Jahrbuch der Gesellschaft für Geschichte der Juden in der Čechoslovakischen Republik
- Journal
- Jahrbuch der Gesellschaft für Geschichte der Juden in der Čechoslovakischen Republik
- Volume
- 5 (1933)
- Date
- 1933-01-01
- Page
- – (sequence 332)
- Language
- German
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II. DIE VERHANDLUNGEN ÜBER DIE ERWEITERUNG DER PRAGER JUDENSTADT IN DER ERSTEN HÄLFTE DES NEUNZEHNTEN JAHRHUNDERTS Die Prager Juden, welche die einzige wahre Judengemeinde Böhmens darstellten, waren zu Beginn des neunzehnten Jahrhunderts immer noch auf den Aufenthalt in der Prager Judenstadt beschränkt, die, im Moldauknie gelegen, damals über 270 Hausnummern zählte.1 Das Prager Ghetto mit seinen im Vergleich zum übrigen Prag ziemlich hohen Häusern, in den engen, dunkeln Gäßchen zusammengedrängt, berüchtigt durch seine Unreinlichkeit, gegen die die öffentlichen Behörden erfolglos ankämpften, diente eigentlich nur als Nachtherberge für die ärmeren Schichten der jüdischen Bevölkerung, die tagsüber in der Christenstadt ihrem Erwerb nachging und nur des Nachts in ihre kleinen, feuchten, dunkeln und dumpfen Wohnungen zurückkehrte, wo sich häufig in einem einzigen Räume drei bis vier arme Familien drängten. Jeder auf eine Besserung der gesundheitlichen Verhältnisse in der Judenstadt abzielende Eingriff des Prager Magistrats und der Stadthauptmannschaft scheiterte in der Regel und vor allen Dingen an dem komplizierten System des Teilbesitzes an den Judenhäusern, denn fast jedes hatte mehrere Eigentümer und es hielt schwer, sie alle zu einem gemeinsamen Schritte zu bewegen, wenn dieser obendrein mit finanziellen Opfern verbunden war. Das hatte sich sehr deutlich im Jahre 1790 gezeigt, als die Judenstadt von einer Epidemie heimgesucht war und zum Gegenstande einer intensiveren Aufmerksamkeit der Prager Behörden wurde. Die damals vom Gubernium eingesetzte Sanitätskommission stellte zwar keine ansteckende Krankheit fest, die auch die Christenstadt bedroht hätte, aber sie machte auf die ernstlichen gesundheitlichen Nachteile der Judenstadt aufmerksam, namentlich auf ihre Übervölkerung, den Schmutz und die schrecklichen Wohnverhältnisse. Als der Protomedicus Bayer über die durchgeführte Revision an das Gubernium berichtete, sah er das allerbeste Mittel zu einer Besserung in einer Erweiterung des Ghettos in der Richtung gegen die Christenstadt; er versprach sich davon für die Judenfamilien ein weitaus bequemeres Wohnen, als wenn z.B. im Hause NC. 12 141, im Hause NC. 207 gar 188 Personen zusammengepfercht waren usw. Er fand nicht genug kräftige Worte, um den fürchterlichen Schmutz in den Häusern und auf den Gassen der Judenstadt entsprechend zu kennzeichnen, und forderte rasche Schritte, um die Gassen und Juden Wohnungen, die er in seiner Relation 338 26