Der Jüdische Arbeiter
- Journal
- Der Jüdische Arbeiter
- Volume
- 10 (1933)
- Issue
- Heft 51 (22.12.1933)
- Date
- 1933-12-22
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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b.b. üER Erwltelitt jeden FraKap I0D1SCHE ARBEITER Organ flep Vereinigte zloiiisfiscfsssoziälisfisctien Arbeiterorganisation Peak Zion — Hifacbduffi in Redaktion und Administration: Wien, II, Blumauergasse 1 — Postscheckkonto Nr. 17.878 Bezugspreis: ganzjährig S 12.—, halbjährig S 6.- 22. Dezember 1933 Nr. 51. Die politischen Aufgaben der Exekutive Von D. Ben. Gurion 10. Jahrgang. Ber BofqAoitc Uermädrtnis Vom Dr. Eduard Bloch. Sechzehn Jahre sind1 seit Borochows Tod' verstrichen. In dieser Zeit hat sich1 weltgeschichtlich1 Bedeutendes zugetragen,, das Bedeutendste: die Begründung der sozialistischen Sowjetrepublik in Rußland1 und der Zusammenbruch des 'Kapitalismus im Weltmaßstäbe. Dien letztere Prozeß! "hat naturgemäß die wfctsCh'afts-, und demzufolge die m'äch'tpolitische Position der Arbeiterklasse wesentlich beeinträchtigt; das Proletariat strebt wOht über den' Kapitalismus hinaus, aber funktionell anl das kapitalistische Wirtschaftssystem geschmiedet, kann es sein Schicksal von dem der herrschenden Gesellschaftsordnung, solange sie besteht, nicht los1lösen. Die Gegner des Sozialismus stellen jubelndl dessen Rückschläge fest; sfe übersehen, daß' dies! eine Folgeerscheinung der sich vior unseren! Äugen vollziehenden kapiitalistischen Auflösung ist, wie! Marx sie voraussagte.;Borochow war ein Marx-Schiüier, der bedeutendste, den die moderne jüdische A^feiterbewegungf hervorbrachte. Es ist seim Verdiehst, daß er als' erster! die Marxsche Methode auf dem Gesamtkomplex dier Erscheinungen 'des jüdischem Gesellschlaftsdaseins in( ihrem räumlichem lundi zeitlichen: Zusammenhangle anwendete und den;-Ablauf der jüdischen' Geschiebte im! Zeitalter des Kapitalismus richtig progmosiz'ierte. Inj seinen Jugend'schrif terr hat er in logisch-scharfer wissensehMtlieher Analyse; blereits die Würzein dleri jüdischen Anomalie bloßgelegt und die Tendenzen! festgestellt, die ebenso zur. Katastrophe von heute! führten; wie auch in das „arbeitende Palästina"' mündeten. Die Tatsachen häben auch1 Borochows1 Prognose vollauf, bestätigt. Ein Volk lohne eigenes Land1, .überall im der Minorität, sind1' die Juden a'uf die der gegebenem Wirtseh'aftsverfassung. adäquaten B'erufszweige und sozialen Schichten nicht entepndcn'eihld verteilt, sondfern, leben Sh den Poren der Wiirtsyöl'ker. „Solange die .Fremden' der Umgeburig Nützlich!' erscheinen!, d. h. solange sie Funktionen erfüllen, welche sonst nie!- mainld innerhalb der Gesellschaft übernommen hätte und die die Entfaltung der Produ<ktionskr,äfte diesem Gesellschaft fördern, werden sie als Exploitätfonsobjekt geduldet. Sobald aber die Entwicklung den Produldionskräfte des ,Wiritvol'kes' eine Stufe erreicht, auf welcher es die dem »Fremden' bisher; überlassene Funktion selbst übernehmen! kann, ... werden sie als überflüssig empfunden und man beginnt, sie zu verdrängen''. Dieser Prozeßi vollzieht sich1 diesmal sogar mit einer bei