Der Jüdische Arbeiter
- Journal
- Der Jüdische Arbeiter
- Volume
- 10 (1933)
- Issue
- Heft 22 (2.6.1933)
- Date
- 1933-06-02
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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V.b.b. OER Erscheint Jedwv Freitag JUDISCHE ARBEITER Organ Oer Vereinigten zioitistisÄssozialistisdien Arbeiterorganisation Poale Zfen—HifadiOHlfi in Oesterreidi Redaktion und Administration: Wien, II, Blumauergasse 1 — Postschekkonto Nr. 17.878 (Bezugspreis: ganzjährig S 12.—, halbjährig S 6. Einzelne Nummer 30 Groschen 10 Jahrgang. 2. Juni 1933 Nr. 22 Die faschistische Gefahr im Zionismus v v Von] N. Nemirowsky (Tel-Aviv), Fünf Jahre Terror und Provokation „Genau so begannen : die Heldentaten der Faschistenini Italien.: Vorerst kamen die Zusammenstöße' mit. kommunistischen! Demonstranten, dann Zusammenstöße, im sozialistischen: Versammlungen, später folgte das Eingreifen! in den wirtschaftlichen! Kampf;des Arbeiters, dann wurden die Arbeiter- und Baüern!- jinstitutioneni zertrümmert, bis: zum Schluß — nach' zwei Jahreni des Blutvergießens und der Erschütterung der Staatsgewalt die Machtergreifung erfolgte. Bei uns wird es dazu nicht kommen, Diese jungen] Leute werden) im Falle ähnlicher Versuche auf einen ^derartigem Widerstand von. Seiten der Arbeiterschaft vunfd wahrscheinlich' auch von: Seiten der gesamten! jüdischen Bevölkerung! Palästinas stoßen, daß .man? mit völliger Besummheit . annehmen kann .daß der Versuch im den politischen' Kampf mit Hilfe) vom Stöcken einzugreifen, 'nicht gelingen werde. Diel .Macht im der .jüdischein. Gasse, im jüdischem Lande! •werden diese Jungen! nicht erlangen..." . Ich1' zitierte hier, einen Artikel' des Gen. M. Bei- :.linko!h!n; der .vor fünf.. Jähren („Dawar" Nr. 890* 1928) terschien;,. nafcWdern das jüdisch^ Palästina zum! erstem Male den Ausbruch des politischem Hooli- .ganisrnus ' miterlebt 'hatte: Die; Mitglieder ^des „Brithl Trumpeldor" überfielen damals einige linke Grup-. pen, die anläßlich' des 1. Mai eine kleine Demonstration veranstaltet hatten. Die . Trumpeldor-Leutej. sdhtugen auf .die Demonstranten: ein, entrissen ihnen' •die Fäh'me und hälfen der Polizei,.sie zu verhaften. Nach sechs Monaten erlebten' wir,. neuerliche Ueber-, fälle auf den Klub der linkem Pöäle Zion in1 Tek. Aviv, am Simchäth-Thoral 1929. B. Katznelsoh'm schrierj ^damals im „Dawar":, „Die Arbeiterbewegung hat ge-n nug Erfahrung, sie (erkennt die Giftschlange in der ^Eischale. Site weiß, daß. solche Tätigkeit, die mit Bubenstreichen beginnt, schließlich' mit politischen/ >und kulturellen Morden endet. Der jüdische Arbeit«} in! Palästina ist stark genug, diese: giftige Frücht im Keime zu ersticken.. Die Frage ist, ob wir hier einem B;ü r g e r k r i e g wollern?... Die Frage richtet sich1 can diejenigen, die über den Revisionisten stehen, an) -die Männer vom Einfluß-, an. die öffentliche Meinung Die Arbeiterschaft wartet nur, um zu sehen, wie diei Bevölkerung auf dieses schändliche Attentat realeren wird. Aus dieser Antwort wird -mar! Schlüsse folgern! .müssen." Die Hoffnung auf? die Reaktion der judischen jOeffentlichkeit wurde enttäuscht. Die revisionistische Jugend setzte indessen ihre Heldentaten fort: Die provozierende Demonstration bei der Klagemauer, die. vom den Revisionisten mit Hilfe Lukes organisiert wurde; der hooliganische Skandal, in der '„Asefatfo Hainiwchärim" (Abgeordneten!