Der Jüdische Arbeiter
- Journal
- Der Jüdische Arbeiter
- Volume
- 10 (1933)
- Issue
- Heft 10 (10.3.1933)
- Date
- 1933-03-10
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Erscheint jeden Freiten Organ fler fereinlgleo zlonisliscb sozl^ Redaktion und Administration: Wien IL, Blumau^ergasse l —. Postscheckkonto lln\7&7Q > r Tschechosl. Redaktion: Brünn, KeliSt* 19, Tel. 36.390, Pwtscfieckköfrto Brünn Nr. IÖ0J45 Bezugspreis: ganzjährig S 12—, halbjShria j tinz^lne Nüftirtier 30 Öroscften "»■■■IM I 10. Jahrgang Wien, 10. März 1933 Nr. 10 jm«*** mtler-Papen nnd die Judin •M.e.A r ai s ei n e Fo r,m alität ist es, wenn wir uns denen anschließen, die den Geburtstag des Präsidenten der Republik feiern. T.G. Musaryk — in dieser Welt» an deren Horizont sich die Konturen neuartiger Entwicktungen, nationaler und sozialer Ereignisse gestalten, wirkt dieser Mann und sein Werk, scheint es, wie ein Anachronismus: Einer der produktivsten Gestalter der Demokratie wird an seinem, Lebensabend Zeuge ihres Unterganges. Sind die Gegenkräfte stärker gewesen? Ist Absolutismus und ' seine modernere Form, Faszismus, dem Leben der Völker von heute entsprechender?. Es würde über den Rahmen dieser Betrachtung hinausgehen, wollte man beweisen, daß Demokratien zusammenbrechen mußten, weil die sozialen Kräfte dies erzwangen. Konnte das demokratische Regime eine soziale Ordnung, eine sozialistische Gesellschaft herbeiführen? Ist es überhaupt denkbar, daß Demokratie verwirklicht wird, ohne daß Sozialismus Wirklichkeit ist? Faszismus, Antidemokrätie, ist ein Produkt der untergehenden kapitalistischen Klasse, die mit allen Mitteln der Unterdrückung und Ausbeutung, mit Krieg und Verbreitung von nationalem Haß ihre letzten Positionen zu retten versucht. Demokratie und. Kapitalismus ■ schließen einander aus. Masaryks Stellung zürn Sozialismus, zum historischen Materialismus, ist gut bekannt. Er war (selbst Kind der Arbeiterklasse) zeitlebens ein ivarmer Freund der Arbeiterschaft. Und auch die Million Arbeitsloser darf uns nicht daran vergessen lassen, daß in diesem Staate die Arbeiterklasse noch mitentscheiden kann und frei und stolz ihr Werk für Staat und Gesellschaft tun: In diesem Geiste wirkte der Mann, für den ivir, als Juden und als Sozialisten, die tiefste Ehrfurcht hegen. Juden und soziale Fürsorge. Von den 14 Millionen Seelen in unserem Staate sind nur etwa 400.000 Juden. Das ist ein kleiner Bruchteil. Man kann für dieses Häufchen Menschen keine Massenpolitik machen und keine Massenforderungen aufstellen. Heute ivollcn wir aber auf einen Umstand hinweisen, der einer Betrachtung wert ist: Während Tschechen, Deutsche und alle anderen Minderheiten ihre sozialen Fürsorgen haben, die meist durch zentrale Organisationen repräsentiert werden, und während sie für diese Fürsorgezwecke beträchtliche Staatshilfen aus dem Budget erhalten, gibt es weder eine jüdische soziale Fürsorge, noch eine Budgetpost hiefür. Lokale oder gelegentliche Zuwendungen werden vom Ministerium wohl gemacht (so für Karpathorußland, für private Vereine in Prag und Brünn), aber es fehlt jene anerkannte zentrale Körperschaft, die, wie z. B. die Sociälni pece, sich mit der Arbeit führend befaßt. Muß gesagt werden, daß die Schaffung dieser ganzstaatlichen Organisation eine Forderung des Tages' ist? Das Elend wächst unter den Juden aller Länder, Gesundheitszustand,- Wohnungsbedtingungen, Ein* kommenverhältnisse . zehntausender Juden in der Slowakei und natürlich Kar* pathorußland sind wert, betrachtet zu werden. Ferner: Bettel und Binnenwan* derung, die Not der Jugend und die vielen 7 ünhygienvschen Schulen und „Schulend in den. östlichen Ländern! Goering beruht« das Ausland - Timrlnglsche Regierung will „mmdrassige- und .rremasifimmige" schlitzen -Gleichzeitig Aullösung des e. V. Die Ita inteirptetieirt dtte geschaffene Lage in fo%endetrn> Stimmsungshild1, jmit 'dessen Tendenz wir ums nattulicib nicht decken: „£ine Retgiemng, die üben4 eine sdatoere Miehrheit in den Parlaiaeniten beifügt, kann ihre Ziele auf legalem! Wege durchfuhren» xtnd darauf verzichten, sich den Weg erst dSiurcih rücksichtsloses: Niedlerringen der Andersgesinnten