Der Jüdische Arbeiter
- Journal
- Der Jüdische Arbeiter
- Volume
- 10 (1933)
- Issue
- Heft 36 (8.9.1933)
- Date
- 1933-09-08
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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ünitersitätsUUiothek 1. Universität Organ de? Uereinigfen zionutisdi^sozialistisdien Hrö^ircporg^nisatlan Male Zm-Mtätofh in Oesteweidi Redaktion und Administration: Wien, II, Slumauergasse 1 — Postscheckkonto Nr. 17.878 Bezugspreis: ganzjährig $12.—, halbjährig S 6.- 10. Jahrgang. 8. September 1933 Nr, 36. Ausgangspunkt einer schöpferischen Aera (Erste Betrachtung nach dem 18. Kongreß.) Es war ein schwerer Kongreß. Die größte der Schnelligkeiten! war innerer Natur. Die Arbeiterschaft koninite es nicht ertragen, daß, in! den letzten anderthalb Jahnen Ties Aufstieges unseres; •Aufbaliwerkes in Palästina, die Zionistische Weltorglantisationi zum Nachhinken verurteilt bleibe. Siej erwartete deshalb, daß der 18. Zionjstenikongreß den 'Auftakt zur großen; Tat mache. Nur eine der Eroberung des Emek Israel gleichkommende Tat der nationalen Kolonisation könnte das zionistische Auf-, fclauwerk und die zionistische Organlislatifon beleben,, so klanig es aus altern Gesprächen mit den verantwortlichem führenden1 Genossen 'aus Palästina heraus. Aus ' allen sprach die nicht zu stillende Sehnsucht nach' einer neuen großen Tat. ( Nun kann man große schöpferische Taten' nicht in leiner Atmosphäre durchführen, wie jene, die durch das verbrecherische Treiben der Revisionisten erzeugt würde. Die Arbeiterschaft stand' also vor der (unumgänglichen!' Notwendigkeit, die zionistische Bewegung vom der Pest des faschistischen! Terrors und der.Verf ülbriuinig der Jugend zu furchtbaren Verbrechen! zu sä ubern1. Es mag sein, daß sich gewisse Teile der Arbeiter-! sch'aft diese Säub'er.üngsaWion1. zu leicht vorgestellt! Waben".: Sie glaubten' wahrscheitelicb, daß1, mit Austnia^hnne. der Revisionisten, alle zionistischen Gruppierungen!, diei Tragweite der revisionistischen Verbrechen' ermessen und die' Notwendigkeit ihrer radikalen Bekämpfung erkennen werden. Es erwies sich' aber, daß nicht nur die revisionisierende Mehrheit des' „Misrachi", sondern;, daß; auch der größere Teil der .Allgemeinem Ziomisten das Zurückdrängen der Revisionisten nicht gerne sehen, da1 dadurch ein beb währter Feind der Arbeiterschaft geschwächt werde. Daher haben! sie bei aller Verurteilung der revisio-i inistischlan Untaten, 'sich nicht entschließen können,* gieimeinsam mit der Arbeiterschaft die Säuberungs¬ und Konsolidierunlgsaktion durchzuführen', Das verziqglerte das Tempo des Kongresses und erschwerte seine.'Tätigkeit. Der Weg zur großen schöpferischem Tat war aber auch' durch finanzielle Schwierigkeiten! versperrt. Im Srionistischiert Budget sind', sage und schreibe, 19.000 Pfund für. Kolonisation vorgesehen, die großen Möglichkeiten! beim Ansiedlungjswerk der Juden DeutschL lands sind zum großen Teile, durch' die Unentschlosi senheit der zionistischen Leitung verpulvert worden, also woher die Mittel zur großen1 schöpferischen'Tat? Es blieb also noch .eiini letztes Auskunftsmittel. Wenn man1 auf dem Kongresse die Stimmung für eine irueue schöpferische Tat inücht schaffen1 kann, müßte man eine Koalitionsleitung! Zustandebiringen, die diej Gewähr bieten soll, daß sie nach dem Kongresse in dier Lage sein) wird, das nationale Aufbauwerk zu erneuern. Die Arbeiterschaft strebte deshalb eine Leitung, im welcher, alle Gruppen' mit Ausschluß der! Revisionisten!, vertreten! sein soll, au. Sie knüpfte auch daran die Hoffnung, Weizmann für die Präsidenten-» schaft, oder zumindest für die Leitung des Kolonisationswerkes der Juden Deutschlands zu gewinnen. Nun stellte der „Misrachi" ultimative Bedingungem für seine Beteiligung an jeder zionistischen Tätigkeit (nicht nur an der Exekutive), die einer Inquisitionl gleichkämen. Was der „Misrachi" verlangte, war soiwohl in Form als im Inhalt, ündis- >k!uta(b,el. Die Allgemeinem Zionisten aber stellten1 ihrerseits für die Beteiligung an der Exekutive 'unerfüllbare Bedingungen und erklärten außerdem, ohne delm „Misrachi" der Exekutive nicht beitreten' zu