Der Jüdische Arbeiter
- Journal
- Der Jüdische Arbeiter
- Volume
- 10 (1933)
- Issue
- Heft 6 (10.2.1933)
- Date
- 1933-02-10
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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V, b. b. Erscheint jeden Freitag Organ der Vereinigten zionistisch soziaiistiscnen Arhelierorganisaflon Poale Zlonnifachdnfh in Österreich Redaktion und Administration: Wien II., Blumaiiergasse I — Postscheckkonto Nr. 17.878 Tschechosl. Redaktion: Brünn, Koliätö 19, Tel* 36.398, Postscheckkonto Brünn Nr. 100.145 Bezugspreis: ganzjährig S 12—, halbjährig S 6*— Einzelne Nummer 30 Broschen 10. Jahrgang Wien, 10. Februar 1933 Nr. 6 Jüdischer Klassenkampf Jüdischer Student auf 1er Straße ermordet! Wir senden der Tagung der deutschen Brudierpartei, die: in cLtesien Tagen in Berlin zusammentritt, unsere herzlichsten Kamipfgrüße. Die Genassen versammeln sich in' einer Stunde, die für die arbeitende Klasse ihres..Landes ebenso entscheidend ist wie für dafs. Weltproletariat. Die politische uinld/ökoniomisiche Entwicklung ist in den letzten Wochen in rapidem Tempo gereift. Ob der Augenblick gekommen ist, in dem die Kräfte des deutschen Proletariats fruchtbar werden, ob der ungeheuerlich lastende Druck der faszistischen Provokation, des Hungens und der Verhöhnung durch die Besitzenden die Fesseln aller Notverordnungen sprengen, die Diktatur hinwegfegen wird!,, muß bald entschieden sein. Eins mit den anderen, sind auch wir vor die Entscheidung gestellt und müssen unseren Weg nehmen. Deir Entwicklung, die das Judentum im Westen in den letzten zwei Jahren nahimi. waren wir nicht gewachsen!. Eine Partei, die (bei aller Relativität) eine Massenpartei brotlos gewordener Handwerker, Angestellter, Intellektueller, kleiner Kaufle uto un!d ' eine Partei kämpfender Jugend werden konnte, hat steh im Wesentlichen ^darauf beschränkt;: ihren Macht und ^ideologischen Kampf innerhalb der Zionistischen Bewegung zu führen. Da die Reaktion in Palästina und im zionistischen Lager wuchs, richtete man wcsentlichle Kräfte auf ihre Ausschaltung hier und' die tagespolitischen Aufgaben, dias Ringen um dien jüdischen . Proletarier und Hälbproletarier, die Arbeit zua." Fortmtung seinies Klassenbewußtseins — cles alles wurde vernachlässigt. Die Erkenntnis dieser Situation, die in Deutschland, Österreich und der Tschechoslowakei durchaus ähnlich ist, blieb zwar nicht aius, aber von der Analyse zu den Konsequenzen ist noch ein weiter Weg. Immerhin: Die Ausemandersetzung um die Methode des Kampfes, um die Möglichkeit der Fronterweiterung unserer Bewegung im Westen hat sich in der letzten Zeit erfreulich! belebt und an ihr nehmen alle Kreise der Partei Teil, in Vorderster Linie die Jugend1. Einen beachtenswerten Niederschlag fand die Antithese „Klal Ji!sroel-Zionismus" — „Klassenkampf in der jüdischen Gesellschaft" in. den von unserer deutschen Partei herausgegebenen internen „Blättern", die in sehr ernster Weise zeigen, daß die unbedingten Anhänger einer auf das jüdische Bürgertum gerichteten Koalitionspolitik in die Minderheit kommen. Denen, die jüdischen Sozialismus im Westen für unmöglich und für die wesentliche Aufgabe der Partei die Stützung der Arbeiterschaft Palästinas ansehen, wird entgegengehalten (Bromberger), daß schon nach der letzten Volkszählung von 1925 von den 568.000 Juden Deutschlands die Hälfte aller Erwerbsfähigen aus Arbeitsnehmern (Arbeitern, Angestellten, Handwerkern, Arbeitslosen) bestand; daß die Erwerbslosigkeit seit 1925 ungeheuerlich stieg und daß die Partei also eine Politik für kleinbürgerlich