Der Jüdische Arbeiter
- Journal
- Der Jüdische Arbeiter
- Volume
- 10 (1933)
- Issue
- Heft 9 (3.3.1933)
- Date
- 1933-03-03
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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V« b b« Erscheint jeden Freitag DER JÜDISCHE ARBEITER Organ m Vereinigten zfontsttscft-^^ in Österreich Redaktion und Administration: Wien II., Blumauergasse I Postscheckkonto Nr. 17.878 Tschechosh Redaktion: Brünn, KoliätS 19, Tel. 35.398, Postscheckkonto Brünn Nr. 100.145 Bezugspreis: ganzjährig S 12—, halbjährig S 6-— Einzelne Nummer 30 Broschen 10. Jahrgang Wien, 3. März 1933 Nr. 9 Symbolisches Feuer. NaSuTljfo glffllM Oll fllC DCmOlffattC Der Brand im Berliner Reichstagsge bäude hat die Situation in Deutschland greller beleuchtet, als tausend von noch so phrasenhaften Rundfunkreden, rachsüchtigen Erlässen der wildgewordenen Nationalsozialisten es können. Das Märchen, die Urheber des Brandes seien von der KPD angestiftet worden, das Feuer selbst hätte ein Fanal für die beginnende Revolution sein sollen, ist naiv. Wenn ein provokatorischer Akt vorliegt, dann kann, versteht sich, nur der Natinalsozialismus für die Paternität in Frage kommen. Es ist nicht einzusehen, warum Kommunisten, seit Wochen in allen Ländern des Reiches aufs Schwerste verfolgt, gerade dieses Mittel gewählt hätten, ihre Anhänger auf den Beginn der Revolution aufmerksam zu machen, für die, wie die bürgerlichen Blätter ihren bebenden Lesern erzählen, schon -ein haargenau ausgearbeiteter Plan vorlag. Dagegen spricht schon mehr für eine nationalsozialistische Urheberschaft an der Brandkatastrophe des Montag, mit der ein leuchtendes Signal faszistischer Methoden in die europäische Welt gegeben wurde. Logischer als die Anwürfe gegen die Kommunisten, die im Brustton der Überzeugung von amtlichen Nachrichtenbüros verbreitet werden, während es sich zunächst doch bestenfalls um Indizien handeln kann, die politische Konsequenzen entfesseln sollen, ist die Vermutung: Die „nationale Front" (hat sie ein Geheimnis daraus gemacht, daß sie sich den Teufel um den Ausgang der Wahlen scheren und auf. alle Fälle ihre Regierungssitze behalten wird?) hat zum entscheidenden Schlag gegen die „marxistischen" Parteien ausgeholt. Das Leichenfeld der sozialistischen Presse, der gesprengten und gesperrten Versammlungen, der Terror der uniformierten Banden, die nun Polizeitracht tragen — das alles genügt nicht. Noch fühlen sich die Herren unsicher. Sie wissen, daß ihre Macht auf Sand erbaut ist, auf der Phrase, auf dem nationalen Rausch, und sie haben verdammt viel Angst vor dem nüchternen Morgen, das Aufgaben bringen, Forderungen stellen und den Zusammenbruch der geblähten Heldenbrüste erzwingen wird. Der Fortschritt, der heute nur durch das Arbeiterlager repräsentiert wird, muß endgültig zerstört werden. Welch' ein einfaches Rezept: 5 Tage vor den Wahlen, am Ende eines geknebelten Wahlkamnfs, in dem dem Arbeiter nicht verstattet wurde, sein Leid in die Welt zu rufen, ein Fausthieb in die letzten Positionen: Die Führer verhaften, die Presse plattdrücken — der Sieg wird unser sein! Das Ausland weiß die Ereignisse richtig einzuschätzen. Die Wahlen vom 5. März sind e i n e F a r c e. Die faszistische Diktatur ist etabliert. Die Zahl Prag, 23. Februar (J. T. A.). Der Präsident der tschechoslowakischen Republik, Thomas G. Masaryk, empfing in diesen Tagen Rabbi Äbba Hillel Silver aus Cleveland in den Vereinigten Staaten und brachte im Verlauf des Gesprächs seinen unerschütterlichen Glauben an Wört und Zukunft der Demokratie zürn Ausdruck. Auf den Hinweis Rabbi Silvers, daß die Idee des Diktaturstaates in sp vielen europäischen Ländern an Boden gewinne und daß nun in Deutschland Hitler doch zut Macht gekommen ist, erwiderte Präsident Masaryk, wohl mache die Demokratie gegenwärtig eine Krisis durch, aber diese Krisis führe nicht zu Niedergang, sondern zu Erneuerung. Die Demokratie ist als Staatsform noch jung, aber sie hat sich bewährt, und trotz rückläufiger Bewegungen hat die Menschheit nichts, das S!ie an ihre Stelle setzen kann/Doch soll die Demokratie nicht eine kapitalistisch-individualistische, sondern eine geistige Grundhaltung haben. Das Gespräch wendete sich —dann- Palästina zu. Präsident Masaryk zeigte sich für die Fortschritte des Palästinawerks sehr interessiert und stellte sehr viele Fragen über die neue Entwicklung, in Palästina. Er schilderte seine Erlebnisse bei seinem Besuch in Palästina, als Lord Plumer High Commissioner war, und war erfreut zu hören, daß Palästina heute eines der wenigen Länder ist, die ein normales Wirtschaftsleben haben und von der Weltkrise verschont sind. Er war besonders beeindruckt von der Tatsache, daß die jüngere