Der Jüdische Arbeiter
- Journal
- Der Jüdische Arbeiter
- Volume
- 10 (1933)
- Issue
- Heft 5 (3.2.1933)
- Date
- 1933-02-03
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Universitätsbibliothek Iien,l. V. I>. b. Erscheint jeden f retten Oman der vereinigten zlonlsflscti-sozialfsfIschen Arbeiteroröanlsarion Poale Zion-nMachdnfh In Österreich Redaktion und Administration: Wien II., Blumauergasse I —-'Postscheckkonto Nr. 17.878 Tschechosl. Redaktion: Brünn, KoliStg 19, Tel. &.398, Postscheckkonto Brünn Nr. 100.145 Bezugspreis: ganzjährig S 12—, halbjährig S 6-— Einzelne Nummer 30 Groschen 10. Jahrgang Wien, 3. Februar 1933 Nr. 5 Kapitel Hitler 31. Jänner 1933. Ein böses Wintermärchen, das sich im Deutschland dieser Tage abgespielt hat.. Zum erstenmal in der Geschichte des deutschen Reiches stehen an der Spitze der Regierung Männer," deren politischer Weg von Mord und Blut gezeichnet, deren Parteiprogramm durch Phrase, Konfusion und zynische, grenzenlose Feindschaft allen anderen Rassen gegenüber charakterisiert ist. Sie kennen keine Menschen, sie kennen nur Germanen.. Eine'. „revolutionäre" Partei — über Nacht regierungsfähig geworden? Sturm, der im Wasserglas endet? Entscheidet die Macht- und Geldgier der Einzelnen oder Hunger und Arbeitslosigkeit ' der proletarischen Massen, die; im 'froststarren Berlin vor Kälte zittern, während die Führer von gestern sichs in den breiten Ministerfauteuils bequem ma- 'chen? Müßige Fragen. — Die große Komödie der bürgerlichen „Revolution" war das, was sich vor uns abspielte. Nun, da sie ihr Ziel erreicht haben, können sie damit beginnen, sich gegenseitig abzuschlachten. Es ist sicher,; daß sie nur an sich denken werden, die Dantons und Robespierr-es. Die anderen sind dazu verurteilt, ewig im Vorzimmer vder an die Macht gekommenen zu sitzen Es gibt noch einen anderen Weg zur Erfüllung ihrer Lebens.wünsche und Bedürfnisse: Den in die eigene, in die .Klassenorganisation, in den ^kämpfenden Sozialismus! Haben wir als'Juden etwas zu sagen, nachdem sich der erste Alpdruck gelöst hat? Müssen wir für die Sicherheit unserer Brüder in Deutschland bangen? Es scheint überflüssig, das Herumraten der letzten Wochen zu prolongieren. Kaum wahrscheinlich, daß die ins Warme geratenen ihre Positionen gefährden werden, indem sie dem Volk geben, was es nicht will — Spiele, weil sie ihm vorenthalten müssen, wonach es schreit: Brot! Der deutsche Nationalsozialismus konnte — es ist auch für uns als Juden wichtig, dies zu konstatieren — nur produziert werden in einer kapitalistischen Ordnung. Erscheinungen, wie Hitler, gedeihen nur unter dem schützenden Mantel idyllischer bürgerlicher Auffassungen von der Gesellschaft, der Arbeit und der Güterverteilung dieser Welt. Muß ein Beweis geführt werden? imgeßa-ngen von der materiellen Förde- ■ r,vmg, .die die Partei des jetzigen Reichstkanzlers, ihre Presse und ihre Institutionen aus den Kreisen der Schwerindustrie -erhielten: Waren es nicht schließlich /die extremsten Verfechter kapitalistischer Ordnung, die den Ritter in den Sattel hoben und etwas spä- Jer jeise in den Kanzlerstuhl gleiten liefen? Diese Lösung, die Deutschlands Ansehen im Auslande schwer gefährden muß, schien dem Herrenkiub noch immer akzeptabler als soziale'.. Konzessionen. . Der deutsche Sozialismus, vom rechtesten bis zum. linken Flügel, hat, seine volle Freiheit wiedergewonnen. Wir jii- >(tischen Sozialisten wünschen mit heitöem Herzen, er möge verstehen, sie zu nützen im Kampfe gegen das furchtbare Gespenst der mit dem Hünger und der politischen Abenteurerlust gepaarten Diktatur, die am Horizont der «deutschen politischen Entwicklung steht. Juden hungern in Polen über Schneesciiaitieln vm man sie nfchf! Warschau, 31. Januar! (J. T. A.) Der Winter mit seinen außerordentlich strengen Frösten und starken Schneefällen hat Not und Elend unter der polnischen Judenschaft, in Stadt und Land in einem kaum mehr erträglichen Mäße gesteigert. In Warschau selbst sind Tausende jüdische Familien ohne Nahrung und Heizmaterial. Unbeschreiblich