Der Jüdische Arbeiter
- Journal
- Der Jüdische Arbeiter
- Volume
- 10 (1933)
- Issue
- Heft 24 (16.6.1933)
- Date
- 1933-06-16
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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V.b.b. DER Erscheint Jeden Freitag JUDISCHE ARBEITER Organ Oer Vereinigten zionistisdissozialistisdien Arbeiterorganisation Poale Zion-Hifartiflufh in Oesterreich Redakton und Administration: Wien, Ii, Slumauergasse 1 — Postschekkonto Nr. 17.878 Bezugspreis: ganzjährig S 12.—-, halbjährig S 6.- 10 Jahrgang. 16. Juni 1933 Nr. 24 nacht geht vor Recht Völkerbund und Faschismus Es ist das Verdiqnfst des deutschen1 Nationalsozialismus, die Fragiei inlach1 der Existenz feines geschichtlichen Fortschrittels elündetttig und endgültig, beantwortet zu haben. Bis zur Ergreif innig der Macht durch1 den1 Nationalsozial'ism;us warejn Illusionen über diel Bedeutung der humanitärem1 Motive, über die Macht idier Ethik in der Politik möglich: 'nachdem Hitler uns erschütternde Beispiele weudeutscher Politik gegeben hat, erkennen; wir die wahren Grundlagen des Völkerlelbens. Eigentlich haben wir uns desselben Sündenfalls schuldig gejmacht, wie die nationalen Chiauvimisteini dfejn Nachkriegszeit: ebenso wie sie das .wahre Antlitz des Krieges des 20. Jahrhunderts vergessen haben und i,h'n mit Ritterspjelen des Mittelalters verwechselten1, ebensolchen auch wir daswa'hret öeskhlt dlejn menschlichen! Bestialität, die der Krieg in tausendfacher Form geoffembarf hat, aus unserem Bewußtsein gelöscht und vom einer Menschheit geträumt, die auf dem Wege ist, ihre unterweltUcheni Triebe und Antriebe zu überwinden! und die nackte; Gewalt aus ihreim Gemeinschaftsleben! auszuschalten1. Der Traum ist ausgeträumt: tlie ach1 so kurze Epoche, da wir hoffen' durftet, daß: als 'Reaktion auT das vierjälh'rfge Völkerschlachtein! nunmehr eine v/ermenscn:- lichunig dier, Vö:lke^beziehu;ngeni eintreten werde, ist beendet,;ii;nd diese Hoffniunlg als trügerische Sinngebung des sinnlosen Krieges erwiesen. Was1 wir heute! schfafudernd mitejr leben, ist die Restauration1 im weitestem' Simniei des Wortes, ja mehr noch: die Gewalt gewinnt imnmschränikt'e^e 'Macht, als sie sie jemals! (gehabt h'at! Es gehörte zu den! :u|mumstößlicben Dogr tuen der Rechfswssenschafit,' 'daß zwar im außenpolitischem Bereich des sozialen' Lebens die Anwendung der physi,sch(e!ni Gewalt, der Krieg als ultima' ratio, als letztes Auslkunftsm Ittel bestehen! geblieben) .ist, Idaß im imimerstaatlichenl Leben: der Sieg des Rechtes1 endgültig und unumstößlich ist: dieses Dogma gehörtnach1 der deutschen Katastrophe auf dem Schindanger der Geschichte! Darin' liegt imum die symbolische Bedeutung der Verhandlung der deutschen Judenfrage vor dem Völkerbund: sie ist die Bankrotterklärung! des inner:- staatlicbem Rechtes vor ei;ner .überstaatlichem Rechtsordnung — die keine ist. Die Juden Deutschlands? sind das Opfer eines Systems geworden1, dessen nähere CharakterisieH'ung unter den gegebenen Umständen} unmöglich ist, sie sind1 außerhalb der Rechtsordnung! gestellt, ihr Hab und Gut, ihre wohlenvorbemen Rechte! finden keinen Schutz seitens des deutschen Staates. Unsägliches; Leid h'at diese Rechtlosigkeit über jüdische' .Männer, Frauen und Kinder gebracht — barbarischer) Hohn der Machthaber ist die Begleitmusik dazu. Ein! Appell an eine staatsrechtliche Instanz ist unmöglich1: nur jenen Juden blieb die Möglichkeit zu einem Versuch, Rechtsschutz zu suchen, übrig, die auf einem Teil des deutschten Staatsgebietes wohnen, dessen Verhältnisse durch völkerrechtliche Verträge geregelt sind. Der Jude Bernheim aus Oberschlesieni hat vom dieser Möglichkeit Gebrauch gemacht, sie steht auch dem Juden des Saargeibietes offen. Die von Bernheim an den Völkerbund