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Der Jüdische Arbeiter · 1933-06-23 · Heft 25 (23.6.1933) · page 1

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Journal
Der Jüdische Arbeiter
Volume
10 (1933)
Issue
Heft 25 (23.6.1933)
Date
1933-06-23
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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V.b.b. DER Erscheint jeden Freitag JUDISCHE ARBEITER Organ der Vereinigten zionisfisifrsozialisfisdien Arbeiterorganisation Poale Zfon — HifadiOufh in Oesterreich Redaktion und Administration: Wien, II, Slumauergasse 1 — Postschekkonto Nr. 17.878 Bezugspreis: ganzjährig S 12.—, halbjährig S 6.~ 10 Jahrgang. 23. Juni 1933 Nr. 25 Am ffrake *6HaSm Arlosorefl« Den. konstruktivsten Geist der zionistisch-sozialistischen Bewegung und der jüdischen Arbeiterschaft; Palästinas, welcher, getragen von unermüdlicher, schöpferischer Tat, die gesündesten- Teile der zionistischem Weltbewegung, immer mehr und mehr erfaßt, haben die Kugeln des faschistischen Mörders in der Person unseres Führers Chaim Arlosoroff zti treffen beabsichtigt/Den Führer hat er uns entrissen, sein Geist aber muß siegreich bleiben, wenn der Zionismus die Phase seiner Verwirklichung, die in der Bildung eines arbeitenden Palästina zum Ausdrucke kommt, fortsetzen sofl. Arlosoroff glaubte, wie wir alle, an der historischen Notwendigkeit des Zionismus. Sein konstruktiver Geist mußi also siegreich bleiben. Die Lösung der Judenfrage in Palästina hat zur Voraussetzung die Entstehung eines jüdischen Volkes, welchem die produktive Arbeit zu r he r r s c henden Form werden wird. .Dieser gewaltigste aller Umwandlungsprozesse in der Geschichte unseres Volkes kann sich nur in Freiheit und nach einem Plane, nicht durch chaotische, zügellose k'apitalistijsche „Wirtschaftsmethoden'" vollziehen. So wird für Arlosoroff in seiner zionistischen Perspektive: Jüdisches Volk identisch mit: Jüdischer Arbeiterschaft und: Nationale Regeneration mit: Sozialistischem Zionismus. Am Anfange seines Wirkens zog Arlosoroff gegen, die. Erkenntnisse des Marxismus (er war ein Schüler Werner Somharts) und Ber Borochows aus. Im Spiegel der neuen jüdischen Wirklichkeit in Palästina fand er den Weg zur Synthese des Zionismus-Sozialismus. Jeder Versuch, durch Betrachtungen über Ideengänge und das Schaffen Arlosoroffs sich von dem unfaßbaren1 Schmerz abzulenken, will nicht gelingen. Schmerz, Erbitterung, Empörung übermannen uns. Der Geist unseres Märtyrers verpflichtet uns diese Gefühle in gesteigerte Energie des Schaffens umzuwandeln, Wir wollen und müssen es versuchen. M. S. An alle Genossen und Freunde! Die tendenziösen Nachrichten, die in gewissen Kreisen in Palästina und in den anderen Ländern über den Mord am unserem Genossen Chaim Arlosoroff verbreitet wurden, sind falsch. Diese Nachrichten sind mit einer bestimmten: Absicht von Menscheti verbreitet worden, die kein reinies Gewissen haben. Die Mörder sind keine Araber, keine Kommunisten. Einer der Mörder, den' die Genossin Arlosoroff, die Gattin des Ermordeten, agnosziert hat, ist Abraham Kaspi, der im Hause des Äba Achi-Meir, des Redakteurs dies revisionistischen „Chasif Haam" verhaftet wurde. Der Mörder hatte schon einen Ausreisepaß vorbereitet, um aus Palästina zu fliehen. Gemeinsam mit der Exekutive der „Histadrut Haovdim" im Palästina fordern, wir alle Genossen auf. ' vollständige Ruhe und strenge Disziplin zu bewahren. Der große Schmerz und unsere tiefe Erbitterung über den: politischen' Mord au unserem Führer, dem' gewählten politischen Vertreter des jüdischen Volkes, darf unter keinen Umständen Anlaß geben, zu Gewalttaten, zu Racheakten und