jüdische Generation sich besonders stark vom zionistischen Ideal inspirieren läßt, und gab der Meinung Ausdruck, daß Kenntnis der arabischen Sprache seitens der Juden Palästinas helfen würde, einen besseren Kontakt — in wirtschaftlicher wie in geistiger Beziehung — zwischen Juden und Arabern zu schaffen. AiDeltermangel in Palästina Jerusalem, 23. Februar. Von der Allgemeinen Palästinensischen Arbeiterföderation (Histadruth) wird mitgeteilt, daß gegenwärtig im ganzen Lande ein akuter Mangel an jüdischen Arbeiterhänden herrscht; die Histadruth hat an die Palästina-Ämter im Auslande appelliert, sofort alle Juden, für die Einwanderungszertifikate ausgegeben wurden, tür die Reise nach Palästina auszurüsten. In den letzten Tagen haben jüdische Kolonien von der Histadruth 1400 Arbeiter beansprucht, die die Histadruth nicht beizustellen in der Lage ^ar. Die Nachfrage nach jüdischen Arbeitern hat jetzt steigende Tendenz, so daß die Gefahr besteht, daß die jüdischen Unternehmer,' falls ihnen nicht sofort jüdische Arbeiter zur Verfügung stehen, anläßlich des Beginns der Pflanzungssaison nichtjüdische ' Arbeiter einstellen werden. Histadruth mobilisiert alle neueingetroffenen Chaluzim für Söfortarbeit, um halbwegs der Situation gerecht werden zu können. ..Arabischer Nationalfonds" registriert Jerusalem, 21. Februar (J. T. A.). Die Statuten des „Arabischen Nationalfonds", der als Gegenstück zum Jüdischen Nationalfonds begründet worden ist, sind soeben von def Palästina- Regierung legalisiert worden. Die Arabische Exekutive hat an alle moslemitischen Könige, Emire, Prinzen und Notabein Zirkulare und Briefe versandt, in denen diese ersucht werden, Aktien des Arabischen Nationalfonds zu erwerben, damit der Übergang arabischen Bodens an Juden hintangehalten werden könne (an welchem eben jene Natabeln das größte Interesse haben. Anm. d. Red.). Prahmehe GashaushalfgeriHe erhältlich bei allen Installateuren Wiens und bei den Wiener städtischen Gaswerken Ständige Ausstellungen: VIII. Josefstädterstraße 10 XII..Theresienbadgasse 3 , XX. Denisgasse 39 8 bis 18 Uhr der großen Demokratien Europas hat sich verringert — die Kriegsgefahr ist gestiegen. In "'dieser Entwicklung" ist der Kampf der Arbeiterklasse entscheidend für Leben und Tod nicht nur der von ihr vertretenen sozialen Schichte, sondern weitmehr für die Kultur und den Geist des Kontinents, auf dem wir unser Leben nicht unter einer Welle dividendentragender Giftgase beenden wollen. Der, Sozialismus des 20. Jahrhunderts ist in einen neuen Abschnitt eingetreten. Die Methoden des Gestern scheinen veraltet — die Reden mancher Arbeiterführer lesen sich wie Traktate aus einer längst vergangenen Epoche geruhiger Auseinandersetzung. Der Reichstagsbrand ist ein tief symbolisches Feuer, das mitten ins Herz jedes Europäers hineinbrennt. Die deutsche Arbeiterschaft kann mit noch so gut erklügelten Mätzchen nicht unterdrückt werden. Ihre Stimme ist geschwächt. Aber die Zeit ist nicht fern, in der sie in der Gemeinschaft der arbeitenden Völker wieder stark tönen wird. In dieser Stunde empfinden wilden Brand von Berlin als das starke Feuer, das zum Rütlischwur der Einheit mahnt. Hirtenberg und die Folgen Es ist eine Lust° zu leben. Im neunzehnten Jahre nach Ausbruch des Weltkrieges, im fünfzehnten nach seiner Beendigung lebt die Menschheit in einer Atmosphäre, die sich aber schon durch gar nichts von der des Jahres 1914 unterscheidet. Blutiger Krieg tobt im fernen Osten, weit genug von Europa, um den Durchschnittsbürgern unseres Kontinents dieses entsetzliche Blutbad als ein ihn kaum berührendes Ereignis' erscheinen zu lassen. Das Gesetz der Perspektive beherrscht auch das soziale Leben. Und Europa selbst? Alliancej Bündnis, Kriegsgefahr, das sind die häufigsten Vokabeln der' politischen Sprache der Gegenwart. Kolonialpolitische Gegensätzlichkeiten ' zwischen Frankreich und Italien, wirtschaftliche Interessenverflechtung der demokratischen Weststaaten mit den slavischen Nachfolgestaaten, die wachsende Gefahr des neudeutschen Imperialismus, die Wahlverwandtschaft der faschistischen Staaten, die ' zur Aufrechterhaltung ihrer innenpolitischen Herrschaftssysteme, sich außenpolitisch vorbinden, diese und andere Faktoren haben es bewirkt, daß Europa heute ebenso wie im Jahre des Unheils 1914 in zwei Lager zerfällt, die einander mißtrauisch, ja feindlich gegenüberstehen. Das von der Geschichte tausendfach widerlegte Prinzip, wonach Rüstung, die beste "KriegsVorbeugung sei, ist zu neuem Leben auferstanden; Gute Tage sind für das Rüstungskapital angebrochen, in der Zeit, da der Kapitalismus die Genossen! Der Kampf beginnt! FÜR EIKE STARKE SOZIALISTISCHE FRONT AM XVIII. ZIOiMSTE\KOXGRESS! Herein in die Schekelaktion!