gerichtete Petition wurde auf Grund einiets Gutachtens des Juristenlkomitees vom Völk'erbundrat behandelt: der Bericht des irischem'Vertreters,, der das Vorgehen Deutschlands als rechtswidrig verurteilt und die Wiedergutmachung fordert,-wurde einstimmig b)ei Stimmenthaltung des deutschem und italienischen! Vertreters angenommen. Gewiß, die ob'ersdhlbisjchem Juden haben nunmehr die „moralische" Genugtuung, zu wissen, daß: die Zerstörung ihrer Existenzgrundlage nicht rechtens war; ob sie aber heute! die Fähigkeit zur Empfindung solch luxuriöser 'Gefühlte haben wenden, scheint mehr, als zweifelhaft. [Was die Wie-jdergutjmachung anbelangt, so wurde Deutschland vom Völkerbund zu derselben verurteilt, von einer .überstaatlichem Organisation, die mehr als. eirimal tb&wieseni hat, daßi sie ■ohnmächtig ist, ihrem Rechtssätzen1 und Beschlüssem Geltung! zu verschaffen. Sielb'st jene deutschem Juden! Obers^hTesiens, die in der Lage sind, im Völkerrecht verankerte Minderh'eitSr teohte geltend zu machen, stehen, hilflos zwischen] Nazi s DeutscnlanO morOet unO verfolgt 300 Juden getötet, 3000 schwer mißhandelt Der katholische Schriftsteller M. W i l r a m, s, der in halbamtlicher Funktion als Mitglied des amerikanischen Komitees für die „Untersuchung dier Rechte der Minderheiten;n Deutschland" Deutschland bereist hat, berichtet, er habe festgestellt, daß während der „nationalen Revolution" nicht weniger als 300 Juden getötet und mindestens 3000 schwer verletzt wurden. Verfolgung des Zionismus in Deutschland Die Jüd. Rundschau eingestellt? In den letztem Tagen: hat die Regierung in einigen Provinzstädtejm die Barbestände des Keren Hajessod1 un'd des Kienen Kajemeth besdch'lagn|ah'mt. In der Redaktion der Berliner „Jüd. Rundschau" hat die politische Polizei eine Hausdurch'sfuchumg vorgenommen und alle Exemplare der letzten! Nummer beschlagnahmt. Es steht inoch1 wicht fest, ob das Blatt weiter erscheinen wird. ( Auflösung der jüd1. Studentenvereine pie jüdischejn! Studentenverbindungen' in Leipzig! sind beauftragt worden, sich1 (innerhalb von 14 Tagen! aufzulösen. Kein Verkehr mit jüd. Hochschülern An der Bresiauer Universitätsfclfnjik h'at die Deutsche Studentenschaft ein' Verbot gegen; jeden Verkehr mit jüdischen Hochschülern erlasseinL Ein Nazi, Leiter einer jüd. Schule Im Auftrage der Regierung im Sachsen ist ein] Nazi 'zum Regierunigskommissär einer Jüdischem Schule; in Leipzig ernannt worden. Die Internationale Arbeitskonferenz über die jüdischen Flüchtlinge aus Deutschland Alle Wege führen nach Palästina. Die Arbeitervertreter einiger Länder auf der Arbeits Konferenz im Genf brachten einen 'Antrag e'm, der u. a. folgendes besagt: (Die letzten politische Umwälzung in Deutschland1 zwang tause'nde Menschen, das Land zu verlassen. Unter dem gegenwärtigen Regime werden deutsche Bürger infolge ihrer Rasse|nzug|ehörigkeit von den Arbeit ausgeschaltet und jeder Existenzmö'glichkeit beraubt. Diese Vorgänlge häbeni schwere 'Nachwirkungen! am die jauch sonst schwienge'Lage der Arbeitsmärkte im dam Nachbarländern, wo den Flüchtlingen] aus Deutschland ein! 'Asylrecht gewährt wufcTe. Mit Berufung auf ähnliche Aktionen für die Flüchtlinge aus!. Rußland und Armenien, wird dag Internationale Arbeitsamt beauftragt, ohne jede Einmengung in: die inneren deutschen Angelegeuheitehy: mach Wegen zu suchen1, mm die deutschten1 Flüchtlinge fn Ländern anzusiedeln, wo sie Beschäftigung finden könnten', oh'nie die Wirtschaft der betreffenden Länderl zu schädijgen." ' . (Die historisohiö Notendigkeit des Palästin&äufr* bäues durch die Schaffung eines jüdischen Zentrums offenbart sich' 'nunmehr vor aller Welt. Spendet für unseren UaMlonds! Wir stehen vor einem Kampf zum Zionisten1 Kongresse, der über die Gestaltung des Aufbauwerkes