-Versammlung), der vorm Duoe höchstpersönlich' inszeniert wurde; der Ver-. such, der von revisionistischen Exzedenten seit drei,1 Jahren immer wieder wiederholt ward, den; Arbeiterkindern bei den' Fackelzügen ihre Fahne zu entreißen;;. Ueberfälle auf dem Klub und die Veranstaltungen) der jemenitischen Arbeiterjugend; der Versuch!, dii Versammlung zu Ehren des englischen Arbeitern Führers Brailsford aufzureißen, indem Steine auf diei Rednertribüne während der Rede geschleudert wurden1; dann — „das Eingreifen in den wirtschaftlichen) Kampf des Arbeiters" durch' das Stören des normalen! Betriebes beim Verteilern der Arbeit (Konflikt in Kefar Saba u. a.); der Raub der Arbeit, gestützt auf die) Unterstützung 'der Bauunternehmer und des Gemeirtd'erates von Tel-Aviv, wobei versucht wurde, die Mitglieder der Histadruth (Arbeiter-Gewerkschaft) von) der Arbeit auszuschließen (Bauten von Pechthold,, Drachsler u. a.); schließlich kam noch.die letzte Erat-] wicklungsetappie zum systematischen! Hooliganismus und systematischen organisierten und gut vorbereiteten .Streikbrüchen (Frumin im Jerusalem, Baustreik in Pefhach'-Tikwa). Und1 schließlich der Messerstich inj «hf Mitglidd' den. Histadruth und die Provokation1 mit Pässen, diö gleich' der Provokation, in den Tagen! den braunen Hemden von Nazis mit jüdischen des Klagjemauerkonfliktes. mit der gnadenvollen Hilfe der Regierung durchgeführt wurde. Der faschistische Charakter des Revisionismus Gleich dem Faschismus in Italien und dem Hitlerismus in .Deutschland, schoß auch . unser Revisionismus aus dem Boden nationaler Niederlagen,- äus dem Gefühl der Benachteiligung und nationaler Minderwertigkeit. Die schäm-'. und zügellose Demagogie auf sozialem Gebiete ist ebenfalls ein Zeichten der Identität mit der faschistischen Taktik. Der Unterschied besteht nur im sozialem Träger. Mussolini? und Hitler wollten auch die Arbeiterklasse gewinnen! und daher der soziliastische Einschlag im ihrem politischen Programm (natürlich1 nur vor ihren Machtergreifung). Jabotinsky hingegen baut sein soziales Programm, der Struktur derv, jüdischen1 Wirtschaft} entsprechend, auf den Mittelstand — der überwiegenden Mehrheit des jüdischen Volkes' in der Diaspora — g[e gen die Arbeiterklasse. Er ist daher, frei auch yon jener sozialj^i^h^ä-- ^Phr^aöeplbg^e, die für' 'demMitlerismus charakteristischist. . Als typisch faschistische! Elemente im Revisionismus erscheinen die autokratische Leitung der Partei) das krankhafte Streben! nach Macht, das fast Selbstzweck, wurde, b'linder Haß zum organisiertein) Arbeiter u. a. m. Gleich allen faschistischen Bewegungen erstrebt auch1 der. Revisionismus die Ausgestaltung! des Parteiapparates auf der Grundlage der. unbedingten Disziplin und die Ausnützung aller Möglichkeiten!1 politischer [Agitation, die allen Gesetzen der gesellschaftlichen Moral Hohn spricht. Andererseits unterschätzt der Revisionismus — und auch hier genau wie der italienische Faschismus und deutsche Hitlerismus, bevor sie zur Macht gelangt waren — den! Wert der konstruktiven wirtschaftlichen) Arbeit, die ihm die Möglichkeit des Abwerfens von) kleinen, leichtem „Bomben" ein: wenig erschweren könnte. r Wir gelangen also zur Schlußfolgerung, däßi wir es hier mit einer ausgesprochenen faschistischen Organisation! zu tum haben, nicht allein in seinen äußes rem Formen, sondern in seinem politischen Wesen und seiner seelischen Struktur. Die sozialen Wurzeln und politischen Aussichten des Revisionismus Der jüdische Faschismus versucht jetzt, seine Hand nach1 dem Machtapparat im Zionismus auszustrecken!. Das ist der Zweck der ganzen lärmen-, den Kongreßbewegung. Die! Spaltung nach der Kattowizter Konferenz schließt nicht die Möglichkeit aus, daß die beiden "Gruppen sich zu Wahlzwecken vereinigen werden. Die politische Lage in der Welt ist für den Revisionismus sehr günstig. Wiewohl der Faschismus Hand in Hand mit dem Antisemitismus geht, und es eigentlich zu erwarten wäre, daßi die jüdische Welt jede Art vom jüdischem Faschismus» mit Verachtung zurückzuweisen werde, hat abeti die Medaille noch eine andere Seite. Der .Niedergang! der Demokratie — die Macht, die den Juden Bürgerrechte in der Diaspora sichert — stellt "den ge-' wohnlichen Juden vor eine sehr .komplizierte - politische und psychologische Orientierung, und flößt