Jahrbuch der Gesellschaft für Geschichte der Juden in der Čechoslovakischen Republik
- Journal
- Jahrbuch der Gesellschaft für Geschichte der Juden in der Čechoslovakischen Republik
- Volume
- 7 (1935)
- Date
- 1935-01-01
- Page
- – (sequence 410)
- Language
- German
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Willmann mitgeteilte Inschrift von größerer Bedeutung sein; sie lautet: „Ein Feuer entstand am 28. Ab 5479 (1719), und man hat wieder erbaut und vollendet am Rüsttage zum Monat Tammus 5483 (1723)", Willmann vertritt die Ansicht, daß dies demnach der Zeitpunkt sei, in dem die Synagoge „den barocken Einschlag" erhalten habe. Diese an sich richtige Behauptung bedarf indessen meines Erachtens einer Ergänzung, die nachstehend begründet werden soll: Der Bau des Gotteshauses fällt in die Zeit von 1719 bis 1723, also in eine Epoche, die auffallenderweise durch das rapide Anwachsen der Gemeinde charakterisiert ist; dies gilt besonders für die Jahrzehnte nach dem Dreißigjährigen Krieg. Wenn von 1657 mit 146 Familien die Gemeinde 1789 auf 600 Familien anwächst, so müßte man auf eine Zuwanderung schließen können, umsomehr, als diese in die historisch festliegende Zeit der Wanderbewegung fällt. Als nun 1719 das Ghetto und mit ihm die Synagoge abbrannte, dürften die Zugewanderten bewirkt haben, daß letztere nach dem Muster ihrer bisherigen Heimat wieder erbaut werde. Diese Annahme findet auch darin einen Beweis, daß die näherliegenden Synagogen im Bereich der heutigen Republik im Gegensatz zu den polnischen für eine so große Gemeinde kein Vorbild liefern konnten. Außerdem spricht der hebräische Text von: „wieder erbaut" und nicht von „wieder hergestellt". Offenbar bediente man sich beim Bau nur der vom Brande verschont gebliebenen Umfassungswände und gestaltete das Innere nunmehr nach dem Muster der „letzten Mode", also der vorerwähnten Spätzeit des Viersäulentypus. Denn wollte man annehmen, daß das beim Bau angewandte System der oben zu einem Mittelpfeiler vereinigten vier Säulen schon vor 1719 hier bestanden hätte, so ergäbe sich ein unerklärlicher Anachronismus, da dieses System im Ursprungslande Polen erst im 17. Jahrhundert entsteht, als Ausklang einer geradlinig verlaufenden Entwicklungsgeschichte. Auch der Name „Altneuschul" läßt — dem Prager Wortgebrauch angepaßt — darauf schließen, daß hier ein Neubau vorliegt, der nur Teile des Altbaues verwendet hat, in seiner architektonischen Gestaltung aber durchaus neue Wege einschlug. So erscheint auch die Nikolsburger Synagoge als ein steinernes Dokument für die große historische Wanderbewegung Ost /West. Daß diese Synagogenneubauten nach polnischen Vorbildern, aber direkt als Folge ostjüdischer Zuwanderung angesehen werden müssen, dafür spricht auch die nachstehende negative Beweisführung. In Nordwestböhmen entsteht in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts plötzlich, und fast gleichzeitig eine größere Zahl neuer Judengemeinden, die auch alsbald zum Bau ihrer Synagogen schreiten. Auch hier scheint eine Wanderung vorangegangen zu sein. Aber der Charakter 408