ist, das Elend der Kinder. In den Talmud Thora-Schulen und in anderen jüdischen Elementarschulen ist es eine häufige Erscheinung, daß Kinder während des Unterrichts vor Entkräftunff durch . Hunger in Ohnmacht fallen. Vom Häuptbüro der. Gesellschaft für. Gesundheitsschutz der. Juden TOZ wird mitgeteilt,, daß in Warschau täglich mindestens fünf bis sechs. Ohnmachtsfälle, von jüdischen Kindern in den . Schulklassen verzeichnet werden und daß. in allen diesen Fällen Hunger als Ursache festgestellt wird. Die jüdischen . Zeitungen greifen schärf das Sitraßenreinigungsamt des Warschauer Magistrats an, -das bei Anwerbung, von Schneeschippern zur Reinigung der Straßen von den vielen Tausenden jüdischen Arbeitsuchenden, die sicli zum Schneeschippen eingestellt hatten, keinen1 einzigen in Arbeit genommen hat. \ Sie hören das Gras wachsen Jerusalem, 30. Januar. (J.T.A.) Die in Cairo erscheinende arabische Zeitung „Mokattam" läßt sich von ihrem palästinensischen Korrespondenten berichten, daß das Colonial Office in London endgültig beschlossen hat, in Palästina eine gesetzgebende Körperschaft zu schaffen, die sich aus 16 Moslems, 8 Juden und 6 Christen, also insgesamt aus 30 Personen zusammensetzen soll. Laut „Mokattam" hätten gewisse arabische Gruppen in Palästina bereits begonnen, Vorbereitungen für die Wahlen zum Legislative Council, zu den neuen Stadtverwaltungskörperschaften und zum Obersten Moslemitischen Rat zu treffen. Arheifsloseniond im land ohne Arbelfsloslgkelf Jerusalem, 30. Januar. (J.T.A.) Die Allgemeine "Jüdische Arbeiterföderation Palästinas (Histadruth) hat eine Kampagne zur Schaffung eines Arbeitslosen-Fonds eingeleitet, der nach den bisherigen Eingängen ein gmter Erfolg beschieden zu sein scheint. Histadruth geht von dem Grundsatz aus, daß die Arbeiterschaft Palästinas, die heute unter Arbeitslosigkeit nicht zu leiden" hat,' die, Pflicht hat, für alle Eventualitäten gerüstet zu sein. Pinclias Ruthenberg, der Leiter der Palestine Electric Corporation, übergab der H&tadruth einen Scheck über 100 Pfund gleichzeitig mit einem Schreiben, in dem er es billigt, daß man sich in'den „fetten" Jahren für „magere" Jahre rüstet. Der wildgewordene Duce Paris, 25. Januar (J.. T. A.). Wladimir Jabotinsky, Präsident der Union der Zionisten - Revisionisten, hat in seiner Eigenschaft als „Rosch Bofcar" (Chef der Brith Trumpeldor- Örganisation) ein Telegramm an das Hauptbureaü des Brith Trumpeldor in Amerika gesandt, in dem er den „Betarim" verbietet, sich in der Klage der Histadruth gegen Brith Trumpeldor dem Ehrengericht der Zionistischen Organisation zu stellen. Jabotinsky stellt es aber den Betarim frei, der Histadruth das Angebot zu machen, gemeinsam mit Brith Trumpeldor ein Ehrengericht zur Erledigung des Streitfalles zu wählen. A Soshin glM die Schuld zu Genf, 29. Januar. (JTA.) Dr. "S. Soslcin, Mitglied cler Exekutive der Union der ZiQnisten-Revisionisten, hat an Herrn Rechtsanwalt und Notar S. Gronemann in Berlin, Präsidenten des Zionistischen Ehrengerichts, ein Schreiben gerichtet, in welcheim er _ erklärt, er sei nicht in . der Lage,; das Zionistische Ehrengericht als für seinen Fall zuständig anzuerkennen und werde vor demselben nicht erscheinen. Der Zionistenkongreß, erklärt Dr. Soskin, hat das Ehrengericht nicht dazu eingesetzt, um über eine politische Partei zu Gericht zu sitzen, sondern; nur, um persönliche Differenzen zwischen einzelnen Mitgliedern der Z.