Jahrbuch der Gesellschaft für Geschichte der Juden in der Čechoslovakischen Republik
- Journal
- Jahrbuch der Gesellschaft für Geschichte der Juden in der Čechoslovakischen Republik
- Volume
- 4 (1932)
- Date
- 1932-01-01
- Page
- – (sequence 364)
- Language
- German
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Briefe von 1744—1748 über die Austreibung der Juden aus Prag. Veröffentlieht von S. H. L i e b e n. Vor einiger Zeit machte mich der Archivar der Kultusgemeinde Prag, Dr. Simon Adler, auf ein umfangreiches Faszikel aufmerksam, das er bei der Inventarisierung des Archivs der jüdischen Gemeinde in einem entlegenen Winkel vorgefunden hatte. Dank seinem Entgegenkommen konnte ich mich eingehend mit dem Funde beschäftigen, der 90 Briefe aller Formate vom kleinsten Zettel bis zum Kanzleiformat enthält, viele davon Briefe in aller Form, mit Adresse und Siegelabdruck, viele davon Papiere, die den Eindruck von Konzepten oder Abschriften machen. Die nähere Prüfung ergab, daß dieser Fund aus dem Archive des großen Finanzmannes und kaiserlichen Oberhof - faktors Simon Wolf Wertheimer in Augsburg stammt, des würdigen Sohnes des großen Samson Wertheimer in Wien, in dem er alles aufbewahrt hat, was sich auf seine und seiner Freunde durcli ihn veranlaßte Aktion im Interesse der von Maria Theresia mit der Ausweisung bedrohten Juden Prags, Böhmens und Mährens bezieht. Es sind erstens die Briefe, die Wolf Wertheimer (so wird er gewöhnlich genannt) ausgesendet hat in Kopien, zweitens Briefe, die an ihn einliefen, zumeist im Original, und Briefe an seine Freunde und Korrespondenten, die ihm diese manchmal im Original, manchmal in Kopie einsendeten, drittens Relationen, das sind Berichte über den jeweiligen Stand der Angelegenheit, die in der Regel zweimal wöchentlich von Wien bei Abgang der Post, Sonntag und Mittwoch, an Wertheimer abgesendet wurden. Ihr Absender und Verfasser ist Samuel, der Sohn Wolf Wertheimers; sie unterscheiden sich von Briefen erstens durch die Überschrift „Relation", zweitens durch das Fehlen von Anrede und Unterschrift und drittens durch den Mangel persönlicher Mitteilungen darin, sie bilden fast die Hälfte der Briefe. Über das Äußere der Briefe sei Folgendes gesagt: Die Adressen sind zum Teile deutsch, einzelne französisch, zum Teil (wohl bei den nicht durch Post beförderten) hebräisch; die Siegelabdrücke, von denen nur Bruchstücke erhalten sind, weisen zumeist hebräische Beschriftung auf. Die Briefe sind meist iirdem mit vielen hebräisch-rabbinischen Worten und Phrasen durchsetzten Jüdischdeutsch abgefaßt, die Sprache selbst ist den Kreisen, aus denen die Briefe stammen, entsprechend, die der gebildeten Kreise des 18. Jahrhunderts, reichlich geziert mit heute 1 353