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Mitteilungen der Gesellschaft für Jüdische Volkskunde · 1900-01-01 · 1 (1900) · p. Seite 2

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Journal
Mitteilungen der Gesellschaft für Jüdische Volkskunde
Volume
1900
Issue
1 (1900)
Date
1900-01-01
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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2 des eigenen Volkstums. Der Ehe des ״neuen Himmels und der neuen Erde“ entspross ein neuer Geist, ein neuer Glaube. Renaissance. Reformation, Revolution bezeichnen die dreifache Reaktion gegen den Geisteszwang* des Mittelalters. Doch ein Nebel, der Jahrhunderte die Geister umnachtet, zerstiebt nicht beim ersten Sonnenstrahl; noch mancher Streif bleibt hie und da hangen am Gipfelwald wie am Feldgestrüpp. Wohl löst ein Formelwesen, bis zur Gewissenstötung ausgeartet, ein neuer Glaube ab, der das Gewissen allein hören will in Sachen des Glaubens und sittlichen Handelns, wohl verscheucht die Scholastik, die wie ein Meltau über Blätter und Früchte am Baum der Erkenntnis sich breitet, der Feuereifer für die Ergrün düng der Natur und die Belebung hellenischer Herrlichkeit, die tote Sprache des Römers weicht der lebendigen Mundart des Volkes, durch das leblose Schema staatlicher Gliederung bricht immer mächtiger die Sonderart der Nationalität. Nur ein Rest des Mittelalters trotzt allem Fortschritt und Wandel der Zeiten: der Volksglaube. Seine grausigsten Ausgeburten sind: die Astrologie und der Hexenwahn1). Ihnen dankt unsere Dichtkunst ihre herrlichsten Blüten: der tragische Held des Teufels wahnes ist Faust, der des Glaubens an die Macht der Sterne: der Herzog von Friedland. Wie seit den Tagen der Araber nie wieder zum zweiten Male sehen wir hier in dem wahnumstrickten Schüler eines Galilei die Geschicke ganzer Völker geleitet vom gröbsten Fetischismus. Und Wallenstein klammert sich — welch tragische Ironie! — an einen Hierophanten, der selbst seine Kunst verspottet, der von seinem Geschäfte sagt: ״Wenn Gott einem jedem Thier die Mittel zur Erhaltung seines Lebens verlieh, warum sollte es nicht sein, dass er in gleicher Absicht dem Astronomen die Astrologie gegeben. ... Wo wollte ihre Mutter, die hoch vernünftige Astronomie bleiben, wenn sie diese ihre närrische Tochter nicht hätte? Ist doch die Welt noch viel närrischer, und so närrisch, dass derselben zu ihrem eigenen Frommen diese alte verständige Mutter durch der Tochter Narretheidung, weil sie zumal auch einen Spiegel hat, nur eingeschwatzt und eingelogen werden muss“. Wie grausam närrisch diese Welt sein konnte, sollte der seltsame Sterndeuter,־ der die Menschheit wenigstens vor diesem einen jener beiden Übel gründlich erlöst hat, an sich selbst er- ב) Über die Beden tun״ der Astrologie noch in unseren Tagen s. Troels- Lund, Hinimelsbild u. Weltanschauung (deutsch) 259. Auch die Alchymisten machen Dawid u. Salomo zu ihren Meistern und die ganze Bibel zu einem alchymistischen Handbuch (Schindler 196). über Alchymie in jiid. Kreisen s, unten § 34 f. u. Cod. Merzbacher 70. Selbst Friedrich d. Gr. soll ebenso wie seine' Fähnriche alch. Versuche gemacht haben. Als letzter Aich, starb ein Prof, in Helmstädt 1809 (Schindler 204).

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