im Palästina auf Jahre hinaus entscheiden wird. Für eine erfolgreiche Führung dieses Kampfes sind erhebliche Geldmittel erforderlich, über welche unsere Organisation leider nicht verfügt. Wir müssen uns deshalb an unsere Genossen mit der Aufforderung wenden: S pe n d e t f ü r u n ser e n Wahl f ond sl In den nächsten Tagen werden unsere Genossen vom Vertrauensmännern aufgesucht werden, um Spenden für den Wahlfonds einzuheben. Wir ersuchen, am der Aufbringung des Wahlfonds nach Kräften mitzuwirken. Leitung der Wahlaktion zum Zionistenkongreß. zwei Organisationen, von welchen die eine, der deutsche Staat, sie außerhalb der Rechtsordnung gestellt 'hat, und gegenl sie statt Recht Gewalt anwendet, während die andere — der Völkerbund — zwar guten) "Willens ist, ihre völkerrechtlich garantierte Rech'ts:- gleichheit .durchzusetzen1, aber eben .nicht die Macht h'at, diesem 'Willen die erlösende Tat folgen zu fassen. Auch für das Otersen lesische Judentum Bedeutet efte Völkerbundaktion eine nur platonische und unfruchtbare Tat. die dem bedrängten, im furchtbare materielle und physische Not geratenem jüdischem Menschen" keine reale Hilfe bringen wird; um so mehr gilt das vom gesagten1 deutschem Judentum, das vollständig aus'gestößemi ist aus der staatlichem Rechtsgemeins'cbaft des Deutschem Reiches, das niummehr ausschließlich 2!u leben verurteilt ist im rechtsleeren Raum einer ihm bis aufs Blut feindlichen Gesellschaft, die; den Juden nicht mehr für würdig hält, daßi man ihm auch nur das primitive Gejflühl der Anerkennung seines Menschentums entgegem bringt: selbst wenn (das Unvorstellbare Wirklichkeit werden und sich die deutsche Staatsgewalt eines "besserem 'besinnen würde; der 'gesellschaftliche Boykott ist heute in Deutschland wirkungsvoller, als es je eine staatliche Verfügung} oder gar eine Entschließung des Völkerbundes wäre! Was heute dem deutsjcheni Judentum angetan,1 wird, bestätigt in entsetzlicher Weise die Wahrhaft der Erkenntnis des Juden; Spinoza, daßi Macht vor Recht gfehe! Die gesamte deutsche Staatsgewalt wird mit hemmungslosier Brutalität gejgeni die Juden verwendet; der deutsche Mittelstand, der „antibols'cheh Wiistisch" ist, verwendet seme 'Macht, um seine Jüdischen Konkurrenten erbarmungslos zu vernichten und zu enteignen. Wollten wftijauf die Gnade des Nationalsozialismus hoffen1, oder auf den Völkerbund, wären wir nicht wert, jenen Deuter, der die Menschheit " zur diejsseiitsgewamdtemi und realistischem Demkun'gsweise erziehen1 wollte, als den unseren zu bezeichnlein. Tragisches Galutsch'icksal des Judentums1 vollzieht sich häute am Leibe der deutschem Judenheit, wird sielt vielleicht morgen1 an uns erfüllen'. Der Blick .nach1 aufwärts, der das gottgläubige Judentum des Mitteilalters im ähnlicher Lage stärkte, ist uns vermehrt. Der Völkerbumdrat hat sein Urteil gesprochen', unts bleüfbt die Verpflichtung zur Hilfeleistung vorbehalten. In einem von uns veröffentlichtem, vom dem Führern aller zionistischen Parteien] unterzeichneten Aufruf ist das österreichische Judenr. tum aufgerufen, das seine zu' dem großen Hilfswerk für die deutschem Juden beizutragen. Wir sind überzfeugt, daß jeder Jude bis am die Gren'ze seiner LeisfwngBmöglichkfeit gleth'em wird. Jüdische Solidarität, von den Natjionalsözialistieni maßlos überschätzt, muß! mummeh'r zur vollem Entfaltung kommen. Das deutsche Judentum, der geistig und politisch' führende Teil {der WölUjudemhe,it, ist am dem Bettelstab' gebracht,! brot- und heimatlos im dem Hauptstädten' Europa^ irrend: kann da auch nur ein Jude, welcher Partei er auchai ti'gehörem möge, ruhigen Gewissens seinen Geschäften] nachgehen,' bevor er seine Pflicht dem deutächlejn! Judentum gegenüber, die eine Pflicht gegem sich selbst ist, erfüllt hat? M. P.