Jahrbuch der Gesellschaft für Geschichte der Juden in der Čechoslovakischen Republik
- Journal
- Jahrbuch der Gesellschaft für Geschichte der Juden in der Čechoslovakischen Republik
- Volume
- 3 (1931)
- Date
- 1931-01-01
- Page
- – (sequence 312)
- Language
- German
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schon einen Bestandteil des allgemeinen Judenhandels bildete, obwohl das Kleidungsstück noch keineswegs als Handelsgut anerkannt war, sondern hauptsächlich deshalb, weil sich an ihm die ganze Art jüdischen Handelsbetriebs am charakteristischsten dartun läßt. Untersuchen wir die Geschichte des jüdischen Kleiderhandels, so müssen wir den ganzen Verlauf des von Geboten und Verboten, kaiserlichen und grundherrlichen. Privilegien abhängigen jüdischen Wirtschaftsbetriebs in Mähren mit untersuchen; die Frage des jüdischen Handwerks muß ebenso beleuchtet werden, wie die Stellung zur christlichen Zunft und dem von ihr bekämpften Pfuscher. Die Frage nach der Herkunft der von Juden gehandelten Güter wird akut und mit ihr das Problem, welche Rolle die Juden bei der Entstehung und Entwicklung der kapitalistischen Wirtschaftsform gespielt haben. Kurz, es wurde versucht, am jüdischen Kleiderhandel als Objekt ein Stück jüdischer Wirtschaftsgeschichte in Mähren in all ihrer Mannigfaltigkeit darzustellen. Zum Schluß möchte ich noch ein paar Worte über die bei dieser Arbeit angewendete Methode sagen. Es ist selbstverständlich, daß die Träger des jüdischen Kleiderhandels nicht isoliert ohne Zeichnung des Rahmens, in dem sie gelebt und gehandelt haben, bearbeitet werden konnten. Man muß sich daran gewöhnen, die mährischen Ghetti nicht als sich selbst genügende Wirtschaftsgebiete zu betrachten. Die Bewohner der Ghetti standen natürlich in engstem wirtschaftlichen Zusammenhang mit den Bewohnern der Städte, auf deren Territorien die Juden viertel lagen, in engem Zusammenhang weiter mit den übrigen jüdischen und nichtjüdischen Landesbewohnern. Es ist daher ausgeschlossen, jüdische Wirtschaftsgeschichte zu schreiben, indem man sich auf die Juden allein beschränkt; ein allgemeiner Rahmen ist unbedingt erforderlich. Deshalb zeichnete ich zuerst das Milieu, dem die christliche Schneiderzunft entsprungen ist, dann diese selbst und ihre Politik, die den Pfuscher schuf. Später die Verhältnisse, die der Dreißigjährige Krieg verschuldet hatte und die allein das Aufblühen des Kleiderhandels ermöglichten. Kapitel für Kapitel bemühte ich mich, die zwei Gruppen, die mit dem jüdischen Kleiderhandel in Zusammenhang standen — die christliche Zunft und den mit dem Juden verbündeten Pfuscher — scharf herauszuarbeiten. Nur in der Synthese aller in Betracht kommenden Kategorien kann man der Aufgabe: jüdische Wirtschaftsgeschichte zu schreiben, gerecht werden. P r o ß n i t z, im März 1931. Bernhard Heilig. 308