auch nicht zu entwürdigenden Aeußerungen gegen die Feinde der jüdischen Arbeiterbewegung, welche seit Jahrein gegen: die ..Histadrut" und ihre Führer eine unverantwortliche Hetzkampagne inszenieren, die auch einen Teil der zionistischen Jugend in Palästina und in den anderen Ländern vergiftet und demoralisiert hat. Der Geist unseres ermordeten Genossen und Führers, der Geist unserer Befreiungsbewegung, verbietet uns kategorisch, unter allen Umständen jede Gewalttat. Der Kampf gegen die unverantwortliche Hetze, gegen die hooliganiischen Aktionen der Revisionisten darf nur durch Aufklärung und Organisierung, mit ehrlichen und reinen Mitteln geführt werden. Unternehmet keine Schritte, die unseren Kampfmethoden der Wahrheit und Wahrhaftigkeit widersprechen:. Genossen, bewahret Ruhe! Das Leben und der Tod unseres Führers war nicht: vergeblich. Die für diesen gemeinen politischen Mord unmittelbar oder mittelbar Verantwortlichen müssen: aus dem jüdischen Leben, aus der zionistischen Bewegung und aus Palästina verschwinden, aber nicht durch unbesonnene Handlungen werden wir das erreichen können. In Palästina herrscht Ruhe, Die jüdische Arbeiterschaft Palästinas befolgt die Aufforderung der „Histadrut" zu Ruhe und Disziplin:. Wir fordern auch euch zur unbedingten Disziplin auf. Setzen wir mit doppelter Energie und Begeisterung unsere Arbeit, das Lebenswerk unseres gefallenen Märtyrers fort! Exekutive der Allgemeinen jüdischen Arbeiterorganisation (Histadrut) in Palästina. Zionistisch-Sozialistische Arbeiterorganisation Poale-Zion- Hitachdut, Oesterreich. Liga für das „Arbeitende Palästina". Organisation „Hechaluz". Jüdisch-sozialistische Arbeiterjugend. Jugendbünde „Mischmar Haovdim", Haschomer Hazair-Blauweiß, „Haschomer Hazair", Gordoniah. Jüdischer Arbeitersportklub „Cheruth". Beratungen der Exekutive Die Exekutive der JewisbJ Agency in London ist sofort nach Eintreffen der Unglücksnachricht zu einer Sitzung zusammengetreten, wo auch die Frage der Nachfolge Arlosoroffs in der Leitung des Politischen Departements besprochen wurde. Auch in Palästina wurde 'diese Frage bereits erörtert. Die Palästina-Exekutive besteht jetzt, nach dem Ableben von Arlosoroff und angesichts der Europareise von Dr. Senator und der Amerikareise von Mr. Neuraann nur aus Dr. iiexter und Farbstein. Endgültige Beschlüsse über die Besetzung des Departements scheinen noch nicht gefaßt zu sein. Beileidsdepesche der Wiener Kultusgemeinde Das Präsidium der Wiener jüdischen Gemeinde hat aus Anlaß des tragischen Todes Dr. Chaim Arlosofoif's an die Kenesset Jissrael Jerusalem eine'. In hebräischer Sprache abgefaßte Beileidsdepeschei abgesandt, welche in deutscher Uebersetzung wie folgt lautet: Gebrochen und bedrückten Herzens, in Jammer gehüllt, nehmen wir Anteil am Leid der Nation wegen des Heimganges des besten. Sohnes und Führers Chaim Arlosoroff. Der Werdegang Arlosoroffs Chaim Arlosoroff ist im Jahre 1899 in Romni (Ukraine) geboren. Sein Vaiter war Rabbiner. Unter dem Eindrucke der Pogrome im zaristischen Rußland flüchtete die Familie Arlosoroff im Jahre 1905 nach Deutschland. Dort absolvierte Arlosoroff die Mittelschule und. die Universität. Arlosoroff wirkte bereits in seiner Studentenzeit in der zionistischen Bewegung mit. Unter dem Einflüsse der jüdischen Arbeiterschaft in Palästina wandte sich Arlosoroff der zionistischen Bewegung zu. Im zwanzigsten Lebensjahre gibt er sein Werkchen „Der Volkssozialismus" heraus, weiches als Aufruf zur Gründung der zionistisch-sozialistischen Gruppe „Hitachduth" betrachtet wird. Im Verein mit Gleichgesinnten gibt dann Arlosoroff in Berlin die Zeitschrift „Die Arbeit" heraus. Im Jahre 