Jahrbuch der Gesellschaft für Geschichte der Juden in der Čechoslovakischen Republik
- Journal
- Jahrbuch der Gesellschaft für Geschichte der Juden in der Čechoslovakischen Republik
- Volume
- 6 (1934)
- Date
- 1934-01-01
- Page
- – (sequence 204)
- Language
- German
- Belongs to
- journal volume
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2644300-2644315--2608-2646954- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Zur Geschichte der Juden in Böhmen in den letzten Jahren Josefs IL und unter Leopold IL Von Reg.-Rat Prof. Dr. Ludwig Singer I. JOSEPH ANTON VON RIEGGER UND DIE JUDENFRAGE a) Persönlichkeit und Grundanschauungen Das Toleranzpatent vom 19. Mai 1781 war ein wesentlicher Fortschritt in der Frage der Befreiung der böhmischen Juden, aber keine endgültige Lösung. Es führte, auch abgesehen von den Veränderungen im jüdischen Leben, die als seine unmittelbaren Folgen eintraten, zu keinem Stillstand. Auf einem wichtigen Gebiete war dieser Fortschritt ganz offensichtlich, auf dem des Schulwesens. Die Pädagogen, katholische Geistliche, die die Schulaufsicht führten, waren von den erzielten Erfolgen befriedigt Nicht befriedigt war aber der Mann, der sich im Kreise der böhmischen Landesregierung am eifrigsten und sachkundigsten mit diesen Dingen, ja auch der Judenfrage überhaupt beschäftigte, der Gubernialrat Josef Anton von Riegger. Ihm schien das Geleistete lange nicht ausreichend, die Einrichtungen noch lange nicht zweckentsprechend, um das zu bewirken, was ihm als Ziel vor Augen schwebte: die Umwandlung der Juden zu Staatsbürgern in seinem Sinne. Die von ihm herrührenden Aktenstücke zeigen ebensowohl wie seine sonstigen Arbeiten, welches Bild von Juden und jüdischem Wesen in ihm lebte, sie geben Aufschluß über seine Ansichten und Absichten, die für die Entscheidungen des böhmischen Guberniums in wichtigen Fällen den Ausschlag gaben. J. A. von Riegger2 wurde nach wechselvoller Tätigkeit im Lehramte und im Verwaltungsdienste 1778 von der Universität Freiburg im Breisgau - damals noch österreichisch - an die Universität Prag berufen und zum wirklichen böhmischen Gubernialrate ernannt. Als solcher wurde er mit der jeweiligen Vertretung des Studienreferenten Freiherrn von Kotz betraut. Von 1782 bis 1785 leitete er unter Beibehaltung des staatlichen Ranges und Titels als fürstlich Schwarzenbergischer Hofrat in Wien in vorbildlicher Weise die Geschäfte des damals regierenden Fürsten von Schwarzenberg und Herzogs von Krumau, gab aber infolge der Änderung seiner privaten Verhältnisse diese Stellung auf3 und kehrte als wirklicher 193