Der Jüdische Arbeiter
- Journal
- Der Jüdische Arbeiter
- Volume
- 10 (1933)
- Issue
- Heft 30 (28.7.1933)
- Date
- 1933-07-28
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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V. b. b. DER Erachaint jeden Freitag JÜDISCHE ARBEITER Organ der Vereinigten zionistisiii^ozialistisdien Hrbeiterorganisaüon Poale Zton — Hitaäidufb in OesterreiA Redaktion und Administration: Wien, II, Blumauergasse 1 — Postscheckkonto Nr. 17.878 Bezugspreis: ganzjährig S 12—, halbjährig S 6.- 28. Juli 1933 Nr. 30. Uel»eiwalltgem«l,fifl* Sieg «\a»l9eifcwscli< Vernichtende Niederlage der Revisionisten der gwdisclieii »fi Die Zählunig) der Stimmeini in! Polen bereite^ einige Schwierigkeiten!, 'da sich' die Abstimmung über |650;Orte, darunter auch1 kleine Städtchen und Dörfer (erstreckt. Außerdem' ergibt sich1 fü'r einige die Notwendigkeit einer Wiederholung der Wahlen, da 'die Banidiein! des FaSGisfenhäuptlin'g Jabotinsk'y die Durchführung derselben; verhindert haben. jAm 26. Juli mittägs lag eine Zählung vom 251 Ortschaften vor, Im welchem gjegen "137.000. Stimmen abgegeben! wurden'. Dort Entfielen auf * die Liste des Mbdtefnlden Palästina 61.545 > Stimmen, öder 44.5 Prozent, auf die Revisionistein! 29.402 oder 21.4 Prozent, Allgemeine Zionisten' (Gr.ü'nb'aum) 15.987 oder /II.6 Prozent, Mi'srachi 21.047 oder 15.3 Prozent, Et Liwmotb (Dr. Schwarzbarth) 1823 oder 1.3 Prozent,. Demokr. Revisionisten! (Großimann-Stricker)' 3384 öder 2.4 Prozent; Es wird angenommen;, daß; die noch' ausständigen) Ergebnisse den gegenwärtigen Prozentsatz der Stimmen der Arbeiterschaft nur noch erhöhen kann1. In' Lettland erhielt die Arbeiterschaft 7.000 von dem (abgegebenen 16.000 Stimmen und 4 von den 8; Mandaten, die dort zu vergeben! sind. Bei den Wahlen izum 17. Kongresse erhielten; die Revisionisten '66 'Prozent der abgegebenen Stimmen.;Inr Litauen! erhielt 'die Liste der jüdischem (Arbeiterschaft 'die absolute Mehreit Im Bessarabie n erhielt die j üdische Arbeiten« jschaft 2 Mandate, die Allgemeinen 'Zionisten' un'cff die Revisionisten je 1 Mandat. Auch in der Tschechoslowakei marschiere die Arbeiterschaft an der Spitze und die Revisionisten1 Waben großie Eimbussen zu verzeichnen. ^Die Vellsscictresse Der Tätigkeit der österreichischem Sozfaldehiok'ratie sind in dieser Zeit der Ausschaltung des Parlamentes, der Verschärfung des Versammruhgsrech'fes und des Demonistrationsverbotes die größten Schranikew auferlegt. .Wir alle empfinden es täglich1, wenn wir den Inihalf leiner jeden Notverordnung studieren, was für Folgen! die Eln(fluß,losigkeit Lder Sozialdemokratie auf die Gestaltung der österreichischen! Sozialipolitik zeitigt; [die Wiederherstellung des ö'sterr^lidhis'cWenl Parlamentarismus ist nicht nur ein poffsdhles, sondern! vor allem ein wirtschaftliches Gebot dier Arbeiterpolitik in uniserer Republik. Den Verhältnissen! angepaßt ist die Form unseres Kampfes Ulm die Rückkehr zur Verfassung): im' Wege der' Volksadresse fordern wir 'die Einberufung des Parlamentes, die Wiederei,rigl'i^derung unserer Partei1 ^n| das politische Leben' Oesterreichs. Mögen! wir. (ülber die Erfolgaussiebtem dieser Aktion welcher, iMein'ung auch immer sein: ob sie zum Ziele führen1 wird iöder inicht, sie gibt uns die Gelegenheit; unsen (Bekenlmtnfls zum Sozialismus zum Ausdruck zu; bringen, eine Trennungslinie zu ziehen zwischen uns! Uimd jenen Konjunktursozialisten, die in der Zeit des Aufstieges der Partei zur proletarischem Front gestoßen sind, in diesen Tagen der Not auf Suche nach1 neuen Fronten sind. Darum: Wer die sozialpolitischen Rechte der Arbeiter und Angestellten unversehrt bewahren will, wer seine Treue zum Sozialismus besiegeln will, der unterzeichne die Volksadresse! 