soziaiien' Prozessen: sonst nur seltenem Deutlichkeit. SozMö'komomisch >umd struktureil' eigenartig, ist die jüdische Gesellschaft wie jede andere eine Klassengesellschaft. N^ohl vermochte nicht der jüdische! Arbeiter im die Urproduktion im allgemeinem und in die Landwirtschaft im besonderen einzudringen wohl fand er die Tore der Produktionsmittelindustrie verschlossen, wohl ist es ihm1 nicht gelungen, im den 'öffentlichen Verkehrsanstalten Fuß zu fassen; äben in den Meten! unjd mittleren Betrieben der Konsumgütererzeugung und des Handels steht er, insbesondere im den Ländern der jüdischen Massensied'r lung in Osteuropa und, Am'erika einem um so zäherem und hartnäckigeren jüdischen Unternehmertum gegenüber, als dieses selbst einen schwerem Konkurrenzkampf zu bestehen hat. Und' es lastet auf ihm der durch1 dem Antisemitismus verschärfte Druck der politischem Klassenherrschaft des Bürgertums, welches auch seinen national-kulturellem Bestrebungen! Interesselosigkeit, , ja Feindschaft entgegenbringt Gegen diese feindliehen Gewalten ist seim' Klassenkampf gerichtet. Nur wenn in der Heimat keine Existenzmö'gihoh'keit mehr vorhanden war und die Grenzen noch offenstanden, da1 brach er hier den Existenz- und. Klassenkampf ab und griff zum Wanderstabe, um eine neue Heimat, eine neue „Straten gischte Basis" für den wiederaufzunehmenden Kampf! zu suchen. Diese Wand'erbleiwegiiwg, welche ebenso proletarische, wie auch 'halbproletarische und klein;- Wgerliehe jüdische Schichte erfaßte, wuchs von; dem Kriege zu einem mächtigen Strome an un d Im Zentrum der politischem Arbeit der Exekutive steht die Frage der jüdischem Masseneinwanic^eru'mg nach1 Palästina. Die Eimwanderungsbeschränkungen| der Palästinaregierung stehen, nicht nur im Widerspruch zu den Bedürfnissen der jüdischen Massem frn Galut, sondern schädigen direkt 'die palästinensische Industriie und* Landwirtschaft. Die;Regierung ist sich dessen, bewußt, daß die von ihr bewilligte Einwiariderungsschedule dem Bedarf des Landes nach! Arbeitskräften' nicht entspricht, sie motiviert ihre Po-< iitik Idamit, daß viele jüdische Touristen illegal ins Land gekommen sind. Nach dem Angaben der Regierung sind1 auf diese Weise Tausende von Juden ins Land1 eingewandert. Diese Tatsache beweist aber! nur, daß die Forderung des Jewish AgejnCy nach Vergrößerung der Einwanlderiuingsquote wohl begründet ist, da die Kapazität des Landes gegenwärtig relativ« groß Est. Die steigenden Ei)nwia(nld!er.uingsziffern der! letzten Jahre (1931:4000, 1932:9560, 1933 von Jänner bis August 16.500) beweisen, daß die wirt-> schaftliche Enitwidklüng Palästinas seine Aufniahmsfähigkeit außerordentlich gesteigert hat. Die Regien ru'ng bestimmt die EinwanlderiulnigärnögliChlkeit nicht nach dem objektiven ökonjomischeni Priniziipi, sondern läßt sich von. anderem Motiven feiten. Die Exekutive wird', däber allie ihre Kräfte darauf 'konzentrieren, 'die Tor^ Palästina jüdischen 'Massen zu offnem. Die großartige wirtschaftliche Emtwicklung Palästinas im dem letzten Jahren! beweist, daß Erez Israel1 die jüdische Emigration^-, frage beantworten 'kann. Die.'gjnoßjejnl in der letzten! Zeit geschaffenen 'Anlagern1 — Elektrifizierung, dter! Hafen Sn Haifa, die -Chemische Industrie am Totemi Meer — .eröffnen der industriellem EnltwiCklüng des! Landes neue Perspektiven. Die Exekutive sieht ics als ihre wichtigste Aufglablej am, alle ihre Kräfte für den Kampff umi di|e Ekiwänderunlgsfreiheit zu mobilisieren. Dias System1 der * halbjährigen Schedule entspricht nicht dem Notwendig-, keitem der Gegenwart. Die Exekutive steht auf dem: S'kudpunkt, diaßi das jüdische Volk nunmehr vonl England eine offene Antwort fordern mlußl. Vion der Not des jüdischem Volkes und linserier aufbauenden! Kr'aft ausgehend1, müssen' wiri voii1 EmgliaJnld die pflichtigemäße Förderung lunserer Kolionfeatiöni fordern!. ' Die letzten ara'bischleni Demionstrationem gegen1 die jüdischle Einwanderung sind nicht den Bedürfnissen;und Nöten des ara'biäühleni Volkes ent-V Sprüngen. Dler lara'bisdhfe 'Arbeiter, Felk'che undf Kaüfm'amn, sie alle erkerilneni den Nutzen der jü'dih sehen Einwanderung für das Land, denn sie nehmen alle Anteil an ihm. Die Lage der Araber in Tran'sjordanien, Aegypiten .und Syriern Kehrt jeden, was! die jüdische Einwanderung nach1 Palästina für die Araber bedeutet. Pie gesamte wirtschaftlichfe) Entwicklung des Landes wäre ohne die jüdische 'Einwanderung 'unmöglich1 gewesen. Der gesamte öfferitlichfäi schuf in verhältnismäßig kurzer Zeit neue jüdische Mlttelpiu'n'kte in Westeuropa und große jüdische Gemeinwesen jenseits 'des Meeres,. wie sie auch gleichzeitig ials Binnenwanderung in Osteuropa^ selbst — als jüdische „Landflucht" — die jüdischen Massen; in den größeren und großem Städten z>ü konzentrieren begann. Borochbw erkannte die beruflichem und sozialem Umschichtungs- und Pröduktivierungstendenzem jener Wamderbeweguing, wie auch die Rolle Palästinas innerhalb dieses Prozesses', zu einer £eit, als Palästina praktisch1 ohne jede Bedeutung war. Von der Erkenntnis durchdrungen, daß die Befreiung der jüdischen Arbeiterklasse nur ihr eigenes! Werk seim kann, gründet er 1905 aus dem zerstreuten zionistisch^sozialistischen Arbeitergruppen' die sozialdemokratische Poale-Ziön-Partei Rußlands und formuliert ihr Programm;, welches alle'm PröbienVenj des jüdisch^proletarischen Lebens, dem wirtsChfäftl'H ehern, politischen, sozialen und!n|ational-kulturellen, Rechnung trägt. Seine liebe zu dem jüdischem Volksmassen überträgt er auf deren Spraehe und1 wird, obwohl er sie im der Jugend nur mangelhaft be- Dienst beruht auf Einkünften der Regierung, die der jüdischem fEinwanderiumg zu verdanken sind. Ueber 'diese ökonomischen Tatsachen wjind sich keim Politiker hinwegsetzen können. Im der Woche dtew arabischen Demonstrationen sind 2500 Einwanderer ins Land gekommen, lohne daß die Nachfrage nach Arbeitskräften geringer geworden wäre: das ist eine wirtschaftliche Tatsache, die schwerer wiegt, als alle politischen Intrigen. Die Regierung ist im den ersten' Tagen schwach geworden, ,und wollte den neuen jüdischen Einwanderern das Lanlden verbieten. Untier" dem Druck den Exekutive hat die Regierung ihre Maßh 'n'äh'men zurückgezogen, und die Amkumft dieser, Chaluzim hat die Lage im Lande nidht verschärft. Angesichts der Versuche, ähnlich