wollen. Angesichts dieser Lage blieb nichts übrig, als eine Leitung zu bilden, deren Basis wohl schmäler,: die;aber nach innen konsolidierter ' ist und dieser Leitung das Arlosoroff-Werk und das Werk der Arusiedlung der Juden Deutschlands mit Chäjim Weizmann am der Spitze aufzutragen. Es. war gewiß, ein schwerer Kongreß. Er mußte harte Säuberungsarbeit leisten. Er könnte sie nicbtf vollenden!, aber die Voraussetzungen 'hiefür hat. er «Sesclilusse des «Srcsgei» Kongresses Die neue Exekutive Die vom 18. Zionistenikongreß gewählte Exekutive setzt sich aus folgenden Mitgliedern "zusammen:, * Nahum Sokqlov, Präsident. Professor Selig Brodetsky, David Ben Gurion, Jizchak Griinbaum, Dr. Avdgdor Jacob söhn, Berl Locker, Louis L i p s k y, EHeser Kaplan, "•>;. Mosche Tschertok, Dr. Arthur Ruppin. Weiters bevollmächtigte der Kongreß Chaim Weizmann, das Werk der Ansiedlung deutscher Juden in Palästina zu leiten. Einwanderung Det Kongreß protestiert gegen das System der ständigen Beschränkung der Einwanderung nach Palästina, die besonders stark im gegenwärtigen Zeitpunkt zum Ausdruck kommt, in dem das deutsche Judentum zugrunde geht. Für die Zeit bis zur Abschaffung der bestehenden' Einwanderungsgesetze fordert der Kongreß, daß die Beschränkung des Alters für Arbeitereinwanderer (35 Jahre) aufgehoben wird., ferner daß die Norm von 1000 Pfund für Kapitalisten auf 500 > Pf und te^ ' Das Immigrationsdepartement der Jewish Agency wird die Verteilung der Eiinwandererzertifikate nach folgenden Gruppen festsetzen: 1. Chaluzim mit Vorbereitung, 2. Fachleute (Arbeiter, Handwerker und Kleinindustrielle), die Aussichten haben, sich im Lande fortzubringen, 3. Verwandte. Die Palästinaämter werden die Einwanderungszertifikate an die Chaluzim im Verhältnis zur Zahl der sich auf Vorbereitungsarbeit befindlichen Chaluzim bestimmen. Die zionistische Exekutive wird aufgefordert, soweit möglich, die Einwanderung aus Deutschland, Rußland, Saloniki und Jemen zu unterstützen. Städtische Kolonisation, Industrie und Handwerk Der Kongreß beschließt, daß bei der Exekutive ein Wirtschaftsrat geschaffen werden soll, der aus geeigneten Persönlichkeiten des Wirtschaftslebens und Vertretern der. Siedtungsorganisationen zusammengesetzt sein wird. Dieser Wirtsehaftsrat soll einen Arbeitsplan für die kommenden fünf Jahre ausarbeiten, die Organisation des Absatzes von palästinensischen Produkten und Fabrikaten in der jüdischen Welt fördern, palästinensische Handelskammern in den verschiedenen Ländern gründen und eine zentrale Treuhandstelle für Bodenkauf schaffen. - In besonders scharfer Weise wird gegen die Bodenspekulation in Palästina Stellung genommen, die den breiten 'arbeitenden und mitteillständischen Schichten den Weg zur Erwerbung eines eigenen Grundstückes und den Bau eines eigenen Hauses versperren und darüber hinaus dem nationalem Wirtschaftskreislauf ungeheure Summen entziehen, die häufig gegen das Aufbauwerk ausgenützt werden. Der Kongreß empfiehlt daher dem A. C, die Stadtverwaltung von Tel-Awiw zum Erlaß einer Bauordnung zu bewegen, die die Möglichkeit einer spekulativen Ausnutzung des Bodens beschränkt, alle Bank- und Kreditinstitute Palästinas aufzufordern, Bodenkäufe nur dann zu finanzieren, wenn sie nicht spekulativen Zwecken dienen, und endlich die Namen von besonders schädlichen und berufsmäßigen Spekulanten zu veröffentlichen und sie der allgemeinen Verachtung preiszugeben. Ueber Antrag der landwirtschaftlichen Kommission drückt der Kongreß seinen Dank den Föderationen der Z. O. in der Tschechoslowakei und in Südafrika für ihre besondere Hilfe bei der KonsoMerungsaktion aus und beauftragt die Exekutive, auch in Zukunft besondere Anstrengungen bei der Aufbringung der Summen zu machen, die noch zur vollen Konsolidierung der Wirtschaften notwendig sind. Der Kongreß wendet sich an alle zionistischen Landesföderationen und fordert sie auf, unter den Volksmassen die Initiative zum Erwerb von Böden und zur landwirtschaftlichen Kolonisation zu wecken. Für diesen Zweck sollen bei den Palästinaämtern, geeignete Kolonisationsabteilungeri unter der Leitung von Fachleuten aus Palästina gebildet werden. In der