Der Jüdische Arbeiter
- Journal
- Der Jüdische Arbeiter
- Volume
- 10 (1933)
- Issue
- Heft 1 (4.1.1933)
- Date
- 1933-01-04
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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4. Jänner 1938 D£R JÜDISCHE ÄBBÜil'fflft Seite? Was wird aus Karpamo-Bussland? - Chaim Nachmänn Blallk, der bedeutendste der heute" lebenden hebräischen Dichter, feiert am 8. Januar seinen 60. Geburtstag. Von dem kürzlich in Tel Aviv abgehaltenen Sportfest des \ ,:Hapoel"; * Waad leumi zahlf Gehälter an die jüdischen Lehrer. Jerusalem,. 24. fD^z^ber^'tTer^^aa,^ Leumi, der kürzlich das bisher von der Jewish Agency kontrollierte hebräische Schulwerk in seine Verwaltung nahm, hat Anfang Dezember die erste Gehaltszahlung an die Löhrer vorgenommen. Zunächst wurden die Gehälter für Oktober, ausbezahlt,- es werden die größten Anstrengungen gemacht, um noch im Verlauf des Dezember die Gehälter für November zur Auszahlung gelangen zu lassen., Waad Leumi verhandelt mit der Regierung, um von ihr die baldige Auszahlung der Regierüngssubventioh''* für das jüdische Schulwesen, die infolge der NichtWiedereröffnung der Schulen zurückbehalten wurde, zu erlangen. Die R^ierühgsunterstützuhg für das hebräische Schulwesen beträgt gegenwärtig 20.000 Pfund für das Jährend soll laut Versprechen des High Gommissioner erhöht werden. . " . Sokolowstraße in der Kolonie Herzliah. Nahum Sokolow, Präsident der Zionistischen „Organisation und der, Jewish Agency, besuchte die jüdischen Kolonien und wurde, in Petach Tikwah, Raananä, Herzliah und in anderen ju* däischen Kolonien und Scharon-Siedlungen, mit großer Begeisterung empfangen, die Kolonie Herzliah benannte eine - Straße nach Sokolow. . Rabbiner für Besserung der Rechtslage der Jild. Trau? Paris, 22. Dezember (JTA). Der Oberrabbiner von Frankreich Israel Levi führte den Vorsitz in einer auf Anregung von Frau Zadock-Cahn, Vizepräsidentin des Ausschusses für Besserung der Rechtslage der. jüdischen Frau, einberufenen Beratung, in der beschlossen -wurde, in Paris ein Büro zu errichten, das jüdischen Frauen, deren Eheverhältnisse nicht geregelt sind, dazu verhelfen soll, die notwendigen Dokumente zu erlangen. Es wurde ein Komitee ge« bildet, das die Sammlung von Unteiv schritten für die Besserung der Rechtslage der jüdischen: Frauen übernahm, Diese Aktion wird insbesondere vom' Oberrabbiner Maurice Liber und dem Mitglied des Staatsrates* Hedei, gefördert. * Abg. iitg« laröinfr Nefas i Jüdische Probleme. * Genosse Ne5aS|, der zweimal Vertreter KarpathorulMands im fesl. Parlament war, «auch jetzt noch regen Kontakt mit P.K»R. hat, stellt uns diesen Beitrag' zur Verfügung, der für die Beurteilung der Lag© durch einen Genossen der tschechischen Partei interessant ist. Das jüdische Problem in Kiärpäthorußland verdient große Au&nerksamikeit. Es hat Bedeutung für das Land, selbst, denn die Juden b'lden hier ein Volles Fünftel d©t Gesamtbevölkerung und bei all ihrer Not stellen sie ein relativ reifes und ökonomisch sehr 'bewegliches Element dar. Es ist nicht eine Ausnahme, sondern die Regel, daß die Juden mehrere "Sprächen beherrschem außer jiddisch auch ungarisch, ruthenisch, deutsch, hebräisch (fast alle;als die .„Heilige Sprache", wenn auch nur teilweise, — die. Jugend) jedoch, die von den hebräischen Schulen kommt, be- . herrscht; diese Sprache in Wort und Schrift). Jetzt versteht e'n, großer Teil des karpatho-" .russischen Judentums auch söhon tschechisch, wenn diese Kenntnisse auch mehr passiven Charakter haben. Die großen Sprachenkenntnisse dtes karpiathorussisdhen Judentums gehören *u seinen charakteristischen Grundzüpren. Es ist begreiflich, daß die jüdische Bevölkerung eben dieser relativen Reife und auch der schon angeführtem ökonomischen Beweglichkeit wegen eine hohe Bedeutung für das Land