Der Jüdische Arbeiter
- Journal
- Der Jüdische Arbeiter
- Volume
- 10 (1933)
- Issue
- Heft 51 (22.12.1933)
- Date
- 1933-12-22
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 4. Per }#Ulic.M A/ltaikr. 21 Dezember 1933 Zur ökonomischen Lage der Juden; in Polen Die wirtschaftliche Lage der Juden gestaltet sich immer katastrophaleT. Die Signale dieses Niedergangs sind die pefiodrsch. erscheinenden Veröffentlichungen, deren mitgeteiltes Zahlenmaterial eine beredte Sprache spricht. Wie vviir bereite berichtet haben, hat das jüdisch-wirtschaftliche Komitee in einem Memorandum angegeben\ daß sich 200.000 jüdische Familien in einer schweren Lage .befinden und weitere .100.000 Familien nicht einmal über das Existenzminimum verfügen. - Die jüdische Selbstmordistatistik in Polen zeigt wähl aim besten den wirtschaftlichen Niedergang des polnischen Judentums. Nach den letzten Mitteilungen sind 40.9 Prozent aller Selbstmorde in Polen Juden, trotzdem die Gesamtzahl der Juden in Polen bloß 10 Prozent der Gesamtbevölkerung ausmacht. Die Zahl der Selbstmörder bei den Juden ist also viermal so groß als ihrem Anteil an der der Gesamtbevölikerung entspricht. Ein, Drittel der jüdischen Selbstmorde ist auf Nervenzusammenbrüche zurückzuführen (bei Nichtjuden 12 Prozent), die Hoffnungslosigkeit der jüdischen Menschen ist die Ursache dieser Selibstmordepidemie. Auch die Geburtsziffern mit ihrer fallenden Tendenz zeugen vom wirtschaftlichen Verfall des polnischen Judentums. Auf 1000 Seelen kamen in» Polen im Jahre 1932 bei den Katholiken 28.9, bei den Rechtgläubigen 27 und bei den Juden' nur 19.3 Geburten. Die wirtschaftliche Lage der jüdischen Arbeiter ist schlechter als die der christlichen Arbeiter, was in der Tatsache ibegründet ist, daß diie Juden m den schwächeren Produktionszweigen beschäftigt sind. In der Schwerindustrie waren 20 Prozent der industriell tätigen Bevölkerung Nicht' juden, 2 Prozent Juden. Hingegen, siind in der Konfektion ifast die Hälfte dieir industriell tätigen Juden beschäftigt. In der Vorkriegszeit hat der Emdgrattotnsstrom einen großen Teil der jüdiischen Reservearmee aufgenommen;, heute treibt sich die erwerbslose jüdlische Jugend in den Städtchen erwerbslos herum. Das führt dazu, daß ein großer Teil dieser Arbeitslosen sich kleine Laden öffnen, sich dem Handel zuwenden., um als „Selbständige" langsam zu verhungern, die antisemitische Presse spricht daran vom Wohlstand und Unternehmungsgeist der Juden.. Das jüdische Handwerk geht in schnellem Tempo zu gründe. Im Jahre 1914 gab es mach Leszinisky in Wilna 60 jüdische Werkstätten mit mehr ails: 10 Arbeitern, heute existieren solche überhaupt micht mehr! Heute sind sogar jüdische Betriebe miiit 5 Arbeitern eine Seltenheit, im Jahre 1914 gab es solche mit 6—10 Arbeitern mehr als 100! Verschärfte Konkurrenz, technische Rückständlgkeit, Kapitalmangel bilden die Schattenisieitein. des jüdischen Handels und -Gewerbes., , „; -\r .W-.... ',.