freizumachen. Es ist bekannt, daß dais Programm der NSDAP:, antisemitisch untermalt ist. Man kann sich aber schwer denken, dlaiß die Regierung Hitler, diie* auch, heute noch auf die Mitarbeit außerhalb'. der NSDAP .stehender Kräfte nicht verzichten kann,, das nun schon mehrere Jahre alte Parteiprogramm' der NSDAP, zur Regieaningsmaxime erheben wird, um so mehr, als Kanzler Adolf Hitler fast in allen sieinen jüngsten Wahlreden, dargelegt, hat, . daß ■ eine Regierung nicht, nach einem-papiemen Programni arbeiten . Könne., Dies haben auch ,vie]e Unterführer der NSDAP.' betont. Die Regierung Hitler hat dem Volke Große® versprochen .und das: Volk erwartet Großes von ihr (?.?). Will nun die Regierung daran gehen, die Nöte .des Volkes' zu lindern, so wird sie wohl nieiht gleichzeitig Front machen wollen gesren wertvolle. im1 Staats-, Kultur- und Wirt-, settiaftsaufbau loyal mitarbeitende Kräfte;, wie sie die Juden in Deutschland darstellen; denn eine solche, nur negative Politik würde störend auf den Gang der Ereignisse einwirken und den Aufbau hemmen." Reichsminister Goedng sagte .vor kurzem zii dem ihn ausfragenden Sonderkorrespondenten der Stoekholmier- „Svenska Dagbladet": „Wenn sich die1 Juden loyal verhalten und ihren Geschäften nachgehen, hat niemand etwas zu befürchten. Aber wir wollen sie nicht in d'er Leitung des. Reiches habem und werden sie dort nicht tolerieren.'' Auch von anderer hoher amtlicher nationalsozialistischer Stelle sollen beruhigende Erklärungen nach dieser Richtung hin abgeV geben worden sein. Es ist beizeichnehd, daß cter „Völkische Beobachter" sich über im Ausland lcua-sierende Gerüchte betreffend Pogromdrohung in Deutschland empört geäußert und erklärt hat, es siei für derartige Behauptungen „auch nicht, der Schatten eines Beweises vorhanden". Die-Thüringische Regierung hat ebenfalls zu' den im Ausland kursierenden Gerüchten von geplanten Pogromen erklärt, es handle sich „um eine Verleumdung des' deutschen Volkes", die Thüringische Regierung werde für den Schutz aller „Fremdrassigen'' und „Frerridstämmigen" sorgen. Freilich fügt die Thüringischlei Regierung in dem gleichen Zusammenhang hinzu, sie habe sich durch diese Auslandsgerüchte veranlaßt gesehen, mit Wirkung vom Snntag Mittag d enZentral-Verein deutscher Staatsbürger-jüdischen Glaubens in Thüringen aufzulösen und seine Schriften' «zu beschlagnahmen. Begründet wird ctoer Schritt damit, diaiß es der „Tätigkeit dieses Vereines zuzuschreiben sei, wenn das3 nationale Deutschland in einer unvefantwortlioheta taimMdiißtischen: Weise in die* AuslaudSipiresse herabgesetzt worden sei"* So schreibt eine Reglerungspresse! In der für den Wahltag bestimmten Nummer zitiert der „Angriff" das Buch eines obskuren Russen „Der Blutrausch ides Bolschewismus". Da heißt es unter, der Zwischenüberschrift „J üdis che Hetären rasen": ,;Oft .stillten Jüdische Weiber bei dieser Gelegenheit noch ihre sadistische Lust an diesen Opfern, indem sie an den bewegungslosen Körpern ihre Grausamkeiten vornahmen und den Gipfel ihres Vergnügens dabei am Ausstechen der Augen. fanden.*l_„, ......... •Unter der Zwischenüberschrift „j üdische Lustmord e r a Irs Henkerf heißt es dann weiter: ,;Wer wütete denn eigentlich in den besagten Schreckenhäusern, und wer waren die zahlreichen Lustmörder, Sadisten und Verbrecher, die ihre ruchlosen Taten so ungestraft verüben konnten und sich Kommissare eines Volkes nannten? Ihre Namen sind uns bekannt... Danach sind es 50 v. H. Juden, die ihre jüdischen Namen angaben, 25 v. H. Juden, die nach dem Vorbild der Mitglieder des Rates der „Volkskommissare" ihre jüdischen Namen zu verheimlichen suchten und erfundene russische angaben. Von der Gesamtzahl waren 20 v. H. Frauen, mit Ausnahme einiger Lettinnen, alles Jüdinnen. Die „Vossische Zeitung" vom ,Sonntag zitiert den „Völkischen Beobachter«, der schreibt, es sei für die ausländischen Behauptungen „auch nicht der Schatten eines Beweises vorhanden", und erklärt mit Bezug auf das obenstehende „Material", des „Angriff": „Eine Wiedergabe dieser aufreizenden Schilderungen, die auch nicht mit dem Versuch eines Beweises versehen sind, ist nötig, um von