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Der Jüdische Arbeiter · 1933-06-09 · Heft 23 (9.6.1933) · page 1

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Journal
Der Jüdische Arbeiter
Volume
10 (1933)
Issue
Heft 23 (9.6.1933)
Date
1933-06-09
Page
– (sequence 1)
Language
German
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V. b. b. Erscheint Jeden Freitag Organ der Vereinigten zionistisdissozialistisdien Hrbeiteropganisafion Poale Zion—Hifadidnfh in Oesteneidi Redaktion und Administration: Wien, II, Blumauergasse 1 — Postschekkonto Nr. 17.878 is: ganzjährig S 12.—, baibjährig S 6.- Einzelne Nummer Zö Groschen 10 Jahrgang. 9. Juni 1933 Nr. 23 Gruß an Arlosorow! Chaim Arlosorow zählt zu dem interessantesten Köpfen1, über welche die zionistisch-sozialistische Bewegung verfügt. Fruchtbare Phantasie und nüchterne Erwägung wirken in seinem Wesen harmonisch •und' befähigen: ihn, an der Spitze der Bewegung bei der Durchführung großzügiger Pläne zu stehen. Er besitzt ein tiefes, vielseitiges Wissen; und vermag auch komplizierte Probleme, schwierige Situationen! rasch zu erfassen. Arlosorow kommt nach' Wien in einem Momente wichtiger Entscheidungen für die zionistische Weltbewegung und dasi arbeitende Palästina. Wir dürfen wohl erwarten, daß, er Klärung und Aufklärung bringen, d'aßj er die von der N,ot der Zeit diktierte Entwicklungslinie des Palästinaaufbaues beleuchten wird. Im diesem . Sinne heißen wir Chaim Arlosorow herzlich willkommen. Niederlage des Revisionismus — "Rettung des Zionismus, Es gibt in der Geschichte eines jeden Volkes Katastrophen,, die das; seelische Leben desselben weit über jene Grenze erschüttern, die das noch Erträgliche vom Unerträglichen) lunid Untragbaren scheidet. Gewißj mögen Katastrophen! nicht mir im individuellem, sondern auch im sozialen Leben: die Wirkung .auslösen, daß die Aktivität des Betroffernem verstärkt wird1, da!ß,!der Widerstand gegen das Uebel' seinen Willen härter und unnachgiebiger macht. Diese heilsame Folge, kann aber wohl nur dann eintreten, wemm die Abwehr des Unglücks im Bereich des Atemschenmöglichem steht, wenn! die Gewalt, gegen die •anzukämpfen! man gezwungen ist, mit den zur Verfügung stehendem Mitteln,, wenn auch unter Anspannung aller Kräfte, nberwindbar ist. Die Katastrophe,, die über das deutsche Judentum hereingebrochen! ist, deren Opfer wir 'heute oder morgen wet(deni können,, ist geeignet, eine lähmende Wirkung, auf dem Lebens- und Kampfeswillen der jüdischen Massem auszuüben. Wer die Stimmung des jüdischen Durehschnittsmensch'eim, der wenig politisiert, aber,1 im höchstem Maß© vom Kampf ums tägliche Broti im Anspruch genommen ist, kennt, weiß, daß der Grad der Verschüchterumg der jüdischem Massen) schlechhitm nicht .:iübertfoffen werden kann; das Schicksal des deutschen Juden vor Augen, bangt er um die Zukunft, zittert er um die Möglichkeit, sein nacktes Leben zu fristen. Und in dieser geistigen Situation des Judentums treffen wir die Vorbereitungen zum Walilkampf, heute, da der jüdische Mensch um seine physische Existenz kämpft,'fordern; wir vom ihm, sich für das Programm einer zionistischem Partei zu entscheiden. Wundert ihr euch da Genossen, daß diese unsere Wahlarbeit sich so schweigestaltet, daß uns heute immer wieder ein Ruf emtgegenitönt: Der Zionismus soll heute sein Versprechen, die Judenmot; lindern zu wollen, einlösen; die' verschiedenen Parteischattierungen und Differenzie^- rungem interessieren uns nicht. Weg mit den politi^ sehen Kämpfen, weg mit dem Kongreß,wahifamip,fv es lebe die müchten^sachliche kolonisatorische aufbauende Arbeit! Es ist nicht das erstemal, daß, sich die Stimme des gesundem Menschenverstandes als irreführend und umrealistisch erweist; beute der nicht unbegreiflichen) Kampfmüdigkeit erliegen 'bedeutet nichts weniger, aL<j die Gefährdung der sachlichen, wirtschaftlichem und kulturellem Aufbauarbeit der zionistischem Organisa-» tipm. Denn unser Kampf gilt ja eben, jenen Parteien1, die sich zum Ziele gesetzt haben, skrupellos ihrd machtpolitiscben Aspirationen! durchzusetzen, unbekümmert um die Notwendigkeiten der auf