•<,, Die Verstaatlichung der wirtschaftlichen Unternehmungen hat die Herausstoßutng der jüdischen Arbeiter und Angestellten aus denselben zur Folge gehabt. Von 13.000 jüdischen Tabakarbeifltem siind <nach Monopolisierung dieses Wirtschaftszweiges kaum 300 verhieben. In Warschau, wo es 1500 jüdische Tabakairbeiiter gab, ist gegenwärtig die Tabakindustrie judlenreiin. In der Holzindustrie, in der 25.000 Juden beschäftigt waren., gilbt es heute nur eime ganz geringfügige Zahl von erwerbstätigen Juden. In der ostgalizischen Petroleumindustrie hat sich die Zahl der jüdischen Arbeiter um 70 Prozent, der nnchtj'üdülscheni um 20 Prozent verringert. Unter -den öffentlichen Beamten gilbt es fast überhaupt keine Juden, ihr An*ei3l beträgt kaumi 2 Prozent gegenüber ihrem. Anteil: an der Gesamtbevölkeruin,g von 10 Prozent Von 173.713 öffentlichen Angestellten sind 3880 Juden, d. h. 2.23;' Prozent, yoxi den 3082 Beairmten in dien Zentralstellen sind 40 Juden,, d. h. 1.1 Rrojzienit. Der größte Teil dieser jüdischen' Beamten siind solche,, diile noch in der Vorkriegszeit in Galiziein angestellt wurden. Ihre Zahl wird immer kleiner. Dasselbe gilt vom Lehrerstand. Von ,4853 Mittelschullehrern sitid137 Juden, d. s. '2.8, Prozent. Davon sind 117 altösterreichische Beamte, die 20 Mitte'lschullehrer aus Kongreßpolen sind Reliigioinslehrer. Von 58.480 Volksschullehrer sind 1924, d. h. 3.29 Prozent Juden. r Die Arbeiitsilosigkeit ist in den spezifisch jüdiischen Berufen besonders groß, was auch aus den Berichten der jüdischen Gewerkschaften an den letzten Gewerkschaftskonigreß hervorgeht. Der größte Teil der jüidiischen Arbeiter erhält auch keine Arbeitslosienuinterstützung, weil der Genuß dieser Unterstützungdie vorherige Beschäftigung in Betrieben mit mehr als 5 Arbeitern! voraussetzt. Der Kampf für das Recht auf Arbeit wird gegen die Regierung, diie Gemeinden und die jüdischen Unternehmer geführt. Die Erfolge sind sehr geringfügig. Jüdische Arbeiter linden bestenfalls kurzfristige Arbeit bei öffentlichen Arbeiten; auch die jüdischen Unternehmer versagen vollständig. E9 besteht in allen industriezwe^gem eine starke Disproportion zwischen der Zahl der jüdischen Unternehmer und Arbeiter. (Metallurgie: jüd. Unternehmer 35.4 Prozent, Arbeiter 0.2, Montanindustrie 43 Prozent jüdische Unternehmer, 1.8 Prozent jüdische Arbeiter), Der jüdiischen Jugend wird die Beruifsumschichtung unmöglich gemacht, da in den technischen Fachschulen trotz aller „Gleichberechtigung" aufi dem Papier ein numerus clausus besteht. Zusammenfassend kann gesagt werden, daß die jüdische Not in Polen ihren Höhepunkt erreicht hat. Auf Grund der bisherigen Erfahrungen darf nicht angenommen werden, daß sich die polnäsche Regierung bemühen wird, diesem Elend der jüdischen Massen zu steuern. Selbsthilfe ist der einzige Weg, der beschritten werden muß, soll das polnische Judentum nicht dem sicheren wirtschaftlichen Un tergang geweiht sein. Aus der jüdischen Weit Jüdische Einheitsfront in Rumänien gescheitert Mit einer Mehrheit von 20 gegen 8 Stimmen hat diel Leitung der „Union der mmänischein Juden" (Assimilanten) beschlossen, mit der jüdischem Partei (Zionisten) keinen' Wahlblock zu bilden. Die rumänische Partei hat sich' an, die jüdische Bevölkerung mit einem Aufruf an die jüdische Bevölkerung gewendet, für jene allgemein-politischen Parteien zu stimmen, die1 für Ruhö und Ordnung im) Lande eintreten. Drei jüdische Partei hat beschlossen, eine eigene! Liste aufzustellen, die: Regierungspartei ist bemüht, die» jüdische Partei zu bewegen, die Liste zurückzuziehen. Arrest für Heimkehr ins nationale Heim Die arabische „Fele&tin" teilt mit, daß zwei Gruppen türkischer Juden aus Smyrna und Konstantinopel, beim Versuch, die türkisch-syrische Grenze zu überschreiten, verhaftet wurden. sehen Oeffentlichkeit folgendes zur Kenntnis zu bringen: Als man in die Verhandlungen über die Kürzungen der Bezüge einging, hieß es, daß die Gehälter unter S 200 von