1920 nimmt Arlosoroff hervorragenden Anteil an der Konferenz in Prag, welche zur Konsolidierung der zionistisch-sozialistischen Gruppen in der Diaspora und zu ihrer Vereinigung mit dem „Hapoel Hazair" („Der junge Arbeiter") in Palästina führte. Im Jahre 1923 erscheint Arlosoroffs „Die Kol,onisaitionsfinanzen> der Jewish Agency", welches in sedner Auffassung der Probleme des Palästinas aufbaues auch heute noch volle Gültigkeit hat. Im Jahre 1924 geht Arlosoroff nach Palästina und wirkt für den Zusammenschluß der jüdischen Arbeiterschaft zu einer Partei. In den Jahren 1925—27 weift er in Amerika iml Auftrage des „Keren Hajessod" und benutzt diesen Aufenthalt zu einem gründlichen Studium der Juden in Amerika. Arlosoroff kehrt danin nach Palästina zurück und nimmt in Wort und Schrift am Aufstiege der jüdischen Arbeiterbewegung teil. Auf dem XVII. Kongresse in Basel im Jahre 1931 .wird er in die Zionistische Exekutive gewählt und übernimmt die Leitung des politischen Departements und den Vorsitz der Exekutive vin Palästina, wo er außerordentliches Geschick und Veranirwortungsgefühl entfaltete. Unter dem Eindrucke des Hitler-Putsches eilt er nach Deutschland, um die Katastrophe der Juden in die Bahnen des Aufbaues im Palästina zu lenken. Seine Beobachtungen und Pläne .teilte uns Arlosoraftf in seiner großen Rede im Wiener Konzerthaussaale mit. Vom Konzerthaussaale in Wien eilte er zum Zug, da er seinem Posten in Palästina nicht länger fernbleiben konnte. Kaum im Lande angelangt, streckten ihn die Kugeln des faschistischen Mörders nieder. Wie %die Tat geschah Am Freitag, dem 16. Juni, abends, ging Arlosoroff, der erst am Mittwoch von seiner Europareise nach Palästina zurückgekehrt war, mit seiner Frau am Strande von Tel- Awiw spazieren. Während sie durch die Yarkonstraße gingen, machte Frau Arlosoroff ihren Mann darauf aufmerksam, daß zwei verdächtig aussehende junge Leute ihnen die ganze Zeit nachgehen. Chajim Arlosoroff lachte über ihre Aengstlichkeit und die beiden gingen weiter. Als sie sich jenseits der im Norden der Stadt liegenden Arbeitersiedlung befanden, gingen die beiden jungen Leute auf sie zu und der eine von ihnen fra,gte in gutem Hebräisch, wie spät es sei. Während Arlosoroff antwortete, es sei 11 Uhr, zog der andere Mann eine Taschenlampe aus der Tasche und leuchtete Arlosoroff ins Gesicht. Dabei fragte er: „Attah Arlosoroff?" (Bist du Arlosoroff?) Ohne die Antwort abzuwarten, gab er dann aus nächster Nähe zwei Schüsse auf sein Opfer ab. Schwer verletzt sank Arlosoroff zu Boden, während die Attentäter die Flucht ergriffen. Auf die Detonation hin eilten zwei jüdische junge Leute, die sich in der Nähe befanden, herbei und brachten den Verwundeten in das. Hospital der Hadassah. Gegen Mitternacht erlag Arlosoroff, während die Aerzte Vorbereitungen zu einer Operation trafen, seinen Verletzungen. Einer der Schüsse hatte das Herz verletzt. Das Begräbnis Das Begräbnis am Sonntag, 18. Juni, 12 Uhr, gestaltete sich zu einer überaus imposanten Kundgebung. Die Straßen, durch die sich der Leichenzug vom Hause der Arbeiterpartei, wo die Leiche Arlosoroffs aufgebahrt! worden war, zum Friedhof bewegte, waren von dichten Menschenmassen eingesäumt. 70.000 Menschen, unter ihnen hohe Regierungsbeamte und das gesamte Konsularkorps von Tel-Awiw, folgten dem Sarge. Zum Zeichen der Trauer war eine eintägige Arbeitsruhe angeordnet worden, auch sämitliche Schulen blieben geschlossen. Am Grabe hielten Genosse Berl Katzenelson, der Bürgermeister von Tel-Awiw Meir Dizengoff und der Direktor des Jüdischen Nationalr* fonds M. M. Ussischkin Ansprachen.

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