deklassierte, arbeitslose und schließlich völlig proletarische Elemente zu führen hat. „Vor den Massen der deutschen' Juden steht heute die soziale Frage." Wichtiger als Kampf mit Liberalismus und Assimilation, als lähmende innerzionistische Koalitionspo- NOCH HEUTE ERLEDIGEN! Breslau, 5. Februar. (J. T. A.) Nach einer Kiindgebung der Eisernen Front am Sonntag, bei der der frühere Reichstagspräsident und spätere Vizepräsident Paul Lobe sprach, kam es an verschiedenen Stellen der Stadt zwischen den heimkehrenden Demonstranten und Nationalsozialisten zu heftigen Zusammenstössen. Am Reichspräsidentplatz wurde der 23jährige jüdische stud. ing. Walter Steinfeld, der Sohn eines Breslauer Bankbeamten, der sich allein auf dem Heimweg befand, von drei Nationalsozialisten überfallen, die ihn durch Messerstiche in Brust und Bauch derart verletzten, daß er wenige Stunden nach der Einlieferung in das Krankenhaus verstarb. Im Zusammenhang mit dieser Bluttat sind zwei Nationalsozialisten veraftet worden. Antisemitische Hntaten im Reiche Berlin, 6. Februar. (J. T. A.) Wie aus .Hamburg telegrafiert wird, wurde - am, Sonnabend "YöfMtfäg 'r ein"r' jüdischer Kaufmann beim Verlassen der Synagoge nach der Sabbath-Andacht von uniformierten Nationalsozialisten überfallen und schwer verletzt. Aus Dülmen wird gemeldet', daß dort Nationalsozialisten die Fensterscheiben von jüdischen Kaufhäuser eingeschlagen haben.; In Friedberg (Oberhessen) sind in der Nacht zum Sonntag, den 5. Februar, zum dritten Mal innerhalb zweier Monate, an dem Kaufhaus Geschwister Mayer in. der Hanauer Straße sämtliche Erkerscheiben eingeworfen worden, ohne daß es bisher gelang, die zweifellosaus antisemitischen Motiven handelnden Täter festzunehmen. Heine Ausweisungen Berlin, 6. Februar (J. T. A.). Unter den in Berlin lebenden Ausländern waren in den letzten Tagen in sehr bestimmter Form Gerüchte verbreitet, daß im Zusammenhang mit der politi-; sehen Neuorientierung eine Verschärfung der Ausweisungspraxis eingetreten sei. Diese Gerüchte haben in der österreichischen, tschechoslowakischen und' ungarischen Kolonie Berlins, die zusammen nicht weniger als 50.000 Metischen umfassen dürfte, wie in anderen Ausländerkreisen Beunruhigung heyvorgerufen. Auf eine Anfrage der Zeitung „Montag Morgen" erklärte der Leiter des Fremdenamtes im Polizeipräsidium, Ministerialdirektor Goerke, da$' seit der am 1. Juli 1932 in Kraft getretenen. Neuregelung der fremdenpolizeilichen Bestimmungen keinerlei Anweisungen zu einer Änderung der bisher beobachteten Praxis , ergangen sei|n. In der Behandlun der in Berlin arbeitenden Ausländer trete zunächst sogfar eine Erleichterung ein; während bisher von ihnen sowohl der Vorweis derp Auf enthaltsbewilligung wie der der Arljeitsbewilligung durch das Laridesarbeitsamt gefordert wurden, wird in Ziilfunft der Besitz' eines dieser beiden Dokumente für die Zulässigkeit ihrer Anstellung als hinreichend angesehen weraen. ' ~ FEBRUAR 10 Freitag Wichtigste Zahlung: Das Abonnement „OER JUDISCHE ARBEITER" Sie haben einen Erlagschein erhalten. Wenn Sie ihn nicht mehr besitzen, überweisen Sie auf unser Postschecknummer Wien 17.878 Das Abonnement ist im Voraus zu zahlen erledigen Sie diese Kleinigkeit, da Ihnen unser Blatt gefallen hat! nheilsüront gegen Diktatur Appell an die Komintern Reuter meldet ans Lohdon: Die sozialistischen Parteien Großbritaniens, Polens, Frankreichs, Hollands, Italiens, Norwegens und! Deutschlands haben an die sozialistische und die kommunistische Internationale das telegraphische Ersuchen gestellt, sofort 'energische