die Verwirklichung gerichteten zionistischen Aktion!., - Welches sind diese Erfordernisse, deren) Erfüllung die unerläßliche! Voraussetzung einer wirklich dem heutigem Ausmaßen der Judennot entsprechenden Leistung der zionistischem Organisation entspricht? Die wichtigste Voraussetzung bildet eine friedliche Gestaltung der Beziehungen der Juden Palästinas zu ihren arabischem Nachbarn. Ohne eine politische Entspannung in Palästina, ohne eine Politik, die stets be- Die einzige Antwort Die Wiener Geschäftsstelle der Leipziger Messe lud dieser Tage die Vertreten der In- <und Auslandspresse zu einem Presse-Tee ein, der die' übliche Propagierung dieser Messe bezweckt. Die Vereinigung jüdischer Auslandsberichterstatter in Wien sagte ihre Teilnahme unter Hinweis auf den! gegenwärtigen antijüdischen /Kurs Deutschlands ab. Aber auch von) den anderen eingeladenen Zeitungen und Journalisten, mit Ausnahme der „Reichspost", langte keine Zusage ein, worauf der angesagte Presseempfang abgesagt wurde. ••. Der Generaldirektor der Leipziger Messe, Dr. Köhler, ersuchte dämm, das Präsidium der erwähnten jüdischen Vereinigung) :um eine persönliche Aussprache, während welcher-er sich bemühte, dieses „aufzuklären" und umzustirnmem. Er mußte jedoch schließlich die Zweck- und Erfolglosigkeit dieser seiner Bemühung einsehen. Wenige Tage können noch der Werbung für. den Schekel gewidmet werden. — Genosse und Freund, denke daran! Italiens Judenfreundlichkeit hat auch ihre Grenzen Die Tatsache, daß Italien aus vielem Gründen Judenhaß als Massenerscheinung niemals kannte und daß sich deshalb auch der italienische Faschismus des Antisemitismus nicht bedient:, gab in der letzten! Zelt oft Anlaß,; das faschistische Italien als einen der Retter der Juden; in ihrer Not zu preisen:. Jüdische und judenfreundliche Menschen wußten zu berichten, wie sich Mussolini für die Juden Deutschlands einsetzt. Nun ist auch diese Seifenblase geplatzt! Bei der Abstimmung im Völkerbundrat über dem Bericht zur Klage Dr. Bernbeims gegen die Behandlung der Juden im Oberschlesien, im welchem die Bestialitäten der Hitler-Mörder! verurteilt werden, hat sich nicht nur der Vertreter Deutschlands, sondern.1 auch der des faschistischen Italien; der,Stimime enthalten. Die Unterstützung seines faschistischen Bundesgenosselm ist Herrn Mussolini natürlich viel wichtiger als der Schutz der Judem Oberschlesiens vor! den Hitler-Banditen. müht ist, dem arabischem- Njätionalismius keime Nahrung zu geben', ist ein beschleunigter Aufbau des jüdischem Nätionalhejms, das1 die Zufluchtsstätte der im ihrer Existenz bedrohten -<j»uden; aller-Länder bilden soll. Das bedeutet, dessen müssen wir uns heute mehr denn je bewußt sein, den Verzicht auf jegliche .überhitzte Demonstrationspolitik, auf jene Maßmahmeni, die vielleicht geeignet1 sind, einem das jüdische Minderwertigkeitsgefühl .überkompensierenden , Prestigebiedürfnis zu schmeicheln, im ihren, Wirkungen auf die arabische Gegenseite aber nur zu Störungen1 unserer Aufbauarbeit führen kann. Wer einmal erkannt hat, daß, die Notwendigkeit, 'unser Werk im Palästima, mit den Mitteln der Gewalt durchzusetzen', bei dem gegebenen Machtverhältnissen im vorderen! Orient, insbesonders aber in einer Epoche, da eim arabisch-nationales Gemeinwesen nach dem anderen aus einem Mandatsgebiet zu-einem souveränen1 Staat, einem Mitglied des Völkerbundes wird, das Emde des Zionismus, der letzten Hoffnung der Jiidenneit, bedeuten muß, der wird erkennen, was eine Politik des Friedens für den Zionismus bedeutet: nichts mehr, aber auch nichts weni ger als die Frage seines Seins oder .Nichtseins.. Man sollte glauben, daß diese Erkenntnis, die nur aus dem primärsten; Grundtatsachen des palästinensischem Lebens die Folgerung zieht, Gemeingut aller Zio nisten: ist. Weit gefehlt: die revisionistische Partei hat die Parole der Gewalt zu ihrem ureigenstem geistigem Eigentum erhoben, für sie gibt es nur einem Weg der Verwirklichung des Zionismus: ier führt über die Errichtung eines Gewaltregimes, dessen Träger offenbar die Mandatarmacht und die zionistische Organisation werden soll. Gewiß, die