allmählich vielen , von ihnen ein Gefühl der Verehrung für brutale physische Gewalt ein. Insbesondere stark wirkt sich das" im jüdischen sozialen Lebern in der Diaspora und in' der Gefühlswelt des jüdischen Mittelständlers aus, indem; die Machtillusion, die ihm' die revisionistische „Armee" vorgaukelt, eine gewisse- Befriedigung auslöst, und seine Kinder anzieht. Die Lage ist in diesem Belange sehr kritisch, da keines andere politische Bewegung im Zionismus über Organisationsformen' von derartiger Antzieh'ungskraft für .die Jugend verfügt, und man sich noch' nicht befreit hat von der etwas leichtsinnigen. und oberflächlichen Beziehung zu diesen „Spielereien", indessen wertvolles menschliches Gut der revisionisti- Arlosoroff kommt nach Wien! Näheres in den Tageszeitungen r\:r, und Plakaten :': - '■■ \i sehen Verderbtheit ausgeliefert wird. Auch die Ereignisse, in Deutschland gaben neue Impulse zum' Kampf mit der Histadruth. Die Möglichkeiten! der vollen Unterstützung des Revisionismus von seiten unserer Arbeitgeber, ist viel leichter, als die Verbindung Hugenburg-Hitler. Dort bildeten; eine Zeitlang die „sozialistischen" .-Forderungen: des Hitler-Programms und der vulgäre Charakter der Nazi-Masse, die den Adelsdünkel der ostpreußischen Industrie-« magnaten und Baronen empfindlich verletzten —- eine schwerwiegende Störung auf dern Wege zur Hitler^ Hugenbergschen Arbeitsgemeinschaft. Bei uns aber gibt es nichts, das eine ähnliche Verbindung, hemmen könnte. Der Revisionismus ist in keiner Weise verdächtig, sozialistische und fortschrittliche Gesinnungen zu ..hegen, nicht einmal in; der Theorie und Phrase. Und was den Ursprung, die soziale Herkunft und die wirtschaftlichen* Interessen anbetrifft, bestehen gewiß keine Unterschiede. Der blinde Klässen;- häß und die Verlotterung der zionistischen Gesinnung bei Teilen der „allgemeinen." Zionisten und der Misrachi, die bis zur politischen Buhlerei und williger Hingabe an Jabotinsky und seine. Clique entartet ist, rückt die Möglichkeit der Aufrichtung einen gemeinsamen Front mit dem Faschismus gegen den jüdischen Arbeiter und seine Organisation sehr nahe. Zu allen diesen Urnständen gesellt sich noch die schamlose revisionistische Propaganda, die mit Ausdauer, System und Talent geführt wird, in deren' Dienst eine große, einflußreiche (offiziell nicht revisionistische) Presse in den Ländern der Diaspora steht und gestützt wird von einer genügend starken Jugendorganisation, die bis ins Innerste ihrer Seel'öi Wo ist die zionistische Organisation? Diese Frage stellt der „Dawar", die Tageszeitung der jüdischen Arbeiterschaft in Palästina, angesichts der Untätigkeit für die Ansiedtung der deutschen Juden in Palästina. „Seit vier Monaten herrscht Hitler in Deutschland — heißt es dort — der Vernichtungskampf gegen die Juden wird ununterbrochen fortgesetzt, die Hoffnung, daß die Großmächte Hitler an der Fortführung dieses Kampfes behindern werden, und daß Hitler dem Drucke der Weltmächte nachgeben wird — Wunschiträume der Juden in jeder schweren Zeit — sind zunichte geworden, Und was haben wir im Laufe: dieser Zeit zustandegebracht? Was außer Demonstrationen und Reden? Ist irgendwo ein echter Wille, eine ernste Absieht zu Taten wahzunehmen? Verfügen wir zumindest gegenwärtig über eine einige Leitung, die den Massen vorangehen und sich auf die Aufgabe konzentrieren soll: die Katastrophe des deutschen Judentums in eine mächtige Stoßikraft für den Palästinaaufbau umzuwandeln? Es sind einige kleine Versuche unternommen worden. .Wir haben Kenntnis von einer Verständigung über einen Arbeitsplan zwischen Weizmann und Rutenberg. Aber sie sollte ja nur der Auftakt zu einer großen Arbeit sein, esgeschah aber weiter nichts. Inzwischen aber tauchen wieder verschiedene Notabein auf und ,die Bürokratie des „Joint" sieht eine Gelegenheit, die Entscheidung an sich zu reißen."