wie im1 Jahre 1929, als Konsequenz der letzten' blutigem Geschehnisse, die jüdische Einwanderung zu hemmen, hält es die Exekutive für ihre Pflicht, mit einer Aiufklärumgsoffenn sive sin England, beim Völkerbund und in der. ganzem zivilisiertem Welt einzusetzen, unr eine radikale Aem- Iderumg in der ImimigirationspiolÜH der Matiidatafm'aCht herbeizuführen. Damit 'kommen1 wir zu der zweiten wichtigen Frage der gegenNräitigen Exekutive, dem Problem der Verständigung mit dem arabischen Volke. F.s ist die einhellige Meinung der vom Präger Konigreß ge wählten ■zionistischem Executive, daß endlich1 eim Wieg zu dem Ariaberw Palästinas und der Nachb'arlälnd'er gefunden werden rmüsse. Die Exekutive hält es als ihre wichtigste Aufgabe, diie Voraussetziu'inrgem für eine gemeiinsaime Ar'beit der beiden Vöi'ker zu sc baff fem. Möglichkeiten für eine solche gemeinsame 'Arbeit der verschiedenen' BfcruffsschiChten der beiden Völker gibt es im Hülle und Fülle: man denke z. B. an die gemeinsame Aktion dien arabischem und , jüdischen Arbeiter mit dem Ziele der Verbesserung, der .Arbeitsbedingungen, der Einführung eines gje-. setzliehen Arbeiterschutzes und der Koaliti'onsfre"ihteit,v; andererseits an das gemeinsame Interesse der 'Fella-* ehern :und jüdischen Bauern am der Herabsetzung der Steuern;- an der Verbesserung der landwirtschaftlichen Technik, an der Schaffung neuer Arbeitsmärkte und an einer Erleichterung der Aufnahme billiger' und langfristiger Kredite. Es muß auch1 eine Ver-' stämdigungsbasis für die arabischen und jüdischem* Kaufleute gefunden werden. Schließlich wird auchl. eine politische Verständigung im dem lbkalen Selbst-; verwaltuin'gskörpern angestrebt werden müssen., Schließlich bestehen objektive Möglichsten für diq, Schaffung eines gutenj Verhältmisses zwischen uns und. den arabischen Nachbarstaaten. Die Exekutive sieht ein weites Feld vor sich für die Durchführung, der; politischen Arbeit auf diesem Gebiete und sie wird; ihren1 Weg in dieser Richtung entschlossen und1 ener-; gisetr gehen! herrschte, ihr Erforscher und Historiker. Borochow war auch der Mitbegründer der Poale- Zion'^Weltverbandes, weil er die Identität der proletarischem JUdenfrage in der gauzeni Welt erkannte. ' Er erfüllte dem Weltverband mit sozialistischem Geist; und proletarischer Tatkraft, wie er auch immer mit, zäher (Energie die praktische Palästinaarbeit des Weltverbandes und der ihrn angeschlossenem Parteier/ verfocht, wobei er schon' damals, im einem Zeitpunkte, in welchem, von tastenden Versuchern abgesehen, die,' eigentliche iKolonisätionstätigkeit in Palästina noch" gar nicht. aufgenommen war, auch deren klassenmäßige 'Bedingtheit nachdrütklidh'st betonte. Im Geiste des Meisters erzogen, verstehen wir die Anfeindungen, welche im der Epoche der Verwirklichung d'as „arbeitende Palästina" erfährt. Wir verstehen aber auch, daß Borochow selbst die Fundamente Unter diesen tragendem Pfeiler des jüdischen1 Aufbauwerkes im Erez Israel gelegt hat, und erbliekteini im arbeitenden Pial'äistüima1, seinen Institutionen 'und Mitarbeitern1, Borochiowlsf Vermächtnis. Ihm gilt unsere Liebe lunid Treue, heute mehr, denn' je.