Der Jüdische Arbeiter
- Journal
- Der Jüdische Arbeiter
- Volume
- 10 (1933)
- Issue
- Heft 6 (10.2.1933)
- Date
- 1933-02-10
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Seite 6 DER JÜDISCHE ARBEITER 10. Februar 1933 n. Hollmann (Prag) Das WirtschaftsproDlem «<* wesijudentums Wir veröffentlichen heute und in den folgenden 2wei Ausgaben die sehr interessante Analyse der ökonomischen Lage des Westjuden- * . . . . tumS{.. „aus der Feder unsere^ Mitarbeiters.- Während si6h der'"vorliegende Aufsatz mit der - Entwicklung der gegenwärtigen Wirtsohafspositjon der Westjudenheit befaßt, wird^jn iwei weiteren Artikeln .«Das West Judentum hri Spätkapitalismus"/ und .,Die Zukunft des Westjudentums^ behandelt werden. Noch vor kurzer Zeit war die Überzeugung ziemlich allgemein, daß in Westeuropa zwar eine moralische und politische, aber keine ökonomische Judenfrage existiere. Bs gab im wilhelminischen Deutschland; einen gesellschaftlichen Antisemitisimius, aber, die ökonomische Position der Juden war gesichert. Konnte man denn daran zweifeln, daß ihre ökonomische Eingüederung und Assimilierung schließlich auch die volle gesellschaftliche Gleichberechtigung nach sich ziehen werde? Die gesellschaftliche Judenrrage war doch nur ein Überbleibsel des alten feudalen Denkens undEmp- findens. Aber das wirtschaftliche Antlitz Deutschlands war. längst nicht mehr vom Feudalismus, sondern vom Kapita? lismus geformt. Di© politische Macht der Aristokratie^ die sich auch im Weiterleben feudaler Gedankengänge äußerte, war doch nur ein toter. Ring, der dien lebendigen Baum des deutschen Bürgertums umspannte. Konnte denn ein Zweifel darüber bestehen, daß die Lebenskräfte dieses Baum.es schließlich den Ring sprengein. daß alte überlebt© Gedankengänge schließlich in die Rumpelkammer des Geistes geworfen werden müssen? So schien es sicher, d'aß. die ökonomische Asisimilierung der West- juden über kurz odtetr lang auch die letzten Schranken ihrer allseitigen nationalen Assimilation beseitigen müsse, und diese Überzeugung verstärkte sich, als mit dier Schaffung der Republik! die alten feudalen. Rechte verschwanden. Worauf beruhte der große ökonomische Aufstieg der Westjuden im Gegensatz zur; fortschreitenden Verelendung der Ostindien? Im Westen wie im Osten waren die Juden schon Träger der G e 1 d w ir t s c h a.f t gewesen, als rings um sie noch die Natural Wirtschaft herrschte. Auf dieser ihrer Ökonomisehen Sonderstellung beruhte ihre nationale Existenz, durch sie unterschieden sie sich von den anderen Völkern. Als nun der Kapitalismus zum beherrschm1 dcn Prinzip der Wirtschaft wurde, ging diese Unterscheidung verloren. „Die Christen sind zu Juden geworden," sagt Marx. Aber uns interessiert hier nicht so sehr das Schicksal der Christen als das der Juden. Kann man diesen Satz auch umkehren, sind nun die Bedingungen für. eine Verschmelzung der Juden mit den Christen gegeben? Marx bejahte diese Frage und das ist verständlich, denn er kannte nur das Westjudentüm. Für das Ostjudentum galt die Umkehnuig dieses Satzes jedenfalls nicht. Wir wissen, daß mit dem Eindringen des Kapitalismus in die nissische und polnische, Wirtschaft die Lage der Juden immer prekärer wurde, daß sie immer mehr aus ihren früheren ökonomischen Positionen verdrängt wurden, ohne im gleichieft Ausmaß neue zu gewinnen, daß mit dem Wachstum des Kapitalismus im Osten auch die Zahl der jüdischen Luftmensehen wächst. . •;', Der entscheidende Unterschied zwh sehen Ost- und West Judentum betrifff vor allem zwei Punkte: die verschiedene Dichte der jüdisch en Siedlung einerseits, das T e m p o d e r k apitalistischeh Entwic klu ng andererseits. Um das Jahr 1900 machten' die 'Juden in Kongreßpolen 14%,' im übrigen Ansiedlungsrayon 11*1%, in Deutschland aber nur 1% der