Jahrbuch der Gesellschaft für Geschichte der Juden in der Čechoslovakischen Republik
- Journal
- Jahrbuch der Gesellschaft für Geschichte der Juden in der Čechoslovakischen Republik
- Volume
- 6 (1934)
- Date
- 1934-01-01
- Page
- – (sequence 22)
- Language
- German
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bloß folgende Familien: Leon, Gumpertz, welche zwar erst Ende des siebzehnten Jahrhunderts zugewandert, aber in Prag bald bodenständig geworden war, Kisch, Jeitteles, Bondi. Wie indes auch Träger weniger bekannter Namen ihren ärztlichen Beruf aufgefaßt und ausgeübt haben, zeigt am deutlichsten eine Grabinschrift aus dem Jahre 1707, die unmittelbar sprechen soll:96 „Wie wurde zu Staub die Mannaflasche, die liebliche Pflanze, ein Künstler für die Kranken, mischte er heilkräftige Arzneimittel, starb Freitag den 6. Nissan 5467 [1707]; der angesehene Arzt Meir, Mitglied der Chewra kadischa, Sohn des Lippmann Chotieborsch-- sehr sorgfältig in der Heilkunde, bewandert in der medizinischen Literatur; sein Ansehen war groß in der Untersuchung des Urins97 und des Augapfels, des Hauptes und Rumpfes und aller zweihundertachtundvierzig Glieder; er heilte Brandwunden, und Brüche wußte er wohl einzurichten; er war auch Arzt und tüchtiger Geburtshelfer; möge er des ewigen Friedens teilhaftig werden". Man kann daraus zunächst entnehmen, daß - abgesehen von den charakterlichen Eigenschaften - bereits in jener Zeit internistische, chirurgische, gynäkologische Spezialkenntnisse geschätzt wurden. Schon im Jahre 1559 hören wir auch von einem Augenspezialisten in Prag, „Salomon Jud, Augenarzt", wie er sich in einem erhaltenen Bittgesuche selbst unterzeichnet, der vom Kaiser das Privilegium erhalten hatte, „seine Kunst üben und die Leut zu Prag und anderswo heilen und sich häuslich niedersetzen" zu dürfen.98 Es ist bekannt, daß die Entwicklung der Chirurgie, namentlich in Mitteleuropa und besonders in Deutschland bis ins achtzehnte Jahrhundert hinter der anderer medizinischer Sondergebiete stark zurückgeblieben ist und unter der scharfen Trennung von der übrigen Medizin, welche sie an. ihren Erfolgen nur in geringem Maße teilnehmen ließ, sehr zu leiden hatte.99 Ja dieser Zweig der Heilkunde wurde sogar lange von den Ärzten überhaupt nicht als vollwertig angesehen,99 weshalb sie sich für die praktische Ausübung der chirurgischen Kunst bis zum Ende des siebzehnten Jahrhunderts bloß selten gewinnen ließen. Sie blieb den Barbieren und Badern überlassen, die sich mit der sogenannten „niederen Chirurgie" befaßten, zu der die Entfernung von Warzen, das Schröpfen, der Aderlaß, das Zahnziehen und ähnliche Maßnahmen gehörten ,99 In der Prager Judenstadt gab es solche Barbiere und Bader in größerer Zahl,100 welche man somit als wirkliche Vertreter der Medizin betrachten kann. In den 1716 und 1741 veranstalteten patriotischen Festzügen der Prager Judenschaft reihen sich denn aus ebendem Grunde die sogenannten „Balbierer" unmittelbar den Ärzten und Apothekern an,101 wobei in der so gestalteten Rangordnung ihre geringere soziale Einschätzung und gesellschaftliche Stellung genau so klar zum Ausdruck kommt wie in ihrem Abzeichen, dem Barbiermesser. Das des Ärzte- 17