den Kürzungen verschont bleiben. Und wie war es! in der Wirklichkeit? Allen' Angestellten, auch jenen, die weniger als S 200 beziehen, wurden Abzüge gemacht, mit Ausnahme von, sage und schreibe!, zwei Angestellten! dieser Kategorie, die bereits schematisiert wurden. Der Beschluß über die Ausschaltung der Bezüge unter S 200 von der Kürzung wurde als Beweis* für die soziale! Einsicht des Plenums der Kultusgemeinde geführt. Die ^soziale Einsicht" reicht also nur für die zwei schematisierten Angestellten aus? Wir hätten allen Grund, uns dessen zu schämen und nicht hervorzuheben, daß die Kürzung der Bezüge einvernehmlich erfolgt ist. E. K. Erfolge unserer Bruderpartei in Polen Bei den' letzten Gemeinderatswahlen in Galizien* hat die Vereinigte1 Partei in 15 Städten eigene Listen aufgestellt. In 5 Städten wurde' die Liste der Partei' ungültig erklärt. In den restlichen 10 Städten hat die Partei Mandate erobert. Gefährliche antisemitische Hetze in Litauen Aus Litauen wird berichtet, daß dort die; antisemitische Welle von Täg zu Tag ansteigt. Es' Wörden Tausende; von Flugblättern mit lügnerischen Verleumdungen der Juden verbreitet. Die' Juden werden , in diesen Flugblättern als Vaterlandsfeinde geschildert, die die Unabhängigkeit Litauens untergraben. Kalter Pogrom in Deutschland Trotz aller Warnungen der kompetenten Stellen vor der Fortsetzung des Boykotts dör jüdischen Firmen, hat vor Weihnachten eine; neue Boykottbewegung begonnen. Die „Deutsche Wochenschrift" fordert strenge Bestrafung aller Arier, die ihre Weihnachtseinkäufe bei Juden besorgen. 1 Kurze Palästinanachrichten Arbeitsvermittlun1gs'hl'ureäus> ohne Vertreter der organisierten Arbeiterschaft, wollen die jüdischen! Kolonisten mit Hilfe des Bejtar gründen. Die Plenarsitzung der jüdischen Arbei terpärtei Palästinas ,hat am 1. und 2. d. M. die kolonisatorischen Probleme dös Aufbausi im gegenwärtigen Augenblick behandelt. Eine Arbeitergärtönvorstadt wird vom Arbeiterrat in Jerusalem gegründet werden. Es werden dort 150 jüdische Arbeiterfamilien, leben. Eine neue jüdische: Vorstadt ist in letzter Zeit in Jaffa entstanden. Ein Kindergarten und eine Schule wurden dort bereits eröffnet. In Nes Zionah sind nur auf 3000 Dunäm jüdische Arbeiter beschäftigt, während die Pflahzungsfläche 8000 Dunam beträgt. Der Import Palästinas steigt , kontinuierlich, während der Export seit Monaten auf demselben Niveau bleibt. Am Gesundheitsb udget der Jewish Agency hat sich die Palästinaregierung heuer zum ersten Male in allerdings sehr bescheidenem Maße beteiligt. Die palästinensische Landwirtschaft ist, wie jüngst veröffentlichte! Ziffern über die Einfuhr der Agrarprodukte zeigen, nicht imstande;, den Bedarf an Qualitätsprodukten zu befriedigen. •Fünf jüdische Polizisten haben in Haifa und Chedrah1 den Dienst verlassen1. eher den Abschluß der Lohnverhandlungen in der Wiener Kultusgemeinde (Eine Zuschrift.) Im „Jüdischen Arbeiter" vom 14. November wurde berichtet, daß in der Frage' der Kürzung der Bezüge der Angestellten der Wiener Kultusgemeinde ein Einvernehmen erzielt wurde. Die Tatsache an sich' ist wohl richtig, aber nach den langwierigen Verhandlungen blieb den Angestellten schließlich nichts anderes übrig, als den Wünschen des Herrn Vizepräsidenten Dr. Löwenherz zu entsprechen. Es dürfte dennoch von Interesse sein, der jüdi- Umschulungskurs Es wird ein Um Schulungskurs für Legen von Wandfliesen und Bodenplatten veranstaltet. Die Kursteilnehmer werden sowohl theoretisch als auch praktisch im erwähnten Fache ausgebildet. Bekanntlich ist dies ein Beruf, der bisher von jüdischen Arbeitern wenig ausgeübt wurde und! sowohl in Europa, als auch in Palästina auf Gründl der neuen Bautechniik sehr gesucht ist. Es ergibt sich daher durch diesen Umschulungskurs für Palästina-Interessenten die Möglichkeit, Arbeit in Palästina zu finden. 