Jahrbuch der Gesellschaft für Geschichte der Juden in der Čechoslovakischen Republik
- Journal
- Jahrbuch der Gesellschaft für Geschichte der Juden in der Čechoslovakischen Republik
- Volume
- 8 (1936)
- Date
- 1936-01-01
- Page
- – (sequence 58)
- Language
- German
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Die jüdischen Zünfte in Prag, von Dr. Tobias Jakobovits Mit der vorliegenden Arbeit über die Prager jüdischen Zünfte beginnen wir einen wichtigen Abschnitt aus der tausendjährigen Vergangenheit der Prager Juden zu behandeln. Der ehedem von den Juden mit Vorliebe gewählte Beruf eines Handwerkers war ihnen durch die weitreichende Macht der christlich-konfessionellen Zünfte fast unzugänglich. Nur in den Grenzen der Ghettomauern führte er ein schwaches Dasein. Erst im Laufe des XVI. Jahrhunderts begannen die Erzeugnisse der jüdischen Handwerker die Prager Ghettogrenzen zu überschreiten und von diesem Zeitpunkte an entfaltete sich das jüdische Handwerk trotz heftigster Gegenwehr der christlichen Zunftmeister mit unentwegter Zähigkeit. Die Prager Juden bekundeten in ihrer Handwerkstätigkeit einen Bienenfleiß und scheuten vor den schwierigsten und mühseligsten Arbeiten nicht zurück, so daß im XVIII. Jahrhundert über die Hälfte der erwerbstätigen Prager Juden von der Erzeugung und dem Vertrieb der Handwerksprodukte ihren Lebensunterhalt fristeten. Die Entwicklung des Kleiderhandels im XVII. Jahrhundert zur Konfektionsindustrie, die aufsteigende Schuhfabrikation von der Mitte des XVII. Jahrhunderts an, sowie der Aufschwung des gesamten Prager Handels im XVIII. Jahrhundert, ist nicht zum geringen Teile den Prager Juden zu verdanken. Alle Schichten der christlichen Bevölkerung und mit ihnen auch die Fiskalämter zogen Nutzen von der jüdischen Handwerkstätigkeit, was an höchster Stelle auch zumeist anerkannt und gewürdigt wurde. Nur die bürgerlichen Zünfte richteten ununterbrochen gehässige und feindselige Angriffe gegen die Prager Juden wegen der Ausübung ihres Handwerkes. Diese Angriffe überschritten bei weitem den Rahmen eines Konkurrenzkampfes und zogen auch alle behördlichen Instanzen in ihre Kreise, so daß sogar das Verbleiben der Juden in der Prager Judenstadt in Frage gestellt war. Die Ältesten der Prager Judengemeinde sahen jedoch die Interessen der jüdischen Handwerker und Kaufleute als die ihrigen an und waren jederzeit bemüht, sie mit ganzer Kraft zu schützen. Das in unserer Darstellung benützte Aktenmaterial ist zumeist ein Ergebnis dieser dauernden Streitigkeiten und informiert uns daher über die Tätigkeit und Leistungen der jüdischen Handwerkszünfte vielfach nur einseitig. Der von den Juden vertretene Rechtsstandpunkt gegenüber den Klagen der christlichen Zunftältesten ist daraus nicht immer ersichtlich und nichts erfahren wir daraus über die menschlichen Vor- 1 57