Der Jüdische Arbeiter
- Journal
- Der Jüdische Arbeiter
- Volume
- 10 (1933)
- Issue
- Heft 35 (1.9.1933)
- Date
- 1933-09-01
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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V* b* bi DER Iraehelnt Jaden Freitag JUDISCHE ARBEITER Organ Oer Vereinigten zionislisch^sozialisfisrtien flpöetorganisation Poals Zion-Hifaifidutö in Oesterreich Redaktion und Administration: Wien, II, ßlumauergasse 1 — Postscheckkonto Nr. 17,878 Bezugspreis: ganzjährig S 12.—, halbjährig S 6.- 10. Jahrgang. 1. September 1933 Nr. 35. Der Stand der Kongreßarbeit Von unserem Berichterstatter Delegierten Mendel Singer. Die Generaldebatte. Die Generaldebatte hatte bis jetzt nur wenige Höhepunkte. Die Bemühungen der Arbeitervertreter, der Debatte ein höheres Niveau zu verleihen, können kaum durchdringen. So hat z. B. Riehackow versucht, den Kongreß auf die Tragweite der Unterwühlung des Zionismus und der Weltorganisation durch den Revisionismus aufmerksam zu machen. Er war ein Rufer in der Wüsite. Auf dem Kongreß lastete noch der deprimierende Eindruck der Rede des Dr. Schmarak, der sich in Hohlheiten gefiel, die eines Kongresses unwürdig sind. Heute sprach Dr. Stephan Wise, einer jener Männer, den man un begreiflicherweise zu den großen Gestalten der zionistischen Weltbewegung zählt. Seine im Predigerpathos gehaltene Rede strotzte von Unkenntnis in grundsätzlichen Fragen des Palästinaaufbaues. Dem klugen und taktisch geschulten Vertreter der Arbeiterschaft D. Remes gelang es, die Behauptungen von Wise zu zerpflücken. Tiefen Eindruck machten die Ausführungen von Elijahu Kaplan, der mit Erfolg die Behauptungen vom antinationalen Charakter der organisierten jüdischen Arbeiter schaft in Palästina widerlegte und die klassenegoistischc Politik der bürgerlichen und, faschistischen Gruppen aufzeigte. Die revisionistischen Redner wiederholten ihre Phrasen in allen Variationen. Jabotinsky seheint beschlossen, zu haben, die Aufmerksamkeit des Kongresses durch Schweigen auf sich zu lenken. Dem talentierten Komödianten ist alles Pose Die Generaldebatte maskiert aber jetzt nur die Verhandlungen, die in den Kommissionen und hinter den Kulissen geführt werden. In den Kommissionen wird seit gestern intensiv gearbeitet. Das Schwergewicht liegt in den Kommissionen, die sich mit Politik, Wirtschaft und* Finanzen, Organisation und mit einem Vorschlag für die neue Leitung befassen. Große Aufmerksamkeit lenkte Berl Katzenelsohn auf sich, der eine groß angelegte Rede hielt. Die Kombinationen für die neue Exekutive. Zur Stunde wird die Generaldebatte geschlossen. Locker und Brodetzky haben bereits gesprochen. Auch Brodetzky lehnte die Stellungnahme des rechten Flügels der Allgemeinen Zionisten ab. Nunmehr soll über die Exekutive entschieden werden. Es sind nur zwei Kombinationen möglich: entweder eine Exekutive aus 5 Mitglieder, in welcher nur die Arbeiterschaft, die Radikalen und die linke Gruppe der Allgemeinen vertreten sein soll, oder eine Exekutive aus 7 Mitgliedern, an weicher auch die rechte Gruppe der Allgemeinen und der Misrachi teilnehmen soll. Eine Wahl Weizmanns scheint endgültig ausgeschaltet zu sein. Er will die Leitung der Deutschland-Aktion übernehmen. Es dürfte zur Wahl eines Kollegiums ohne Präsidenten kommen. , Gegen den Terror der Revisionisten. Das Material, welches bei der Verhandlung in Tel-Avis mitgeteilt wurde und durch die Presse hier bekannt wurde, machte auf den Kongreß einen tiefen Eindruck. Es wird eine Resolution unterbreitet werden, die sich gegen den Terror in der zionistischen. Weltbewegung und) in Palästina richtet. Der XVill. Zionistenkongreß Letzte Nachrichten: Prag, 31. August. In der Heutigen Sitzung wurde n^ch einer stürmischen Debatte die Resolution des Aktionskomitees wegen des Arlosoroff-Mordes mit 107 gegen 67 Stimmen angenommen. ' i' Die Resolution stellt fest, daß Beschuldigungenerhoben worden sind, nach denen m Palästina Personen oder, ein Personenkreis mit terroristischen Prinzipien existierten und daß derartige Tendenzen