Jahrbuch der Gesellschaft für Geschichte der Juden in der Čechoslovakischen Republik
- Journal
- Jahrbuch der Gesellschaft für Geschichte der Juden in der Čechoslovakischen Republik
- Volume
- 8 (1936)
- Date
- 1936-01-01
- Page
- – (sequence 60)
- Language
- German
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I. DAS PRAGER JÜDISCHE HANDWERK IM XVI. JAHRHUNDERT.1 Das Handwerk war bei den Juden in biblisch-talmudischer Zeit, ebenso im frühen Mittelalter, eine beliebte und gesuchte Ernährungsquelle. Die talmudische Vorschrift2: „Jeder Vater ist verpflichtet, seinen Sohn ein Handwerk zu lehren; wenn er ihn kein Handwerk lehrt, lehre er ihn Raub", besagt, welche Würdigung das Handwerk bei den Juden von jeher gefunden hat. Es kann uns daher kein Wunder nehmen, daß große Talmudlehrer als Handwerker ihr Leben fristeten und auch nach ihrem Handwerke benannt wurden; Rabbi Isak der Schmied, Rabbi Jochanan der Schuster u. a. m. Diese Vorliebe für das Handwerk war bei den Juden noch lange vorhanden. Im Orient, in Byzanz, Süditalien, Südfrankreich und in Spanien widmeten sich die Juden in den ersten Jahrhunderten des 2. Jahrtausends vorwiegend manuellen Berufen .3 Anders allerdings gestalteten sich die Verhältnisse in West- und Mitteleuropa, wo den Juden durch die im 12. Jahrhundert entstandenen christlichen Handwerksgilden jede Betätigung eines Handwerkes unmöglich gemacht wurde.4 Zu diesen Ländern gehörte auch das Königreich Böhmen, namentlich die Hauptstadt Prag, wo die Handwerkszünfte das Stadtgewerbe bildeten und in den Stadtbehörden stets ihre mächtigen Beschützer fanden. In den drei Prager Städten war daher den Juden jede freie Ausübung der Handwerke Jahrhunderte lang verboten. Wenn auch den Prager Juden die Handwerkstätigkeit untersagt war, wurde es ihnen in einigen Berufen dennoch frühzeitig gestattet, ihre jüdische Kundschaft mit ihren eigenen Handwerkserzeugnissen zu versehen. Es gab von jeher aus religionsgesetzlichen Gründen jüdische Fleischer (carnifex) und auch jüdische Schneider. Für den Verkauf an die christliche Kundschaft am Tandelmarkt, im Ghetto und an den öffentlichen Jahrmärkten durften die Juden nur ihre Trödelware, etwa alte Kleider und gebrauchte Schuhe, ausbessern. Sie richteten allerdings zuweilen die alten Sachen wie neu her oder verfertigten sogar neue Handwerksprodukte, wogegen zu Beginn des XVI. Jahrhunderts bereits Klagen der christlichen Zünfte laut wurden. Aus dem Beschlüsse der Altstädter Schwertfeger im Jahre 1509,5 die Juden dürften weder Schwerter machen, noch verkaufen, geht hervor, daß einzelne Juden das Schwertfegerhandwerk auszuüben versuchten, wie sie auch andere von ihnen erzeugten Waren an Christen zu verkaufen trachteten. 8 59