hat. Aber, sie ist auch wichtig wegen ihrer internationalen Bedeutung. Die Leiden und) verschiedenen Umwälzungen im Leben des kaTpatoirüssischen Judentums finden eine warme Resonanz in den großen Zeitungen von New York, London und Berlin. * Die Juden in Km^athorußland sind in einer großen Zahl politischer Parteien zerstreut. Vor denx Umsturz wurden die Juden als Instrument ■zur Magyarisierung der Bevölkerung und als Helfer der Budapester Regierung benutzt. Der Jude war immer Mitglied der Regierungspartei, für diese müßte er agitieren*, und auch die nichtjüdische Bevölkerung gewinnen; Nach dem Umsturz' hat sich ' das Judentum von diesen Methoden befreit und es wurde «ilMin die Möglichkeit gegeben, sich,, in allen Parteien, regierenden wie auch oppositionellen, zu behaupten'. Es war interessant, wie das Judentum auf diese Befreiung ,~ .. rr. -,nn , , n reagierte. Ein Teil des Judentums nütete - Prag, 60 Kisten zu 100 kg aus der rro seine Rechte aais und ging; dem1 Rufe seines" -vinz. Die Kleider-Aktion hatte in die- ^Herzens undi seiner Jje^ $&m - außerordentlich .strengen*,--Winter* Teil konnte sieh nicht vom .den- Fesseln" sM^tKÄartnA^rii-Wiohtt^Mt Ursprungs befreiendes orientiert sich immer?e^n ,W1 .5 £ 1 f a - Das Hilfskomitee hat ferner eine Aus- ^peigüngsaktiori in 4 Bezirken eingeleitet (Vrchoviria, Hust, Tiacovo, Ternovo), bei welcher 4300 Kinder bespeist werden sollen, von denen 3471 in die allerbcdürftigste Kategorie gehören. Ob auch die restlichen Kinder bespeist werden, wird an der Unterstützung der Re gierung liegen,' die, wie der ITA mitgeteilt wird, ihrer Pflicht entsprechend befische* Bevölkerung ausbeutet,. Et Wird als der. Wucherer, der die ärmsten Länder der Republik aussaugt, geschildert« Dies ist ein tragischer Irrtum Es ist nötig zu erklären, daß außer einem (kleinen Haufeni von Kapitalisten anderer Nationalitäten und anderen Glaubens auch ein Teil von Juden, da ist, der die armen karpathontsftißchen) Proletarier und Eliiibproletarief ausnützt. Aber es ist nur ein Windiger Bruchteil des Judentums, ein privilegierter Bruchteil, der ebenso jüdische^ wie auch ungarische, ruthenische und ruimänische Proletarier unterdrückt. Der größte T&l des Judentums in Karpathorußland gehört zu den sozial sehr schwachen! und unterdrückten Schichten. Der Amerikanische Joint, eine Institution, die sehr gut unter der karpaibhorussischen Bevölkerung arbeitet, hat schon im Jahre 1921 eine Statistik über die Beschäfti-. gumg vom 93.000 Juden aufgestellt, die in KaTpathiorußländ gelebt haben, Der größte Teil von •. ihnen, d. h, 37.000, waren „Lüftm e n ö c h e nu, die traurigBte Ikarpathorussische 'Spezialität. Leute ohne Beruf und ohne "Beschäftigung,' die Von der Hand in. den Mund leben, Menschen ohne Sicherheit, daß sie morgen ihr Stück Brot haben, Menschen, die allen Stößen und Zufällen des Lebens ausgesetzt sind. Nach dieser großen Kategorie kommen erst andere Berufe: 12.500 „Landwirte",- landwirtschaftliche Arbeiter, Hirten usw, 10.000 D orf arbeite* und Tag- Löhner, 6000 Fuhrleute, 6900 Handwerker (Schneider, Schuster, Schimiede, Zimmerleute, — alle sehr primitiv, aber 'neben den Ungarn eigentlich die einzigen Handwerker im Lande, da die Rüthenen bis auf kleine Ausnahmen keine Handwerker besitzen), 5900 'Scliankimhaber und damit zusammenhängende Berufe, 7600 Krämer, 16*00r Kaufleute, 800 Angehörige der freien Befüfey:; 400 Eigentümer von Gütern und;- Industrien, 400 Fleischhauer, 4000 Lehrer^. Erzieher, Rabbiner. . Diese Statistik spricht selbst genüg klar. — man muß nicht viel hiiuzufügea Die kärv' pathorussisohen Juden, bis auf ein Handvoll von Leuten, sind Proletarier und Halbproleta»'s rier, von denen ich schon in einer Serie vöri * Artikeln im ^Pravo Lidu" bewiesen habe^; daß sie zu den ärmsten Schichten unserer < Republik gehören." . ' . Wie