Volk und Land
- Journal
- Volk und Land
- Volume
- 1 (1919)
- Issue
- Heft 10-11 (6.3.1919)
- Date
- 1919-03-06
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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VOLKomd-LAMD JUEDISCHllVVOCiiNSCHRIFT FUER POLITIK, WIRTSCH^^UND PALAESTINAARBEIT HERAUSGEGEBEN VON DAVIS TRIETSCH 6./13. MAERZ 1919 HEFT 10/11 I. JAHRGANG JUEDISCHE VOLKSKUNDE Von Heinrich Loewe*). Die Volkskunde ist eine der jüngstein Wissenschaften. Erst in den letzten Jahrzehnten hat sie eine nachdrücklichere Pflege erfahren, wird aber vielfach yon ihren künftigen Schwestern noch nicht als vollgültig anerkannt. Das ist ganz natürlich, da sie in weitem Umfange dilettantisch betrieben wird und ihre Natur es mit sich bringt, daß 'Dilettanten ihr oft den besten Stoff zuzuführen in der Lage sind. Ihre jüngste Tochter, die jüdische Volkskunde, ist zumal das Stiefkind der wissenschaftlichen Welt. Sie hat bisher kaum eine einigermaßen würdige Pflege gefunden. Und doch gehört auch sie als notwendige Ergänzung zu einer allgemeinen Kulturkunde der Juden. Sie soll eine Lebensbeschreibung des jüdischen Volkes geben, aber nicht in dem Sinne j historischer Biographie, wo eines auf das andere | chronologisch folgt und in ursächlichem historischen j Zusammenhänge behandelt wird, sondern eine Darstellung des jüdischen Volkes, so wie es heute ist, mit besonderer Berücksichtigung des inneren Lebens. Die jüdische Volkskunde will uns eine Beschreibung des äußeren und inneren Menschen beim Juden geben, seiner Lebensgewohnheiten und Lebenszüge, seines Charakters und seiner Liebhabereien. Sie will einen tiefen Blick in das häusliche und Familienleben des Juden werfen und wird damit die wichtigste Ergänzung der Geschichte, zumal der Kulturgeschichte. Was der Jude denkt und wie er fühlt, wie er sich das Leben ausmalt, und wie das Leben auf ihn wirkt: das sind wichtige Fragen, mit denen sich die Volkskunde abgibt. Die Geschichtswissenschaft gibt hierüber wenig Auskünfte. Aber gerade I das unter der Schwelle des Bewußtseins liegende j Denken, die unwillkürlichen Volksvorstellungen und I Anschauungen wirken trotz der hohen Kultur des jüdischen Volkes auf die Gestaltung dieser Geschichte durchaus mit. Sie lassen ihre Spuren auch dann in der jüdischen Kultur erscheinen, wenn sie selbst mit der Lehre des Judentums in Widerspruch stehen und von ihr verpönt werden. Diese inneren Vorgänge, die im menschlichen Herzen vor sich gehen und die oft genug dem unbewußten Denken angeboren* haben zu alien Zeiten nicht minder auf die Gestaltung der Volksgeschichte eingewirkt als die großen kulturellen Ideen, welche offiziell die Kultur des Volkes ausmachen. Der Forschungsgegenstand der jüdischen Volkskunde sind die Juden. Da aber muß die Vorfrage erörtert werden, was denn eigentlich Juden sind. Nach dem allgemeinen Sprachgebrauche sind Juden die Angehörigen des jüdischen Volksstammes. In einem gewissen Sinne aber greift auch der Begriff einer jüdischen Religion mit hinein. In volkskundlicher Hinsicht kann freilich die Judenheit nur in ihrer Eigenschaft als Stammes» gemeinschaft der Gegenstand der Betrachtung sein. Aber die Forschung muß zuerst einmal die Grenzen zwischen den Juden als Rasse und Stamm einerseits, als zufällige Anhänger jüdischer Religionsmeinungen andererseits feststellen-, damit aber muß sie Ethnographie und Demographie des jüdischen Volkes als erste Voraussetzung jüdischer Volkskunde behandeln. Nach den Urkunden der althebräischen Geschichte sind die Juden die Nachkommen einer einzigen Familie. Stärker kann die Zugehörigkeit zu einer .geschlossenen und einheitlichen Rasse gar nicht betont werden. Aber diese Konstatierung der Rasseeinheit wird noch dadurch in der biblischen Darstellung verstärkt, daß die Nachkommen dieser Familie wiederum mit den nächsten Verwandten Ehegemeinschaften schließen. Zwar hat Abraham auch einen Sohn und Nachkommen von Hagar, der ägyptischen Dienerin seiner Frau. Aber schon hier zeigt sich, daß die biblische Ueberlieferung die Rassereinheit durch diese Verbindung nicht gestört wissen will. Vielmehr sind die Nachkommen des Hebräers und der Aegypterin die Söhne Ismaels, die nördlichen Araber, die ein stamm- und sp rachverwandtes Volk darstellen, aber keineswegs zu dem hebräischen Volk gehören. Die Nachkommen Abrahams von dessen rechtmäßiger und seinem Stamme angehörigein Gemahlin Sarah setzen die hebräische Stammesgeschichte fort. Sie aber holen sich ihre rechtmäßigen1 Frauen *) Nach der vom Verfasser gehaltenen Eröffnungsvorlesung der „Freien Jüdischen Volkshochschule“ zu Berlin.