Revisionisten wissen, daß es nicht leicht ist, den) wirklichkeitsnahem jüdischem Sinn, die gewaltfeindliche jüdische Psyche, davon: zu überzeugen, daß die Grundlage des jüdischem Aufbaues ein jüdischer Militarismus sein müsse; um den jüdischen Massen eine ihnen wesensfremde Gewaltideologiej näher zu bringen, ersetzt die revisionistische Sprache; das Wort „Gewaltregime"' durch die harmlosere Bezeichnung „Kolonisationsre(g|i;me", eine betrügerische' Wortschiebung, von der sie hofft, daß sie nicht durchschaut werden wird. Nicht nur, daß, die gewaltsame Durchsetzung der zionistischen Verwirklichung gegem die arabische Mehrheit auf weite Sicht eine absolute Utopie ist, haben wir gegen: die revisionistische Ideologie einzuwenden: schon der Versuch, das Prinzip der Gewalt zur Grundlage der zionistischem Politik zu machen1, ist geeignet^ im der arabischen Welt Gegenkräfte gegem dem Zionismus auszulösen, die bei der Ziyilisationsstufe des arabischem Volkes zu einer furchtbarem Katastrophe führen können1. Man glaube nicht, daß diese Prognose einem pessimistischen Defah tisJmus entsipirängt: der ernsteste Gegner des Brit Schalom, der Führer der jüdischen! Arbeiterschaft Palästinas, hat inj seiner großen Wiener Rede dreimal von der Gefahr eines Pogroms: in; Palästina gesprochen — das, hohe sittliche Veranitwortlichkeits!- gefühl trieb ihn, den' an seinen' Lippen hängendeiy nach Worten, die aussch-Iieußlieh eine,..Perspektive der Erlösung eröffnen', lechzenden jüdischen Menschen die volle Wahrheit zu sagen, ihnen auch diq andere Seite der Realisierung des zionistischen Ideals zu zeigen. Angesichts dieser Lage im Lande geht nun der Revisionismus daran, durch eine großzügige Propaganda, die über, außerordentlich große Mittel und — das muß zugegeben; werden) — über eine begeisterte und disziplinierte Jugend verfügt, die Mehrheit des Zionistemkomgresses 'zu erobern. Ist man sichl dessen bewußt, was eine »Eroberung der Macht innerhalb der zionistischem Organisation durch' die Revisionisten bedeuten würde? In ihrem europäischen'! Herrenstolz, auf die arabischen Massen; als den „Natives", dem Eingeborenen^ herabblickend, sind diel Revisionisten unfähig, die politischen Voraussetzungen einer friedlichen Aufbauarbeit zu schaffen. Wohl1 aber würde es ihnen unschwer gelingen, die Erfolge der Pazifizierung, die wir der jetzigem zionistischem Exekutive, insbesonders der Arbeit des Leiters dea politischen Departements im Palästima, des Genossen Chaim Arlosorof, danken', null und nichtig zu machen. Sollen wir jenen, die durch1 ihre Demonstrationspolitik im Jahre des Unheils 1929 zur Verschärfung der Gegensätze so viel beigetragen haben, die Macht im die Hände spielen und ihnen die Möglichkeit geben, durch ihre Katastrophempolitik den letzten Rettungsanker des jüdischen Volkes zu vernichten? Es ist keine Uebertreib'umg: Abwehr des Revisionismus ist gleichbedeutend mit der Rettung des Zionismus, mit der Erfüllung einer Lebensnotwendigkeit des jüdischen Volkes. Dazu rufen wir im diesem Tagen die arbeitendem Juden dieser Stadt auf! Die Verteidigung des Zionismus vor der revisionistischen Gefahr erfordert nicht/- mur eine negative Entscheidung, es genügt nicht, die revis^iomistische Liste nicht zu wählen.; der Sieg der Liste des arbeitendem Palästima sichert ums einzig! und allein dem ungestörtem Fortschritt der Erweckung der Produktivkräfte Palästinas, der Vergrößerung der Aufnahmefähigkeit Palästinas. Die nichtrevisionistH sehen Parteien des zionistischen Bürgertums sind nur zu gerne bereit, um der gemeinsamen sozialen' Interessen willen, dem" Revisionismus politische Konzessionen zu machen, auf die Gefahr hin, die politischem Grundlagen Palästinas zu erschüttern'. Der Wah'lkampf hat begonnen: nur wer im den kommendem Wochen seime Pflicht erfüllen wird, wer alle ihm nahestehenden Freunde des arbeitenden Palästina mit dem Schekel, der Wahllegitimation1, ausgerüstet haben! wird, der kann der kommenden Entscheidung um Sein öder Nichtsein des Zionismus mit Zuversicht entgegensehen'. — P. — i ■ , I r&i : i ..,! .

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