Maßnahmen zur Bekämpfung der Hitler-Diktatur in Deutschland und der drohenden Gefahr des Fascismus anderwärts zu unternehmen. In den Telegrammen wird gleichzeitig die Einberufung von internationalen Konferenzen gefordert. Blutiger Shidentciicizeß In Jassy Jassy, 5. Februar (J. T. A.). Eine Versammlung deir an der Jassyer Universität inskribierten Studienten aus Akerraan, an der auch jüdische Hörer teilnahmen, wurde von Cuzisten und „Eisengairdieten" unter Führung der Studenten Mociulski und Taschka überfallen. Es: entspann sich ein heftiger Kampf, bei dem der Hörer der Mathematik Mihai Novikov aus A'kerman durch einen Messerstich, ferner die jüdischen Studenten Srul Weltman und Georg Wahrrmaiii erheblich verletzt wurden Mociulski und Taschka wurden verhaftet und zur Polizei gebracht, jedoch nach kurzem Verhör wieder freigelassen. Im Hinblick auf die starke Erregung unter der Studentenschaft durchziehen Patrouillen die Stadt, umi Unrur hen größeren Maßstabes zu verhüten. Wie aus Jassy gemeldet wird', gibt dier Chef der Jassyer Polizei in einer KuntLgebung zu, daß sich die Polizei bei den antisemitischen Unruhen in Jassy passiv verhalten hat. Wenn es sich auch, sagte er, um einen Excess jugendlichen Enthusiasmus (!) handelt, sei eine solche Passivität vom Standpunkt des Gesetzes bedauerlich. litik sei „Kampf mit dem Kommunismus um die jüdischen Massen", „sozialistische Arbeit unter den . jüdischen Massen". Die Bewegung sträubt sich gegen diese Erkenntnis. Die psychologische Erbschaft aus den idyllischen Zeiten des „Kampfes" im Zionismus und ini jüdischen Leben ist noch nicht überwunden. Eichtig erkennt Marcell Lew eine Ursache des Übels: „Wir sind eine Arbeiterpartei —' ohne Arbeiter; . ,;die Überführung der marxistischen Theorie aus sozialistischer Erkenntnis in die empirische Wirklichkeit des Klassenkampfes wurde immer dann vollzogen, wenn die reale Verbindung von Intellektuellen und Proletariern zustandekam ... Diese zweite notwendige Stufe unserer Entwicklung haben wir nicht erreicht." Aus der Not wurde eine Tugend, aus einem historischen Zustand eine „ewige Kategorie", statt Erfassung der jüdischen Arbeitnehmer durch jüdische sozialistische Realpolitik, statt Klassenkampf gegen das jüdische und nicht jüdische Bürgertum, um den Arbeitsplatz und; gegen die nationale Konkurrenz gab es Kongreßwahlen, Kampf um die Fonds; wichtige, aber nicht allein wichtige Aufgaben im Zionismus, Stärkung der Positionen der palästin. Arbeiterschaft, für dje im jüdischen Bürgertum Sympathien geworben wurden. (Die jetzt in der Epoche der Klassenscheidung größtenteils wieder verloren gehen müssen.) Keiner dachte daran, daß es auch noch tausende unorganisierter Proletarier-Juden und Detklassierter für einen sozialistischen Zionismus zu werben gebe — durch jüdischen Sozialismus. Die Mehrheit der 400.000 Juden der Tschechoslowakei, dier 200,000 Juden Wiens — welch' ungeheuenes Reservoir von Kraft und schöpferischen Möglichkeiten für unsere wachsende Bewegung, deren Königsgedanken in der jüdischen' Jugenld breite Wurzeln zu schlagen beginnt. Wir wachsen — aber es ist nötig, dem Wachstum Richtung, den sozialistischen Kräften im Ged'ankeninhalt unisierer Bewegung Wirkungsmöglichkeiten zu geben. Was in Deutschland! und bei uns immer 'deutlicher erkannt wird, was seinen Niederschlag auich auf dem Bedinier Parteitag finden wird, ist die Erkenntnis, daß unser Platz bei der jüdischen werktätigen Masse des Westens ist, bei älen Hunderttausen4en, deren Klassenkampf zu fühtrenj nur die Bewegung d'es jüdischen Sozialismus berufen sein kann. K. B.