Jahrbuch der Gesellschaft für Geschichte der Juden in der Čechoslovakischen Republik
- Journal
- Jahrbuch der Gesellschaft für Geschichte der Juden in der Čechoslovakischen Republik
- Volume
- 7 (1935)
- Date
- 1935-01-01
- Page
- – (sequence 403)
- Language
- German
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Sowie aber jede wurzelechte Baukunst ihre Früh-, Hoch- und Verfallsperiode aufweist, so auch hier. Die älteren Beispiele zeigen vier den Raum symetrisch in neun gleich große Felder teilende Säulen. Später wird das Mittelschiff schmäler als die Seitenschiffe und der bisher lose zwischen den vier Säulen untergebrachte Almemor zwischen diese organisch eingebaut. Die letzte Periode endlich, von der Erkenntnis ausgehend, daß der Almemor noch sinnfälliger betont werden müsse, rückt die vier Säulen noch enger aneinander und läßt sie zu einem mächtigen, das Raumbild beherrschenden und baldachinartigen Mittelpfeiler, zusammenwachsen. Dieser trägt nun die Gewölbedecke, eine Anordnung, die übrigens nur durch den seitherigen Fortschritt in der Gewölbetechnik, die das bisher übliche Kreuzgewölbe verdrängt hatte, ermöglicht wurde. Beispiele dieser Art entstanden in Przeworsk und Rzeszow (Neustädter Synagoge)5, Wilna usw. Im Nachstehenden soll nachgewiesen werden, wie die vorgenannten Typen bei der Ost/West-Wanderung der Juden in Böhmen und Mähren beim Bau der Synagogen angewendet worden waren, als Zeugen dieser historischen Wanderbewegung. a) Kostel in Mähren. Die noch bestehende Synagoge ist nach dem Viersäulensystem in Lemberg errichtet. Die einstmals bedeutende Gemeinde weist nachdem Dreißigjährigen Krieg nur noch vier Familien auf (1647). Aber bereits zwanzig Jahre später wird von 18 Judenhäusern berichtet und 1768 vernehmen wir von 42 und 1787 von 81 Familien. Da das Bausystem dieser Synagoge in den Ländern der böhmischen Krone als Fremdkörper erscheint und das plötzliche und rapide Anwachsen der Gemeinde in das letzte Viertel des 17. Jahrhunderts, also in die Zeit der polnischen Wanderung fällt, liegt die Vermutung nahe, daß die Emigranten dieses Gotteshaus nach dem Muster ihrer bisherigen östlichen Heimat errichtet hatten. b) Kremsier. Die 1908 abgebrochene ehemalige Synagoge zeigte deutlich gleichfalls den Typ Lemberg, bzw. Kostel. Die Gemeinde selbst muß aber schon vor der Errichtung des polnisch beeinflußten Gotteshauses bedeutend gewesen sein, wie ein Parochet vom Jahre 1425 erweist, daß einer noch älteren Synagoge zuzuweisen ist. Wenn berichtet wird, daß deren Wände mit hebräischen Gebeten ausgemalt gewesen waren, so könnte dieser typisch polnische Brauch schon hier Rückschlüsse auf die Erbauer zulassen, wie dies bei der Erstellung der zuerst genannten Synagoge angenommen werden kann. 402