im Widerspruch zu den Grundprinzipien der jüdischen Moral stehe und eine Gefahr für den Aufbau Palästinas bilde. Deshalb beschließt der Kongreß eine Kommission zu ernennen, die in Palästina eine umfassende Untersuchung hinsichtlich aller Tatsachen, durchführen soll, die im Zusammenhang mit derartigen Tendenzen stehen. Prajg, 1. - September. Das Präsidium des Zioniststenkongresses wurde gestern von Außenminister Doktor Buresch empfangen, der in der Vollversammlung des Völkerbundes über das Palästinamandat referieren wird. Im Nachstehenden bringen wk Berichte über den weiteren Verlauf des Kongresses: In der Abendisditzumg am 23. August sprach Genosse Berl Locker über die organisatorische Lage der zionistischen Weltbewegung.; Während sich der Zionismus in einer starken ideologischen Offensive befindet, kann der Zustand der Zionistischen Organisation nicht befriedigen. Der Zionistenkongreß ist ein wirkliches jüdisches Volksparlamemt geworden; die Zahl der Schekelzahler und vor allem auch die Zahl der Wähler ist gestiegen und. der Kongreß ist die stärkste Realität im jüdischen rieben. Aber die Schattenseiten im Leben unserer Organisation sind noch groß: Es gibt im kongreßlosen Jahr viel weniger Schekelzahler als im Kongreßjahr. Es steht das Problem vor uns, wie man die Hunderttausende neuer Menschen fesselt, die nun zu, uns gekommen sind, wie man die**Gefahr eines Konjunktur-" Zionismus vermeidet. Eng im Zusammenhang damit steht die Forderung nach Einheit und Disziplin der Zionistischen. Organisation. Die Exekutive muß das Recht haben» schärfste Maßnahmen gegen jene Teile der Bewegung zu ergreifen, die sich das Recht nehmen, die Einheitlichkeit ihrer politischen Aktion zu stören und die zionistische Disziplin zu brechen. Auch der finanzielle Status, sei sehr unbefriedigend; das Organisastionsdepartement habe sich mit der Geldbeschaffung befassen müssen wie mit manchen anderen Fragen, die nicht in seinen Aktionsbereich gehören. In diesem Zusammenhang muß auf den Konnex zwischen der Stärke der Organisation und der Lage der Fonds hingewiesen werden. Der dauernde „prinzipielle' Kampf gegen das nationale Kapital ist eine der schwersten zionistischen Sünden der letzten Jahre. Abschließend sprach Locker einer Normalisierung des inmerzionistischen Kampfes das Wort; es gehe nicht um dEe Abschaffung autonomer Rechte von Teilen der Bewegung, aber die moralische Atmosphäre in der Bewegung muß gereinigt werden. Die Aufgaben der Organisation seien für die nächste Zeit: Die dauernde Bindung der neugewonnenen Massen an die zionistische Idee, die Beseitigung der Gefahr von Konjunktureiemewten, Ausbau unseres Propagandaapparates und endilich die Schaffung von Formen für die VereinheitJichung der Organisationen in den e i n z e 1 n e n Länder n. Sokolows große Rede zur Judennot in aller Welt In der sechsten Kongreßsittzung hielt der Präsident der Zionistischen Weltorganisation Nahum Sokolow eine bedeutungsvolle Rede, die mit Würde und Entschiedenheit unsere Stellungnahme zu den Ereignissen in Deutschiland präzisierte. Prag, 23. August. / In der sechsten Sitzung hielt Nahum Sokolow ein, großes Referat übeir, die gegenwärtige Lage der Juden 'der Welt. Sokolow wendet sich, der Lage de|r Juden in' Rußland zu. Das russisch© Judentum, einst führend in den jüdischen Gemeinschaft, ist zu eineim toten Punkt heiubge&tunken. Unser Gefühl bäumt sich auf gegen' die Ver- ' gütigen, denen fler Zionismus' in Rußland ausgesetzt ist. Trotz aller Verfolgung aber stehen' die Grundpfeiler defo Zionismus (in Rußland fest. 3 Millionen: Juden Rußlands sind für die jüdische Welt verstummt — eine neue Jfuldentiot. Eine große Anzahl unserein Gesinnungsgenossen! schmachtet in den Gefängnissen Sibiriens nur deswegen,, weil sie dien Verstuch1 gemacht haben, sich1 zionistisch zu betätigen. Als; einige englische Ingenieure in Rußland imechuldigerweis© verhafteit und verurteilt' wurden, wurde der Ideplomatisehe Apparat beider Großmäohtei in Bewegung gesetzt. Uns drängt sich die Frage auf, ob man; nicht eine gerechte