Bevölke-! rung aus. Aus der größeren Dichte inr Osteuropa ergab sich auch eine größere soziale Differenzierung; Juden waren hier nicht nur Händler, ein immer größe-, rer Teil wurde zu Handwerkern, die; Händler aber waren zum großen Teil; kleine Krämer. Das heißt, daß der Groß-! teil der Ost juden nicht eigentlich moderne kapitalistische Wirts chaftsfunktionen versah, sondern gegenüber dem Kapitalismus, veraltete, von ihm bedrohte. Positionen innehatte. Der Kapitalismus hätte im Osten einer viel größeren An- \ zahl von Juden Existenzmöglichkeiteii, bieten müssen als im Westen. Aber ge-- rade-im Osten verlief die kapitalistische Entwicklung viel langsamer. Wohl zer--' störte der Import billiger Industriewaren aus "dem Westen "sehr rasch die alte WirtschaXtsverfassung und .setzte dadurch breite Massen frei. Aber der zerstörenden Wirkung des . Kapitalismus ' entsprach hier nicht im gleichen Maße, seine aufbauende, die Enstehung einer neuen Industrie, denn die westlichen Kapitalisten wollten ja ihre Waren ah-, setzen. Soweit aber eine eigene Industrie1 entsteht, entsteht sie nicht aus den heimischen Kräften, entwickelt sie sich nicht organisch aus Handwerk unid Manufaktur, sondern sie entsteht dluirch Kapitalimport aus dem Westen und beginnt darum sofort mit dem modernen Groß- Wieder einmal Pläne... 25.000 Inden sollen nach Biro-Bidschan Moskau, 1. Februar (J. T. A.). $emäß Beschlusses des Zentralexekutivkomitees und der Volkskommissäre der Sowjetunion sollen 1933 25.000 Juden nach Biro-Bidschan gebracht werden, vi. z\v auf folgende Wirtschaftszweige Verteilt: Landkollektiven 2100, Randstädtische Kollektiven 1200, Gewerbekollek^ tiven 1880, Staatsindüstrie 5900, Transportwesen 1900, Staatliche Landwirtschaftsunternehmungen 2300, Kommunale. Wirtschaften 2900, Gewerbekooperationen 2000. " - Die Heranbringung der Neusiedler nach Biro-Bidschan hat bereits begonnen; Im ersten Jahresviertel sollen nur 15 00 Personen seßhaft gemacht werden. (?) Viel Gewicht wird darauf gelegt, genügend fachlich' ausgebildete Arbeiter in das Land zu bringen. Arbeitsuntaugliche Elemente werden zurückgeschickt. Beginn des Palesline campelgn in Amerika New York, 1. Februar (J. T. A.). Mit einer im Hotel Astor zu New York abgehaltenen feierlichen Sitzung, an der 500 im öffentlichen Leben stehende Juden aus allen Teilen der Vereinigten Staaten teilnahmen, wurde der diesjährige Palestine Campaign eröffnet. Zum Vorsitzenden des Direktorenrates des Campaign wurde der frühere Präsident der Zionistischen Organisation Amerikas und früheres Mitglied der Zionistischen Executive Louis Lipsky gewählt. Begrüßungstelegramme von Gouverneur Lehman, dem Präsidenten der Jewish Agency Nahum Sokolow und Dr. Chaim Weizmann wurden unter dem begeisterten Beifall der Anwesenden verlesen. Louis Lipsky teilte mit, daß im Verlauf des. Jahres 1932 in Amerika für die Institution der Jewish Agenev 574.000 Dollar aufgebracht wurden, davon sammelte allein die Hadassah 206.000 Dollar. Über den Aufbau Palästinas und die Rolle des Keren Hajessod in diesem Aufbau sprachen dann u. a. Felix M. Warburg und Dr. Cyrus Adler. Kein rrouenwahirecht in Palästina Jerusalem, : 31. Januar. (J.T.A.) Hier verlautet, daß die neue Verordnung über die Munizipalitäten in Palästina den Fraueh weder das aktive noch das passive Wahlrecht zuerkennt, sondern stattdessen dem High Oommissioner die Entscheidung darüber läßt, ob Frauen wählen oder gewählt werden dürfen. Gegenwärtig haben die jüdischen Frauen im Gegensatz zu den arabischen Frauen in den jüdischen Zentren Palästinas sowohl aktives wie passives Wahlrecht. In mehreren solchen Zentren, besonders in Tel Aviv, bekleiden Frauen wichtige städtische Ämter, besonders die Ämter für vKinderfürsorge, soziale Fürsorge und Unterricht. Unter den .jüdischen Frauen Palästinas entstand im Znsammenhang mit diesen Mitteilungen eine starke Beunruhigung; es wird eine energische Kampagne für Wahrung der politischen Rechte der Frauen eingeleitet, die vom gesamten Jischuw gefördert wird. betrieb, der verhältnismäßig wenig Arbeiter benötigt. Darum gab es im Osten eine chronische Übervölker u n g. darum war der Kampf um den Arbeitsplatz viel schärfer als im Westen. Gnundsätzlich anders war die Situation der Westjuden. An sich ist die Einordnung von nur einem Prozent der Bevölkerung viel leichter, yor,,, allem1 aber war in Westeuropa der wirtschaftliche Aufschwung ganz gewaltig, und an. diesem. Aufschwung nahmen die Juden in hervorragendem Maße teil. Allerdings ging auch im Westen ein Verdräng un gsprozeß der Juden vor sich. Zu Beginn des 19. Jahrhunderts 'waren die Juden Deutschlands ähnlich 'wie die Polens über die Kleinstädte verstreut, waren Händler, Schankwirte, in den östlichen Provinzen vielfach auch Handwerker. Diese Positionen wurden 1 Diese Frage, gewinnt insofern immer mehr an Aktualität, als die Zahl ider verheirateten Arbeiterinnen dauernd steigt, so z. B. stieg sie in Deutschland von 1907 bis 1925 um 1-145 Millionen, 1925 stieg sie auf 3,645.326 (oder 28-7%/der Gesamtzahl der verheirateten Fraue\), wovon S34.831 in abhängiger Stellung und von diesen 708.061 in der Fabrik arbeiteten. Gegenwärtig ist die Zahl der Fabriksarbeiterinnen wegen des allgemeinen Abbaus vielleicht geringer, das ist aber nur ejne vorübergehende Erscheinung. Die allgemeine Entwicklung geht dahin, daß die Frau immer mehr in die Fabriksarbeit hineingezogen wird und aus diesem Grunde gewinnt die Frage des Mutterschutzes für immer breitere Kreise an Aktualität. Sehr lehrreiche Untersuchungen über die Auswirkungen der Fabriksarbeit auf die Schwangerschaft, Geburt und Kinderaufzucht machten in letzter Zeit die Sozialhygieniker Teleky, Weickert, Gellep, Neumann und Beintker. Sie führten diese Untersuchungen unter den Arbeiterinnen im industriereichen Rheinland durch und. veröffentlichten die Ergebnisse in einem Buch unter dem Titel: Fabriksarbeit und Mutterschaft (Reimar Hobbing Verlag, Berlin). Die Untersuchungen wurden unter 2202 Frauen (die Hälfte von ihnen waren Textilarbeiterinnen) durchgeführt. Da. die Fragebogen in den Säuglingsfürsorgestellen vom Arzt, bezw. von den Fürsorgerinnen aufs genaueste ausgefüllt wurden, muß den daraus, gemachten Feststellungen besondere Bewertung beigemessen werden. Die erste Feststellung bezieht sich auf die schädliche Wirkung des Stehens während der Schwangerschaft. Starke Schwangerschaftsbeschwerden, langdauerndes Erbrechen (über den dritten Monat hinaus) und Krampfadern sind bei den stehend arbeitenden Frauen häufiger als bei anderen. Dagegen wird bei den Fabriksarbeiterinnen, die bis vor der Geburt stehend arbeiten, eine leichtere Entbindung festgestellt. Diese Tatsache ist jedoch nicht auf etwaige nützliche Körperveränderung» sondern vielmehr auf die Kleinheit der Geborenen zurückzuführen. Das geht auch daraus hervor, daß die Zahl der Kinder mit 2700 g Gewicht bei dieser Kategorie der Frauen doppelt so hoch war, als bei den nichtarbeitenden Fabriksarbeiterinnen oder Nichterwerbstätigen überhaupt, die Zahl der schweren Kinder, d. h. mit 3700 g Gewicht, ist bei den stehend arbeitenden Frauen nur halb so groß, als bei den Nichterwerbstätigen. Auch der Prozentsatz der Totgeburten war bei ihnen um 3% höher (8% statt der Durchschnittsprozentzahl 5). Nicht besser ist das Schieksal der Kinder der Fabriksarbeiterinnen. Da die Mütter oft noch vor Ablauf der gesetzlichen Schutzfrist die Arbeit wieder aufnehmen, bleibt der Säugling entweder überhaupt ganz von der Mutter getrennt, oder zumindest tagsüber, so daß eine sehr frühzeitige Beendigung der