10. Jahrgang. Jüdische Vogelstraußpolitik Es ist ein Gesetz des jüdischen Lebens, daß; die jlüMiscbeni Massen stets bestrebt sind, sich' sozialen 'Kräften anzuschließen, die eine machtvolle Position' |ti gesellschaftlichen Leben innehaben, fn dieser irrsinnigen Zeit ist es notwendig festzustellen, daß! dieses Oesetz inicht in der jüdischen' Rasse begründet ist, Vielmehr auf die Tatsache zurückzuführen fst, daßi wir Idas Schulbeispiel eines Minioritätsvolkes sind. Eine (Unzahl von Beweisen ließe sich für diese Tendenz 6er, jüdischen Geschichte führen, — einie Tendenz, IcTie sich auf den jüdischen Eimzelcharakfer nicht %nmer segensreich "auswirkt. Wir wolfeni aus 'clfeser Fülle möglicher geschichtlicher Beispiele ein be- Isloinders typisches hervorheben!: man! erinnere sich inur, 'der Stellung der Juden' in den österreichische [ungarischen Monarchie, wo sie 'die besten .'Stützen1 dies deutschen Zentralismus waren.'Sie haben durch diese ihre Einstellung in slawischen Meeren deutsche Inseln geschaffen, für' welche Pionierarbeit im Dienste der deutschen Kultur sie im Reiche jetzt dem Dank Abgestattet bekommen. , In Erfüllung dieses historischen Schicksals sehen wir gegenwärtig in Oesterreich1 die jüdischen! Kleinbürger der österreichischen1 Front zuströmen1. Allerdings ist diese Begeisterung, die oft ganz groteske 'Formern änfnimmt, ieiner psychologisch nur zu semr. verständlichen Panikstimmung "der jüdischen BevöT-. kerung Oesterreichs 'entsprungen. Der österreichische! IJiU'de sieht das Schicksal seiner, deutschen Brüder,' lu'nld mag er noch gestern und vorgestern den Begriff einer allweltlichen) Schicksalsgemeinsch'aft d'es Judentums verhöhnt und ihm jede Realität abgesprochen! jh'aben — heute braucht man! es ihm nicht zu befeuern, daß die deutschen Geschehnisse auch' ihn' (aingehem, daß was dort dem wehrlosen, von der iWeitöffeintlichkfeit im Stiche gelassenen, vom' Weltjgewiss'en schmählich verratenen, in Heimat-, ja Obdachlosigkeit und Hungertod brutal hineingestos-1 senem deutschen Juden geschieht vi eil eich t nichts' anderes ist, als was ihn morgen oder übermorgen' Ibe'drohen wird. Jeder Möglichkeit entblößt, von einem1 dgenlnlationalen Staatswesen Hilfe zu fordlern, immer 'mehr, 'das S ch'eim wesen aller internationalen! ivtölkerrqchtlichen Institutionen erkennend1, sucht er (dort Zuflucht, wo er nicht ausdiriülckli ch1 ab* gelehnt wird: wie einst das deutsche Judentum in Papem, so sieht das österreichische Judentum heute in' Bundeskanzler Dollfuß; den Retter vor sicherem1 iUn'tergang und Vernichtung.; Es ist selbstverständlich, daß um ihre nackte Existenz zitternde, ja um ihr physisches Leben bangende -Menschen zur objektiven Erkenntnis der (Situation wicht besonders befähigt sind: i,n höchster. Gefahr ist .blindes Vertrauen und Hoffen am nächsten. Nur so ist es wohl zu erklären, daßi das im diesen Zeit des Instiniktkultes durch seinen Rationalismus; seinen ''kritischen Geist und seine Skepsis „berüchtigte" Volk jieden Sinn für die Wirklichkeit verloren hat und in seimer Urteilsbildung der sogenannten1 „Vaterllälnidischiem Front" gegenüber vollkommen versagt hat. Einem Ertrinkenden erscheint eint Strohhalm1 als Baumstamm: der österreichische jüdische Kleinibürger, und Mittelstandler übertreibt inj ähnlicher Situation' den Gegensatz zwischen,' Nationalsozialismus und lder österreichischen Front. Gewiß; ist die Stunde der, Gefahr zu allem eher geeignet als zur sach- 'Ijicben und kühlen' Analyse der gegebenen Tatsachen, (von deren Gestaltung nichts weniger abhängt als die eigene Lebensmöglicbkeit und die Zukunftsaus^ {sjicht des eigenen Kindes. Und doch ist eine solche tiffektlose Einsicht in das Wesen: der diktatorisch' njerrsebendien Regierungsparteien die entscheidende Voraussetzung für ^ime den Lebensinteressen1 der jjfüdischen^ Massen Rechnung tragende Politik. . Die im Notverordnumgsweg erlassenen sozial'-; politischen Gesetze, insbesondere die angekündigte! Reform der Sozialversicherung; deren wesentlichen Infh'alt bereits allgemein bekannt geworden ist, läßt ]ü2Sl ^'en! wam*eu sozialen Charakter der öster- WcMs'chlejni F;romt keinen Zweifel zu und es ist inur durchaus konsequent und zu billigen; daß' sie IM freimütiger Offenheit freigewerkschaftlichen Organisationen die Aufnahme! verweigert hat! Jüdische; ^Arbeitnlehmer können 'Über ihre Stellung zur anti- )marx'istisch!em Vaterländischen Front 'in keinem1 Zweifel sein! — sie werden auch heute, ja heute erst! .rjecht, 'der voni der Gesetzgebung ausgeschalteten1,, proletarischen, •marxistischen Partei der Sozialdemokratie ihre unverbrüchliche Treue «bewahren! Der! jüdische Kleinbürger aber, der ohne echten sozialökonomischen Nährboden1 'zwischen den Klassen! $dhwebt und trotz seiner Proletarisierung sich1 als „{Kapitalist" fühlt, der jüdische Mittelstand sieht sich 'heute von' der braunen Gefahr bedroht, der Raub sleiner schwer erkämpftem Staatsbürgerrechte wird! die unmittelbare Folge der Machtergreifung durch den' Nationalsozialismus sein: wundert ihr euch da, wenn1 im österreichischen! Jüdeni die seelische Einstellung des „mittelalterlichen1 Sch'utzjüdentums", das siieh auch, vor Gewalt. nnd Verfolgung Rettung öjuchenld, in den Machtbereich der Großen des Reiches flüchtete, wieder aufkommt? Gleiche Ursachen haben gleiche Wirkungen!: über Jahrhunderte hinweg verbindet die Furcht vor dem Faustrecht dem Juden' der Gegenwart mit seinem Vorfahren des Mittelalters, und läßt ihm vergessen, dafy der Unterschied! ^wischen seinem Schirmherrn, der österreichischem Front und dem Nationalsozialismus auch im Judenfpunkt nicht so wesntlieh ist, wie en es in seinem' (Wuinjschtrau'm glaubt. 1 iWir 'haben lös unmittelbar nach! dem Umsturz1 i|m Reiche oft und oft viam demfütenden Re'#a!unfgsH IbTatt, der .Reichspost, erfahren', daß die Judenjpdlitik Hitlers nicht ohne jede Berechtigung ist: damit ist sich' das christlichsoziafe Blatt nur treu; (geblieben, denn „Gleichschaltung" war seit je das Hauptprinzip der christlich'soziatem Personalpioliti'k: Sozialdemokraten und tjuden1 wiurden im: Bundesdieinst nicht abgestellt, und die paari jüdischen Hofräte unld Land'esjgerichtsräte innerhalb der österreichischen Hoheits- und Ge- ItfChtsbürok'ratie sind letzte Mohikaner, 'die dafür Zeugnis ablegen, daß! es innerhalb der Monarchie füll den1 Juden* größere Aufstiegsmöglichkeiten gab, als! ijni der Republik, die das Eintrittsbillet der Taufe Inicht mehr anerkennt. "Dieser Theorie und Praxis des hellsehenden Systems, ja dem ausdrücklichen! Bekenntnis seiner Wortführer, daßi der Antisemitismus nach wie vor das Programm der Christlich-sozialem Partei sei, wüßten weite jüdische Kreise nichts anderes lefnltgegemzustellen als eine Vogelsträüßipolitik: in kindlicher Logik vermeinten' sie, daß man Tatsachen'^ die einem unangenehm sind, nur nicht sehem müsse,, lui'm sie aus 'der .Welt zu schaffen. Nun ist von Ch'iiistilchsozialer Seite ein übriges geschehen: wie; aus der Tagespresse bekannt ist, hat das Organ des nie'derösterreichische|ii Bauernbundes die Forderung nach der Einf ührurig des Numerus 'Clausus erhoben,; nicht etwa der Not der nationalsozialistisch'en Konkurrenz, sondlern dem ureigensten Triebegehorchend 5 Wir haben es nun schwarz auf weißi: die mächtigste; Soziale Gruppe; der österreichischen Front hat das Banner des offenen Wirtschaftsautisemitismus entrollt!; Sollen wir wirklich Iber die Haltung den sogenannten bürgeriieh^demokratischen Presse empört! sein, die diese bedeutsame ch'ristlicW-söziale "Kundgebung bagatellisiert, ja sie sogar, als sommerliche^ Entgleisung abtun will? Müssen wir wirklich feststeltem« daß der Bundeskanzler und Finattzminisfer unserer, (gegenwärtigen Regierung ausgesprochene! Vertrauensmänner des nfederösterreichischen Bauern* bundes sind? Die christliche Bauernschaft ist sichen nicht von einer jüdischen Wirtschaftskonkurrenz bedroht, der Körndljude, von dfem sie sich einst soi (bedroht fühlte, ist heute damk der Entwicklung den