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Volk und Land · 1919-06-12 · Heft 24 (12.6.1919) · p. Seite 763-764

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Journal
Volk und Land
Volume
1 (1919)
Issue
Heft 24 (12.6.1919)
Date
1919-06-12
Page
Seite 763-764 (sequence 18)
Language
German
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763 VOLK UND LAND 764 SOZIALES Vegetarismus und Zionismus München orientiert neuerdings eine junge Organisation, die sich Danielbund*) nennt und neben manchem, was uns als noch nicht ganz reife und geklärte Zielstrebigkeit erscheint, vor allem die Errichtung vegetarischer Siedelungen in Erez-Israel bestrebt. Die Bedeutung des Vegetarismus in den Tropen ist vielfach unterschätzt worden. Der Bewohner der wärmeren Zone ist viel weniger Carniyor (Fleischgenießer) als der Mensch in kälteren Klimaten. Das hängt mit der höheren Temperatur, der damit bedingten geringeren Wärmeabgabe des menschlichen Körpers zusammen, der dadurch nicht soviel Eiweiß zu sich nehmen muß. Außerdem wird das Fleisch in der Hitze leichter faul und führt vielfach zu Darmstörungen. Sicherlich kann die Akklimatisierung der Einwanderer bei Abstinenz von Fleisch und Alkohol bequemer und besser vor sich gehen. Diese Tatsache ist oft übersehen worden und noch mehr wurde dagegen von den Europäern gesündigt, die deshalb oft schon nach einigen Jahren in ihre alte Heimat zfurückkehren mußten. Auch im Weltkrieg hat die deutsche Militärverwaltung zu wenig Gewicht auf die richtige Ernährung gelegt und die Soldaten im Orient mit reichlich Fleisch gefüttert und ihnen sogar teilweise beträchtliche Alkoholmengen geliefert resp. sich damit versorgen lassen . Die hohe Krankheitsziffer, welche die Arbeitsfähigkeit des jungen, kräftigen, für dieses Spezialgebiet ausgesuchten Menschenmaterials minderte, ist daher nicht nur durch die Ungunst des Klimas allein zu erklären. Wenn auch unsere Wissenschaft dieser Frage noch keine Aufmerk samkeit schenkte, so ist es für mich, da ich Jahre lang ' objektiv die Probleme beobachtete, fraglos, daß die Ernährung eine überaus große Bedeutung für die Akklimatisierung des geborenen Nordländers in südlichen Landstrichen spielt. Der Danielbund hat das Verdienst in zionistischen Kreisen auf die Wichtigkeit vegetarischer Lebensweise überhaupt hingewiesen zu haben. j Ebenso wichtig aber ist noch ein zweiter Punkt im Programm des Danielbundes. Der Aufbau kleiner! Gartenbaukolonien, wie sie Davis Trietsch seit j Jahrzehnten befürwortet hat, kann sich bequem vollj ziehen, wenn deren Bewohner Vegetarisch zu leben gej willt sind. Namhafte Fachgelehrte haben gezeigt, daß I die Kalorienzahl, die genügt, Menschen zu ernähren, j wenn sie die Vegetabilien selbst essen, zu einem Viertel j dessen herabsinken, was über den Weg Viehfutter — Fleischnahmung genossen werden muß. — D. h. wird Land z. B. mit Hafer usw. bestellt,, der verfüttert wird und das Vieh dann geschlachtet, dann geht auf dem Wege dieses umständlichen Prozesses s/4 des Eiweißwertes verloren. Daher ist das Eiweiß des Schlachtviehes drei- bis viermal so teuer als das vegetabilische Eiweiß und die Ernährung des Fleischessers braucht drei- bis v’ier- *) Danielbund. Geschäftsstelle N. Chavkim, München, i Bergmannstr. 