Stillzeit eintreten muß. Die Folge der mangelnden Pflege und der kürzeren Stilldauer ist die hohe Sterblichkeitsziffer dieser Säuglinge. Zur Beseitigung dieser Mängel stellen die Autoren mit Recht die Forderungen auf, daß der arbeitenden Frau eine längere Schutzfrist gewährt werden muß, ferner daß sie während der letzten ßehwangerschaftswochen die Unterstützung in der Höhe des vollen Verdienstes erhalten muß. Eine weitere Maßnahme, die im Interesse einer normalen und gesunden Kinderaufzucht notwendig ist, ist die, die arbeitende Frau nach der Entbindung möglichst lange von der Fabriksarbeit fernzuhalten, vor allem durch eine Verlängerung des Wochengeldes usw. Diese Forderungen sind bereits vor langer Zeit von den Gewerkschaften erhoben worden und enthalten daher nichts neues. Dennoch ist es von großer Richtigkeit, sie auch vom praktischen Sozialhygieniker wiederholt zu hören. Dr. S — Ko In der Tschechoslowakei wird die Schwangerschaftsunterstützung . durch die Krankenkassen 6 Wochen vor bis § Wochen nach erfolgter Geburt geleistet, allerdings nicht in der vollen Höhe des Wochenlohns. Dann erhalten die Wöchnerinnen eine Stillprämie. Daß die Maßnahmen sozial unzureichend sind, beweist die Tatsache, daß die Arbeiterinnen bis zum letzten Augenblick arbeiten. Man verzeichnet, insbesondere bei Industriearbeiterinnen, aus diesem Grunde zahlreiche Frühgeburten. 5s sind Bestrebungen von Seiten der sozialdemokratischen Parteien im Gange, die Zahlungsfristen für die Schwangerschaf tsünterstützung auf mindestens. 3 Monate vor der Geburt zu erstrecken. Die Redaktion. erschüttert. Das . „Judenwerden" der Christen führt auch hier dazu, daß der neue christliche Kaufmann sich gegen den jüdischen wendet, .und hier, wo der Kaufmann auf den persönlichen Verkehr mit den lokalen Kunden angewiesen ist, muß der Jude weichen. Das gleiche gilt für den jüdischen Handwerker. So verloren die Juden a-uch in: Westeuropa immer mehr ihre Existenzmöglichkeiten auf dem Lande, sie zogen in die Großstadt, nach. Berlin, Wien und Budapest. In Bierlin lebten im Jahre 1852 nur 11.835 Juden, im Jahre 1925 bereits 172.672. Die Großstadt bot ihnen gute Existenzmöglichkeiten. Hier fragt der Kunde'weniger danach, wem das Geschäft, ui dem' er einkauft, gehört; die Stadt trägt mehr anonymen Charakter. Überdies verlegten sich die Juden mehr auf den Großhandel. Dennoch äußerte sich die soziale Struktur der Juden beträchtlich. Das wird ersichtlich, wenn wir die Stellung im Beruf untersuchen. Von den im Handel und Gastgewerbe beschäftigten preußischen Juden waren iim Jahre 1852 noch 82% selbständig, im Jahre 1925 nur noch 53 %, von den in Industrie und Handwerk beschäftigten waren im Jahre 1852 noch 71%, im Jahre 1925 aber nur 41% selbständig. Die verschärfte Konkurrenz verdrängte also die Juden immer mehr aus dem sielbständir gen Handel und Handwerk, sie werden Angestellte. Aber diese Wandlungen entsprachen der allgemeinen Tendenz der w 1 r' t- - s chaf tliichen Entwicklung. Urbanisierung und Verbeamtung, die hervorragendsten Merkmale der jüdischen Wirtschaftsentwicklung, waren auch die charakteristischen Merkmale der westeuropäischen Wirtschaftsentwicklung überhaupt. Iii den neuen Positionen war die Situation der West-, juden eine durchaus günstige. Hatten sie im Kampf um den Absatz an Terrain verloren, sogalt das keineswegs vom Kampf um den Arbeitsplatz. Sie hatten sich ökonomisch eingeordnet und es mehiien sich die Stimmen, die den Untergang des westeuropäischen Judentums prophezeiten. Hiefür sprachen mehrere Gründe: / 1. Die Juden verloren immer mehr ihre wirtschaftliche Sonderstellung. Das heißt natürlich nicht, daß sie nun etwa eine normale Berufsstruktur aufgewiesen hat* ten, ihre, Berufspyramide ist vielmehr noch abnormaler als die der Ost juden,