Befreiung jener unschuldigen Menschen verlangen stalte, die wegen ihrer Ideen verfolgt wurden1, und; dies' .von einem .Staate, der eich als penmanente Revolution) gegen Despotie und' Unreicht betrachtet. Der Kongreß ist tnicht dazu versammelt, um an einem Volke oder ernenn Staate Kritik zu üben, wir fordern nur, wasf unls zukommt: Autonomie und Freiheit für jüdischen Gepust. Zu der Lage der Juden in Polein! sagte Sokolow: Die polnische Regierung hat mir eine Eiiklärung zugunsten [dieis Zionismus gegeben, diei ein würdiges Gegenstück zun Balfour-Deklaration darstellt. Mit Genugtuung sei feptgeistellt, daß die polnische Regierung gegen Pogrome ist,- was!aber nicht heißen soll, daß die Judietn nicht weiter für ihre Gleichberechtigung als Minderheit.- kämpfen äollen. Die Verarmung des polnischen Jude&ü hat alles, überstiegen,- was wir als Judehnot bezeichnen. Von den: .Whitschafts'- glriisfesind die Juden. Polen» .haaitein-' •betroff^/'^is/.'- die; Wichtjudea . Die ^Mittelklasse" der" Juden befindet *: sich"" in dinier katastrophalen Lage. Siei ist eine vollständig roi- ', nlierte. Bares (Geld ist eine Seltenheit geworden', und . man' zahlt mit Wechseln auch bei den lächerlichstenv Dingen des menschlichen Lebeins. Es ist eine Virtuosität sondergleichen, daß die polnische Judeinheit n'oeh lebt. Zur Judenfrage gehört, daß die Juden obendrein noch als* Juden1 HieÄde/n. Diieser (Zustand deir polnischen' Judenheit lastet* schwer auf dem Gewissen deis Weltjudentums'. Unter großer Aufmerksamkeit der Zuhörer wendet sich Sokolow dann der; Lage der Juden in1 Deutschland' zu. Etwas noch nie Dageweseneis ist vor unseren Augen in letzter Zeit geschehen, etwas, was die ganrjeto Weltlage des jüdkehen Volkes, zurzeit beherrscht. In Deutschland hat! sich in einer seit Jahrhunderten' nicht dagewesenen "Weise IdÜe Tragik des! jüdischen Diasporafiidiicksalsi of fenbart. Nicht IdÜe dentsJchen Juden, sondern das gonize jüdische Volk! ist angegriffen, wenn man seiner Ras!se Minderwertigkeit und Ehrlosigkeit vorwirft. Der Kongreß kanm überhaupt mächt tdie Aufgabe haben, die innetren Verhältnisse Deutschlands vzu kritisieren. Der neiue deutsche Staat'hat . idjte J?assenthJeorie zu seiner Giwndüage gemacht. 'Er steht, auf dem Standpunkt, daß nur Arier volle Staatsbürger! stein' .können. Damit hat er die Ju/dejn Deutschlands', die BÜöh .diesem Lande besonders verbunden fühlten, aus sieh ausgegliedert. «Eine unbeschränkte antisemitische Pröpagainldawene ^breitet sich ans, die, nicht einmal vor dem mittelalterlichen (RituaJmoi^hnärchen Halt macht. Gegen diesen .Antisemitismus müssen wir nachdirücklich protestieren. Man .hat die Legende erfunden, die deutschen Juden seien' Feinde ides Deutschen Reiches. Die vaterländische Gesinnung und die Treue der deutslchen Juden sind so echt,- daß sie keiner weiteren Beteuerung bedüi'fen. Nicht nur die deutschen (Juden, sondern auch diei Juden der Welt sirid Freunde (des1 deutschem Volkes. Es hat aber wenig Zweck, giegen veine Welt zu polemisieren, die sich Argumenten! Vic^sbhließt. (Das IjüÜisohe Volle ist zu neuem, eigenem Lehen erwacht, und der Zionismus' fühlt sich als Avantgarde dieses Volkes von 16 Millionen1. Wir sind erhabeni über die These von der angeblichen Minderwertigkeit unserer Rasse. Im Namen dem Menschenwürde verlangen wir, gleichberechtigt und gleichgeachtet! au sein. Man scheut vor keinem Mittel zurück, um uns unser Leibensrec-ht zu bestreiten. Das Schicksal der deutschen Juden zeigt am deutlichsten, wie notwendig did Saliaffuaig eines jüdischen Nationalheimes ist. Noch nie hat das Judentum mit so grausamer Deutlichkeit das Schwankende, seiner GalutKexisten'z empfunden. Noch vor 5 Jahrein; wäre eine solche Wandlung der jüdischen Lage in Deutschland undenkbar erschienen. Die Aufgabe) des Zionismus besteht darin, diei Judenfrage durch Errichtung eines jüdische»: Nationalheimesi ku lösen. Zionistische Gedanken seitzen sich nicht nur in Defutlsbhland,, .sondern' überall in der Weit durch. Aber der 1 Zionismus bedarf zu seiner etodgültigen Verwirklichung