vornherein die Verantwortlichkeiten festzuhalten, f wenn gegen den Willen der nationalsozialistischen Minister (?) etwa unverantwortliche Ausschreitungen geschehen." April 1933: Eisenbahnlinie Haifa- Bagdad. Arabische Zeitungen teilen auf Grund zuverlässiger Informationen mit, daß im April 1933 mit dem Bau der -Eisenbahnlinie Haifa—Bagdad definitiv begonnen werden wird. Die Eisenbahnlinie wird nach ihrer Fertigstellung viele Möglichkeiten für Palästina eröffnen, Haifa wird, dann das Zentrum' des Nahen und Mittleren Ostens werden. Bei, 'den Bauarbeiten werden Tausende Arbeiter Beschäftigung^ finden, -Erbauer der Eisenbahn ist die englische Regierung, Eine Fülle an WirkungsmöglichkeU jüdische Fürsorge in gerechter Weise ten. Wie alle anderen Minderheiten, berücksichtigt, ivird: Hier gibt es ein wie das .Staatsvolk, wollen auch wir undankenswertes Gebiet für Politiker und seren Anteil am Budget, wollen, daß die, SozialarbeiterU',. . ------ Däs mm Ghetto Die Rahlen in Deutschland Jaafoen1 ä das; ist in diesen. Tagen schon vielfach festgestellt , worden : keine ü\mtr rasohungen gebracht Die gieeintö ReaftStion ist gefestigter denn je;- 4& $ie <Sioh auf iTiOÖO.OOO Deutsche stützt. Viele vtom ihnem haben aich .aus Marigel an Brot einem Überschwang der* Gefuhlö'hin^^'- ben. 'Diese Zahl und 'diese MehrMt wirkt auch auf den erschütternd, der ni'dhts anderes erwartete. Aber es verdient ßeaöhtung, daß .die deutsche Sozialdemokratie ihren Stimmenstand von 7,000.000 wahren konnte und auch-die Kommunisten mehr oder weniger mit heiler Haut davongekommen sind. Die Ziffern zeigen^ 'daß. Mittelstand und deklassiertes Bürgertum ^mit wehenden Fahnen hinter .die. Regierung-Hitler tritt1., während die , klassenbewußte Arbeiterschaft den Kopf oben behalten hat. .Und dies trotz dreier * Faktoren, die in .dien letzten Jahren den Kampf -des deutschen Arbeiters gekennzeichnet haben: ' .Die Toleriei-ungspolitik der S. P. D., die WMcUchlteitsfremdheit-der K. P. D« und!' der-, hartnäckige 3ruderkampf, .in.^'dem die Träger der beiden .Arbeiterbewegungm*sich^eiMsseiE"Ung^sch.wächt ■ istjdfer deutsche Arbeiten' aus-dem Fegefeuer hervorgegangenen, das seine Feinde und' sieine Führer ihm bereitet haben. Mit aufgiedsBenen Augen sieht er die Ereignisse ans "merkt, daß es verschiedene Methoden gibt, zu regieren und ballt die Fäuste. Diese Epoche wird ihm in bitterer Erinnerung bleiben, aber sie wird auch eine fnuchtbiare Lehre sein. e ■ . j ' * ■. . . ' Die Lage der Juden im'Reich ist noch! durchaus ungeklärt. Vor den ' Wahlen glaubte man, Hitler habe noch nicht die Zeit gefunden, dien Antisemitismus .-seines Programmesi zu verwirklichen, oder er habe einen Teil seiner antisemitischen Haßkomplexei in der Kommunistenverfol - gung und in der «politischen;■ Inquisition abreagiert. Der Pogrom war fällig,—••der Wechsel konnte jeden Tag eingelöst wer-' den! Nur ein paar Einsame'aus dem C. V. betonten.' um ihre Besorgnis zu üb er- .tönen, unentwegt die Verbundenheit des jüdischen Deutschen mit dditscher ■ Kultur. Welche Tragödie übrisrens, daß 'gerade diesen C. V. die Willkür des antisemitischen Faszismus. zuvörderst traf! Daß er aufgelöst wurde, trotz aller Apologie verdächtig, verdächtig (man höre!) eine Hilfsorganisation der K. P. D. zu sein! (Siehe „Angr i f f" vom 4. III.) Wir beurteilen diesen Akt nicht anders,- als. rdiej vielen hundert Vorfälle ähnlicher-Art in den letzten Wochen. Willkür, .-planmäßig und doch wieder wahllos,' weil die Objekte zu zahlreich sind, zerschlug hier ein Gebilde, das politisch bedeutungslos ist und dessen Träger bereit gewesen wä* ren, gegen ein paar Erklärungen auch diese Regierung hinzunehmien,- * dieses „positive Deutschtum" zu unterstützen iindi der Reaktion „fair play", zu gelben. Es wird interessant sein au, beobachten, welche Folgen dieses Ereignis für die deutsch-jüdische Assimilation haben wird; ob aus der Erschütterung, die erstand, die Erkennnis der Wirklichkeit - wachsen wird, die da heißt:. Man kann ebenso wenig zwischen den Natipnen horumliuigern, wie zwischen den K^as,- sen1. Man muß die Kraft haben, sich' M entscheiden,*. , * f '/ Die Judenpolitik der- "ßegierungi |at