Jahrbuch der Gesellschaft für Geschichte der Juden in der Čechoslovakischen Republik
- Journal
- Jahrbuch der Gesellschaft für Geschichte der Juden in der Čechoslovakischen Republik
- Volume
- 6 (1934)
- Date
- 1934-01-01
- Page
- – (sequence 296)
- Language
- German
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Zur Geschichte der Juden in Böhmen in der ersten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts Von Dr. Frantisek Roubik, deutsch von Dr. Anton Blaschka I. DER WIDERHALL DES PARISER SANHEDRINS VOM JAHRE 1806 IN BÖHMEN Napoleon beabsichtigte gegen Ende Oktober 1806 nach Paris das große 71gliedrige jüdische Synedrion einzuberufen, wie es nach der altjüdischen Verfassung vor Zerstörung des jüdischen Tempels zu Jerusalem bestanden hatte. Dieser Hohe Rat sollte den obersten Gerichtshof in Religionssachen für die gesamte Judenschaft Europas bilden. Durch diesen Plan sah sich wohl keine Regierung des Kontinents mehr beunruhigt als die Wiener Regierung. Denn anfangs Oktober 1806 drang die Kunde nach Wien, das Pariser Komitee habe sämtliche Synagogen Europas zur Beschickung des Kongresses einzuladen.1 Die starken jüdischen Minoritäten in einigen Ländern Österreichs waren mit der letzten Regelung ihrer Rechtsverhältnisse durch das Systemalpatent vom Jahre 1797 nicht sonderlich zufrieden. Das galt vor allem von Böhmen. Dieser Umstand ließ es in gewissem Grade gerechtfertigt erscheinen, daß die Wiener Regierung fürchtete, der politische Schachzug Napoleons könne die Judenschaft der österreichischen Länder enger an Frankreich schließen und so dem verhaßten Franzosenkaiser nach seinen letzten politischen Erfolgen die Möglichkeit bieten, sich über die Lage in der Habsburgermonarchie beständig gut auf dem laufenden zu halten. Die Regierung hielt es daher für angezeigt, rasch Verfügungen zu treffen, um den österreichischen Juden eine Teilnahme am Pariser Sanhedrin unmöglich zu machen. Kaum war daher die erste verläßlichere Nachricht über den Aufruf zum Pariser Sanhedrin nach Wien gelangt, so beeilte sich der Oberstkanzler Ugarte, den böhmischen Oberstburggrafen Grafen Wallis auf die Napoleonische Aktion aufmerksam zu machen, in der Überzeugung, der Franzosenkaiser versuche auf diese Weise auoh die jüdischen Untertanen der österreichischen Länder zu einem Instrument seiner Pläne zu machen. Auf kaiserlichen Befehl trug daher Ugate dem Grafen Wallis auf, unauffällig und geschickt zu sondieren, ob auch nach Böhmen eine Einladung 285