenzen sind damals zugrunde gegangen, die Arbeiter in den Fabriken, die Handwerker und ihre Gesellen, vor allem aber die Kaufleute und ihre Angestellten, die Händler und die 'Agenten, die Reisenden, die Kommis, die Krämer und die vielen, vielen Gelegenheitsverdiener. Das jüdische Proletariat schwoll mit einem Male furchtbar an. Die Arbeitslosigkeit, die Erweibslosigkeit wurde das Stigma des jüdischen Lebens. Zu gleicher Zeit entstand in Deutschland, ebenso wie im besetzten Gebiete ein sich ständig steigernder Mangel an Arbeitern. Die deutsche Landwirtschaft war immer auf die polnischen und russischen Saisonarbeiter angewiesen gewesen. Mehr als 300 000 waren zu Beginn des Krieges in Deutschland und wurden da festgehalten. Noch einmal so viel und mehr wurden verlangt. Die Bergwerke brauchten Ersatz für die mobilisierten .Arbeiter, die Kriegsindustrie schrie nach Arbeitern, das Hindenburg-Programm steigerte die Nachfrage ins Maßlose. Aber auch die Friedensgewerbe brauchten Hände, Kellner wurden verlangt, Friseure, Tischler, Uhrmacher. Dieser ganze stürmische Bedarf wandte sich ins besetzte Gebiet, vor allem und zumeist nach dem östlichen, nach Polen und Litauen. Und sehr bald setzte eine Arbeiterausfuhr großen Stiles aus diesen Ländern nach Deutschland ein. Die erwerbs'os gewordenen jüdischen Massen 'Waren ein dankbares Objekt dieser Anwerbung. Sie hatten kein anderes Bedürfnis als aus dem Elend des Krieges, der Not des Tages herauszukonunen. Im Lande war das unmöglich. Die Fabriken waren zerstört oder geschlossen, Geweihe und Handel waren ruiniert, Hungersnot herrschte und deutsche Verwaltung, eines so schlimm wie das andere und das erste oft bedingt durch das zweite. Gerne folgte man dem Rufe nach Deutschland, meldete sich unbesehen auf jedes Angebot hin^ für die Landwirtschaft ebenso wie für jede industrielle Arbeit. Die Arfceitervermittlung in und aus dem besetzten Gebiete geschah durch die Deutsche Arbeiterzentrale in Berlin. Das ist ein etwas eigenartiges Unternehmen, das einen halb gemeinnützigen Charakter besitzt, aber der öffentlichen Kontrolle entzogen ist. Sie war ursprünglich' als „Deutsche Feldarbeiter-Zentrale“ von den preußischen Landwirtschaftskammern eingerichtet und hat sich nur vor diesen Kammern zu verantworten. Außerdem erfolgt eine Prüfung ihrer Geschäftstätigkeit durch das Preußische Ministerium, die sich aber auf die Rechnungsführung beschränkt Das Unternehmen stellt eine behördenähnliche Institution dar und hat entsprechende Vollmachten. Ihm war das alleinige Monopol für die Arbeiteranwerbung im besetzten Gebiete übertragen und die Arbeiterzentrale nützte diese Stellung nach ihrer Art aus. Im Frieden hatte die Deutsche Arbeiterzentrale ausländische (niemals jüdische) Arbeiter nur für die Landwirtschaft — fast nie für die Industrie — angeworben. Die Art, wie diese Anwerbung erfolgte, hatte schon damals Anlaß zu wiederiiolten Beschwerden der Arbeiter-