Erkenntnis, daß die Entwicklung Palästinas und die Lage des jüdischen Volkes im allgemeinen eine außerordentliche Verstärkung der Arbeits- und Leistungsmöglichkeiiten des Keren Hajessod ' verlangen, und in der Erkenntnis der Notwendigkeit, einem möglichst großen Teil des deutschen Judentums in Palästina zu einem neuen produktiven Leben in Freiheit und Ehre zu verhelfen, fordert der Kongreß die zionistische Organisation und die gesamte jüdische Welt auf, alle Anstrengungen in der Arbeit für die nationalen Fonds zu vereinigen. Der Beschluß, daß jeder Zionist zur Keren Hajessod-Zahlung verpflichtet ist, wird erneuert und bekräftigt. Das passive Wahlrecht bei den Wahlen zum Zionistenkongreß und in alle zionistischen Körperschaften ist an den Nachweis der Erfüllung der Keren Hajessod-Pfilicht gebunden. Politische Resolution In deir politischen Resolution wird gesagt, daß die Katastrophe, welche die . Juden in Deutschland betroffen hat, aufs neue gezeigt hat, daß die Judenfrage eine der brennendsten,, ,Weltfraigen. darstellt und daß . und Palästina d&e grundlegende Lösung der Jüdenfrage bedeuten. Palästina ist das einzige Einwanderungsland für eine größere jüdische Einwanderung und bewahrt damit das jüdische Volk vor gänzlicher Hoffnungslosigkeit. Daher müssen die Tore Palästinas weit geöffnet werden für die jüdische Einwanderung. Der Kongreß beauftragt die' Exekutive, das Tatsachenmaterial betreffend die gegenwärtige Lage der Juden dein Völkerbund zu unterbreiten zwecks AufsteEung eines Planes einer internationalen Aktion für die AnsiedÜung von Juden in Palästina, entsprechend früheren vom Völkerbund vorgenommenen Aktionen für .die Repatriierung von Flüchtliingsmassen. In Anbetracht des besonderen' Interesses der Vereinigten Staaten Amerikas für die Lage des jüdischen Volkes und unter Bezugnahme auf. dien Vertrag, der zwischen den Vereinigten Staaten und der Mandatarmacht über Palästina geschlossen wurde, appelliert der Kongreß an die Regierung und das Volk der Vereinigten Staaten, an der Durchführung der oben erwähnten Aktion mitzuarbeiten. Der Kongreß beschließt die Schaffung einer besonderen - Zentralstelle zwecks Durchführung der großen. Einwande- 'rungsaktion von Juden aus Deutschitand nach Palästina, welche im Einvernehmen mit der Exekutive alle einschlägigen Arbeiten in ihrer Hand vereinigen soll. Die Exekutive wird beauftragt, in allernächster Zeit eine Konferenz derjenigen jüdischen Organisationen zu veranlassen, die sich mit Auswanderung und Hilfsarbeit beschäftigen, um die Probleme der Auswanderung und Ansiedlung von Juden aus Deutschland zu behandeln. In der Erkenntnis, daß die Durchführung dieser Aktion eine der brennendsten Aufgaben der zionistischen Bewegung ist, richtet der Kongreß an jeden Zionisten und an alle Juden der Welt den Appell, nicht nur mit Worten, sondern auch mit opferwilligster Tat dazu beizutragen, daß dieses Werk, das gewaltigste finanzielle Mittel erfordert, in nächster Zukunft und in vollem Ausmaß gel'nge. Der Kongreß beauftragt die Exekutive, die im Jahre 1929 eingeleitete Aktion zur Erreichung einer von dem Völkerbund unterstützten und garantierten internationalen Anleihe jetzt energisch wieder in Angriff zu nehmen. Bezüglich der Interpellationsbeantwortung über angebliche Transfer-Verhandlungen mit der deutschen "Regierung, erklärt »ilie Resolution: Der Kongreß übergibt die Frage der in der Interpellation vom 24. August erwähnten Vereinbarung dem A. C. zur näheren Prüfung mit der Maßgabe, daß nichts geschehen oder zugelassen wird, was zu der Stellungnahme des Kongresses in der deutschen Judenfrage in Widerspruch steht. Der Kongreß bestätigt den Beschluß des Aktionskomitees geschaffen. Er sollte die Leitung Iflonisolidieren und! konnte es nur-teilweise verwirkhehen. Er hatte diej Sehnsucht nach einer großen schöpferischen Tat zu stillen und mußte die Erneuerung des nationalen Aufbauwerkes der neugewäMteni Leitung lüjbertragen. Die. Leitung hat zu beweisen, daß auch dieser durch so viele Umstände belastete Kongreß Ausgangspunkt einer neuen schöpferischen Aera werden kann. Wir wollen nichts unterlassen, um ihm hiebei behilflich) zu sein. M|.k S'.