soll man ihnen helfen? Den Kampf um ihre Befreiung und Elnporihebung müssen sie solidarisch mit den anderen Arbei* tenden führen, wenn sie Erfolg haben sollen, und wenn sie mit ihreani Werk atir Befreiung der Arbeit und Aufhebung der Aus-. beutung beitragen sollen* , Die ökonomischen Wege, die zur Hebung des Landes, führen können), will ich flüchtig., andeuten. Industrialisierung der Wälder, Be-» lebung der Holzindustrie und der chemischen'' Industrie, Meliorisution des südlichen Teiles von Karpathorußland (besonders im vSchwftrzen Sumpf"), Erneuerung des Handelsvertrages mit Ungarn, Liquidierung des Analphabetentums im Lande. Für die jüdische "Bevölkerung muß gelten:- Alles dazu "au tun, damit die Juden zum Licht und zur produktiven' Arbeit geführt werden, und! das ganze Land Ökonomisch und kulturell ausreichend unterstützt wird, denn .es braucht dies dringend, wenn es nicht zu Grunde gehen s oll. Winterhilfe der jüdischen Frauen. P r a g, 31. Dezember. Das Hilfskomitee jüdischer Frauen für Karpathorußland in Prag übermittelt der ITA einen Bericht über seine diesjährige Winterhilfe für das jüdische Karpathorußland, aus welchen hervorgeht, daß bereits rund 10.000 kg Kleider nach Karpathorußland gesandt werden konnten, davon 40 Kisten zu 100 kg aus erschrocken dothin, wo dile Macht ist, ,wo ' man über Konizessionen, Staatsbürgerschaft;, Ein- und Ausfuhrbewilligungen usw. entscheidet. Manmuß leider konstatieren, daß die Juden am wenigsten von der ganzen karpia- .th'oTussisohen Bevölkerung sich dessen bewußt sind, daß sie das Recht haben, frei aufzutreten, politisch autonom mit den anderen zu leben. Ein großer-Teil des hiesigen Judentums, besonders am Lande, ist sich immer noch nicht bewußt, daß das Parlament, die' Regierung, die Landesvertretung nach dem Willen der Bevölkerung entsteht und daß die; Zusammensetzung und auch Wirkung dieser Organe und der ganzen Verwaltung von den Wählern abhängt. Die Desorientierung der Juden in der. karp^thorussischen Politik kann man auch durch die- Wirkung einiger,, starken EinfKi'yse er-, klären, die von Prag aus herkamen. Es ist nicht ohne Interesse, 'daß die politische De" vise der Partei, die beute in Karpathorußland den größten Einfluß ausübt, der Agrarier,,in den ersten Jahren nach dem .Umsturz reih antisemitisch war — Mie dies Plakate und auch eine Reihe von Aufrufen und Verfügungen bezeugen — aber später hat mian diese Devise geändert und erklärt, daß man gerade durch den Juden die andere Bevölkerung beeinflussen kann. Und darum hat man sich bemüht, die jüdischen Wähler mit allen Mitteln auf sich au konzentrieren. Man war aber nicht sehr wählerisch in den Mitteln, man . versuchte es mit Versprechungen, aber •auch imit Drohungen, Terror und Korruption. Unsere Proteste, die wir nach! den Wahlen in Karpathorußland immer wieder im tschechoslowakischem Parlament vortragen, werden eine große Anklage dieser Methoden bleiben. Es scheint jedoch, daß die Juden doch erwachen, und daß sie . auch in Karpathorußland'langsam zu der. Überzeugung kommen, daß es von ihnen selbst und nicht von der s Regierung abhängt wio man sie regieren wird. Den jüdischen Bürger in Karpathorußland von denMimderwertigkeitsgefühlen «u befreien, sollte die Pflicht aller reiferen Juden und aller wirklich1 demokratisch gesinnter Menschen werden. , * Ich will die religiösen und kirchlichen Fragen nicht berühren, die im Leben der karpathorussischen Juden eine große Rolle spielen, und die auch einen -Zusammenhang mit politischen und ökonomischen Problemen haben (das Wahlrecht in den jüdischen Kultusgemeinden, die jüdische orthodoxe Kanzlei, die Sonntagsruhe usw.). Ich will nur mein Augen, merk,.; dpn rein ökonomischen und sozialen Fragen•, 'auwenden, die man immer noch bäu-. fig ltibergeht und ungenügend beleuchtet. In der öffentlichen