Jahrbuch der Gesellschaft für Geschichte der Juden in der Čechoslovakischen Republik
- Journal
- Jahrbuch der Gesellschaft für Geschichte der Juden in der Čechoslovakischen Republik
- Volume
- 7 (1935)
- Date
- 1935-01-01
- Page
- – (sequence 307)
- Language
- German
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Zur Geschichte der Juden in Böhmen im neunzehnten Jahrhundert. Von Dr. Frantisek Roubik. — Deutsch von Dr. Anton Blaschka. I. ZUR ZENSUR JÜDISCHER BÜCHER IN BÖHMEN ZU ANFANG DES NEUNZEHNTEN JAHRHUNDERTS. Im Juni 1789 wurde anstelle des Jesuiten P. Leopold Tirseh der aufgeklärte, gründliche, dabei aber auch unparteiische Kenner der jüdischen Religionslehre und der hebräischen Literatur Karl Fischer aus Lichtenstadt zum Prager Zensor, Revisor und Translator in hebraicis bestellt .* So hatte die böhmische Judenschaft den ersten weltlichen Zensor erhalten, einen Mann, dessen Weltanschauung und Gesinnung die Gewähr bot, daß mit seiner Ernennung eine günstigere Epoche in der Überwachung der einheimischen und fremden hebräischen Literatur im Lande beginnen werde. Die Tätigkeit Fischers als Zensors bis zu dessen Tode im Jahre 1844 soll uns hier nicht eingehender beschäftigen, wiewohl dies sehr verlockend wäre, — wir wollen nur an zwei markanten Beispielen zeigen, wie Fischer Inhalt und Form der damaligen hebräischen Literatur überhaupt auffaßte und wie er sich zu einigen alten Lebensfragen der jüdischen Minderheit nicht bloß in Böhmen, sondern auch in anderen Staaten Europas stellte. Es wird dadurch nur der Wahrheitsbeweis erbracht werden für die Tatsache, die wir Gelegenheit hatten auch in anderen Zweigen der öffentlichen Verwaltung jener Zeit aufzuzeigen ,2 daß nämlich die Prager staatlichen Behörden und ihre Organe die Judenfragen viel wohlwollender und liberaler behandelten, als dies in anderen österreichischen Ländern der Fall war. Dies hing freilich zu einem Großteil auch damit zusammen, daß die böhmische und namentlich die Prager Judenschaft unter allen Juden der österreichischen Länder in kultureller und teilweise auch in wirtschaftlicher Hinsicht die höchste Stufe einnahm.3 Zu Anfang des Jahres 1813 unterbreitete der hebräische Zensor in Budapest, Johann Nep. Alber, der ungarischen Statthalterei seine Wahrnehmungen aus seiner Praxis als Zensor hebräischer Religionsbücher und machte dabei die Behörden auf zahlreiche Verstöße gegen die geltende Moral aufmerksam, die er in dieser Literatur festgestellt hatte.4 305