-0."beizulegen. Mein angeblicher Verstoß gegen ,cüe Prärogativen der Zionistischen Exekutive wird in einer Aktion erblickt, die ich als Mitglied der Exekutive der Union der Zionisten-Revisionisten und de<s Zentralbüros, des Sonderverbandes der Zionisten-Revisionisten unternommen habe. Diese Aktion war rein politischer Natur und fällt, meiner Ansicht nach, nicht unter die Jurisdiktion des Zionistischen Ehrengerichts. Wie die JTA. erfährt, wird, das Zionistische Ehrengericht in Berlin am 30. Januar,. abends, in Abwesenheit Dr. Soskina tagen und sein Urteil sprechen. Ehrengericht spricht frei Trotz der durch vorstehende Erklärung eingestandenen politischen 'Separataktionen hat das Ehrengericht, wie uns aus Berlin telephoniert wird, mangels an Beweisen auf F r e i s p r u c h erkannt. Palästina stellMn Chicago aus Jerusalem, 29. Januar (J. T. A.). Die Handelskammern Palästinas treffen Vorbereitungen zur Beteiligung Palästinas an der Weltausstellung in Chicago 1933. Zahlreiche jüdische Firmen Palästinas werden ihre Erzeugnisse in Chicago ausstellen. Gegründet 1582 Lebensversicherung Gesellschofl PHÖNIX Versicherungsbestand Ende 1931 .... S 2;746)o6o.OOO'—, Prämien- und Zinsen- Einnahmen i.J. 1931 „ 182,000.000*— Garantiemittel Ende 1931 .... „ 472,000.000 — Auszahlungen an die Versicherten i.J. 1931 „ 42,500.000'— Tätigkeitsgebiet: Österreich, Deutsches Reich, Tschechoslowakische Republik, fcselgieh, Holland, Frankreich, Spanien, Italien, jüngarn, Polen, Jugoslawien, Bulgarien, Griechenland, Rumänien Palästina, Syrien, Türkei, Tunis und Ägypten' Wir a4s Juden —* — das, was da oben geschah,, ist eine verteufelt harte, aher interessante Lehre; Nationalsozialismus, deutscher wie jeder andere, ist eine , notwendige Begleiterscheinung der bürgerlichen Ordnung, deren kapitalistische Maschine in die schwerste Panne aller Zeiten geraten ist. Man muß eine Gesellschaft meiden wie die Pest, in der solche Blüten treiben. Man muß sich die eigene ökonomische Situation klar machen und Konsequenzen ziehen. Im Geiste Bürger —^ in Wirklichkeit Proletarier —, das ,ist rjas Gesicht des West Judentum^. Es ist keine Frage, daß auch dieses Proletariat zu seiner Klasse finden wird. Je früher dies geschehen wird, desto geringer kann der Blutverlust sein —: desto größer die Wahrscheinlichkeit, daß an der sozialistischen Front aller Nationen, in der auch wir Juden marschieren, der Ansturm des Faszismus, die blutige Internationale der Rüstung uncl ©iktätur, zerschellen wird. K. B. Politisches aus Österreich , Die parlamentarischen B u d g ,e-t v. e rhan-dlungen, die tiefgehende JKrir tu):,- die von den Vertretern der Arbeiterschaft an allen Bereichen der StäatSr Verwaltung geübt wurde, sie;haben rein wahrhaft erschütterndes Bild des bürgerlichen Regimes ergeben, dessen , „legitime" Herrschaft auf einer Zufallsmehrheit in beiden gesetzgebenden Körperschaften beruht. Brutalster Parteistandpunkt, der den Staatsapparat als ausschließliches Mittel zur Befestigung der schwindenden Macht, der MehrheitSr Parteien betrachtet, charakterisiert die Wirtschafts- und Kulturpo 1 it i k des . Bundes. Die Handelspolitik dient;den getreideprpduzie^ lichsozialen Großbauern ..und aristokratischen und klösterlichen Großgrundbesitzern einerseits, die nach den kürzlich veröffentlichten Ergebnissen der B e t r i e b s z ä h 1 u n g 72% der landwirtschaftlich genützten Gesamtfläche der Republik besetzen, andererseits der Schwerindustrie, die dank ihrer guten und materiell fundierten Beziehungen zur Heimwehr und deren Exponenten in der Regierung, dem Handelsminister Jakonczig, in der Lage ist, die Wirtschaftspolitik der Regierung in ihren Dienst zu stellen. Die exportvernichtenden - Wirkuhgen des österreichischeh Protektionismus sind schon seit Jähren ^Zielpunkt sozialistischer Wirtschaits- -kritik —, welche Ironie der ■ Geschichte, daß Marxisten der Bourgeoisie «iim Liberalismus im Außenhandel --zureden müssen! — und man hätte annehmen dürfen, daß sie auch im Lager der vornehmlich ausfwhrorientierten "Industrien jimd Q\jali*ät$gewerbe «qpd auch deß Handels Zustimmung iinden we^de. Leiter war das nicht '4er Fall; fWie gekannt war seit Jahren der Blick auch dieser TJeile des Bürgertums auf i dag ^ohnprohjem ^eriqhtelt,' sie haben1 die Bedeutung döfr;'X#Anm& G^balteinkojamens als ^pstenfajitor ^reit überV schätzt ,%nj$ing erwanv teten auch* sie vor aUejn $e .-ersehnte Steigerung des österreichischen Exports. Kamjtf jgegen &e Arpe^er^aft amif ,dem Ziele 4<h* DttFQhse,tzung - wMr;ge<hen,dstev Lohnsenkung Tolerierung 4er ihren r&te.ress^ I^itikdes Agrarkurses, dies" war b^ .SaUloß 4köf Saite