Meinung gilt der Judo von *Karpiithörußland oft als Vampir, der, seine relative. Reife ausnützend, die atme «unalphaeine Förderung dieser Aktionen zugesagt hat. Das Hilfskomitee hat 130.000 Kc, der Joint 80.000 Kc für diese Aktion zur,Verfügung, mit der bis Ende März täglich Milch und Brot an die in Frage kommenden Kinder verabreicht werden soll. Die Aktion „Gemiloth Chessed" ist ebenfalls im Gange. Die zinsenlosen Darlehen werden zum Ankauf vom Wejrkzelugen, Maschinen, Kühen, In-E ••-»ventar. <usw.. .verwendet, die s Eigentum des- Hilfskomitees bleiben. Zur OrganU sierung .dieser Aktion soll' u. a. auch eine Besprechung mit Dr. Bernhard Kahn in Prag stattfinden. Wie das Hilfskomitee berichtet, sind trotz der bedeutenden wirtschaftlichen Verschärfung die Zuwendungen der1 Einzelpersonen und jüdischen Gemeinden für die Winterhilfe an das Judentum Karpathorußlands nicht hinter dem Vorjahre zurückgeblieben. '' Ivan Olbrachf: Mein Seide, kein Morgen ... 'Der Autor des bekannten Werkes „Anna, Roman 'eines . Dienstmäd- •' chens", hat im Verlag von Otto Girgal, Prag,-ein Buch über Karpatho-, rußland, erscheinen lassen, das den Titel „Land ohne Namen" trägt und sich im Rahmen einer beachtenswerten Analyse karpathorussischer Zu- ' stände , auch mit der Lage der prole- :,- ■ . tarisierten jüdischen Bevölkerung befaßt. Die neuen Herren finden Proleten, Auf dem Dorfe gibt eis wenig jüdische Bourgeoisie, selbst im Städtchen ist sie selten. Wer reich wurde, ist nach Uunkqcz übersiedelt oder nach: XJzhorod, aber, die Meisten gingen schon früher in die ungatischen Städte. Ihr Vermögen stammt fast ausschließlich aus dem vergangenen Jahrzehnt. Denn einmal ist es ihtten hier gut gegangen, Sie befaßten sieh mit Geldwesen, d. h. mit Wucher, de? hauptsächlich in jenen Zeiten in BXMe stand, da sich der Schleichhandel, noch lohnte und man Geld nur für einige Tage und zu unerhört hohen Zinsen getieften bekam. Die ganze Gegend war wirtschaftlich in ihrer Hand, jedermann von ihnen abhängig; die, Bauern arbeite^ in ihren Unternehmungen ihre Zinsen ab, oder nehmen ihr Vieh in ihre eigenen Herden auf -—und unglücklich jeder,, der, gegen sie aufstand, bei Wahlen oder sonst einpial, Aber heute? — das alles war und ist, längst vorüber. Die tschechoslowa- Machen Behörden haben nurmehr die Uberreste eines jüdischen Wuchers vorqefunden. Die jüdische Bourgeoisie hat einmal mit Branntwein und wirtschafte licher Macht dieses Land. beherrscht und ausgebeutet. Aber trotzdem war das Volk hier niemals antisemitisch; Das ist es auch heute noch nicht, wo der Antisemitismus im Westen teils schon längst überwunden ist, teils aber neue, ganz .areligiöse Formen annimmt. Hier gab es niemals Pogrome, wie sie im nachbarlichen Polen, Rumänien und Rußland wüteten. Das Volk hier, bis? her ein Hirten- und Bauernvolk, hat noch nicht einmal jene Stufe erreicht, auf welcher es sich mit den Juden im . Konkurrenzkämpfe treffen könnte, und hält also noch nicht beim Stadium des Antisemitismus. Den Rat des Juden schätzten sie und schätzen ihn auch, heute noch — mehr als den Rat der Pfarrer und heimischer, Intelligenzler, die zu ihnen in einer zu sehr abstrakten Sprache sprachen, oder in einer, die nur für die Sonntagnachmittage gut ist. Und vor allem: Mit den Juden haben sie nie konkurriert. J)as tut erst die erste junge Generation ruthenischer Inj tellig'enzler, die sich plötzlich im BxU stenzkampf mit jüdischen Ärzten unc^ Advokaten befindet, das tun tschechische Kaufleute und Gewerbetreibende; die. gerne auch die Juden aus deren pQr^ sitionen drängen wollen, die sie noch besitzen. Und sie haben auch einen ver* alteten und seiner Kraft beraubten tisemitismus hergebracht; der Versuch mit der. bewährten Sensation von ritu,4 ellem christlichem Blute war in Karpß-, thorußländ verteufelt fehl am Platze,