1 _ v Auskünfte über Kurslhonorar und alles Nähere in den Sprechstunden der Wirtschaiftsstetle des Palästinaamtes, Wien, I., Kärntnerstraße 28. (Dienstag und! Donnerstag von halb 7 bis halb 8 Uhr abends..) Aktion „Jüdische Jugend in, Not". Tagesheim für männliche arbeitslose Jugendliche, II., Blumauergasse 1, geöffnet täglich von 14—19 Uhr. Den Besuchern stehen kostenlos geheizte Räume, warme Jause, verschiedene Kurse, Spiele und: Textschriften zur Verfügung. JLmtliche "V erlaatbanuigeji der Israel. JCultx2sffeznein.de Wien Predigten und Schrifterklärungen In den Gemeinde- und Bezirkssynagogen. Freitag, den 22. Dezember 1933 werden bei den um 3 Uhr 50 Miniuten beginnenden Abendgottesdiensten in nachbenannten Gemeindle und Bezirkssynagogen Predigten abgehalten, und zwar: II., Pazmaniteng. 6: Rabbiner Dr. Z. Taubes, III., Untere Viaduktg. 13: Rabbiner Dr. K. Kupfer, IX., Müllnerg. 21: Rabbiner Dr. A. Z. Schwarz, XIX., Dollinerg. 3: Rabbiner Dr. A. Frankfurter. Samstag,' den 23. Dezember 1933 beim Hauptgottesdienste Schrifterklärungen: XX., Kluckyg. 11: Rabbiner Dr. B. Muriraelstein, XXI., Hoizmeisterg. 12: Rabbiner Dr. M. Rosenmann. I, Israelitischer Jugendgotte9dienst. Samstag, den 23. De-< jzlember 1933 findet dm allen Gemeinde- und Vereins-Synagogen der Jugendgottesdienst um 3 Uhr nachmittags statt. Die Kleider-Stelle der Fürsorge-Zentrale bittet dringendst um Zuweisung von brauchbaren, Bekleidungsgegenständen aller Art, Wäsche, Schuhe etc. für Männer, Frauen und Kinder, Telephonische oder schriftliche Benachrichtigung erbeten an die Fürsorge-Zentraile der isr. Kultusgemeiinde Wien, I., S,eitenstettengasse 2, Tel. U 25-5-85, welche die Abholung veranlaßt, i Der städtische Kibuz des Hechaluz (II., Haasgasse 10) besorgt alle Hilfsarbeiten auf billigste Weise. / Der Hechaluz veranstaltet einen Kurs über Geflügelzucht. Auskünfte im Hechaluz XX., Kluckygasse 7. Genossen, rechnet die MifaJ-Arlosoroff-Aktlon ab! Abrechnung ab Mittwoch, dien 27. d. M., jeden Montag und Mittwoch von halb 9 Uhr hfl? halb 10 Uhr bei Genossen S. Schönberg. Der Gesamtverband der jüdischen Studenten „Judäa" (IX., Alserstraße 26) vermittelt Lehrer in allen Fächern. Lebens versicherungs- Gesellschaft PHÖNIX Aus dem Jahresbericht 1932: Versicherungsbestand S 2.728,000.000'— Prämien- und Zinsen- Einnahmen , 179,000.000'— Oarantiemittel „ 527,000.000-— Auszahlungen an die Versicherten . 60,000.000 — Tätigkeitsgebiet; Oesterreich, Deutsche» Reich, Tschechoalovakwche Republik, «eieien, Holland, Frankreich, Spanien, Italien, Fürstentum Liechtenstein, Ungarn. Polen, Jugnsiavien, Bulgarien, Griechenland, Rumänien, Palästina, Syrien, Türkei, Tunis un^ Aegypten. Gedenket Oer Winternotstandsaktion Oer Kultusgemcinflc! Geld- und Naturalspenden erbeten an die Fürsorge-Zentrale der isr. Kultusgemeinde Wien, L, Seitenstettengas*e:-2, Telephon U-25 5-85 Serie, Postsparkassenkonto B-29-659. Eigentümer, Verleger, Herausgeber und Verantwortliche!' Redakteur: Amia Wieselberg, Studentin, Wien, IL Bezirk, Stemeckpl. 22/10. Druck: „Adria", Wien, II., Taborstr. 52b.