7IV.! mal soviel Land als die des Vegetariers. (Man vergleiche die Kosten des Eiweißes in Kartoffel — Brot — Gemüse — Fleisch. Das pflanzliche Eiweiß ist entsprechend billiger). Der alte Stamm pa’ästinensiidier Einwohner, Araber sowohl als Juden, bekennt sich auch aus Billigkeits¬ und Hygienegründen zur praktial sogut wie fast ausschließlichen vegetarischen Lebensweise. Nur die neu zTigewancierfen Elemente, insbesondere die wohlhabenderen Elemente und besonders die Akademiker, die selbständig über diese Fragen nie nachgedacht haben, huldigen der veralteten Auffassung, daß der Mensch zu seinem Wohlergehen Fleisch essen müsse (möglichst viel Fleisch sogar). Denen gegenüber bedarf es recht wohl (leider!) einer Organisation, welche das Unzweckmäßige dieser Kost darlegt. Der Danielbund arbeitet für seine Bestiebungen mit der Unterstützung namhafter Nichtjuden. Neuerdings hat u. a. auch der Prinz Max von Badeji dem Vorsitzenden '(Hofrat Dr. A. Theilhaber, München) seine Mithilfe zugesagt. Diese Methodik erinnert an die ersten 10 Jahre der zionistischen Bewegung, in denen die Sympathien hochstehender Herrsdiaften sorgsam registriert wurden, nur mit dem Unterschied, daß jetzt der Nimbus vieler dieser gekrönten Häupter verblaßt ist. Lange wird aber das Interesse dieser Outsiders nicht bestehen bleiben. Der Danielbund wird dann zeigen, ob er als Bund für rationelle Lebensweise und für zweckmäßige Gartenkolonisation in Palästina in den jüdischen Kreisen Verständnis und Kräfte geweckt hat. Geboren wurde der Danielbund aus der Not der Zeit. Im vegetarischen Lager, in den Zeitschriften für Lebensreform war von jeher ein antisemitischer Unterton, der sich in letzter Zeit zu stärkeren Angriffen verdichtete. Der jüdische Anteil im vegetarischen Lager, an dieser zum Teil aus ethischen, zum' Teil praktisch hygienisidhen Motiven entsprungenen Bewegung war zwar stets verhältnismäßig gering, die Stoßkraft des Vegetarismus vielleicht deshalb so schwächlich; daß sich aber die in ihm wirkenden jüdischen Kräfte auf ihr Judentum und auf die Notwendigkeit ihrer jüdischen Betätigung besonnen haben, ist eine erfreuliche Erscheinung!. Ln die vegetarische Weltanschauung mündete stets eine allumfassende, hygienische Auffassung, die sich stellenweise ethisch orientierte. Diese Ideologie ist der wunde Punkt der vegetarischen Reform. Der Danielbund hat die ethische Neuorientierung auch noch in kein klares Programm zu fassen verstanden, wo man einigermaßen mti offenen Augen die heutigen Dinge sieht, wird zugegeben, daß sich große ethische Evolutionen neben den Revolutionen vollziehen. Ob diese im jüdischen Lager im Rahmen des Danielbundes möglich sind, ist eine Frage. Man kann darüber verschiedener Meinung sein. Letzten Endes entscheidet hier die Geschichte. Die neuen Männer im schaffenden Judentum (als solche erscheinen uns die Begründer des Danielbundes) scheinen in sich die Kraft hierzu zu verspüren. Wenn sie nur einiges aus ihrem Programm in Taten umzusetzen vermögen, werden sie unserer Anerkennung sicher sein. Wilmersdorf. Felix A. Theilhaber. a Am i.Juli w beginnt ein neues QuartalWir bitten 1 unsere Leser in ihrem eigenen Interesse, ä ¥ z die Abonnements rechtzeitig zu erneuern Für die Redaktion verantwortlich; C. Z. Klötzel, Berlin. Verlag: Welt-Verlag, Berlin NW 7, Dorotheenstr,35 Drude von Siegfried Scholem, Berlin-Schöneberg.

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