Der Jüdische Arbeiter
- Journal
- Der Jüdische Arbeiter
- Volume
- 10 (1933)
- Issue
- Heft 1 (4.1.1933)
- Date
- 1933-01-04
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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4. Jänner 1933 DER JÜDISCHE ARBEITER Seite 3 Genossen und Genossinen! Wir hoffen, daß ihr das wöchentliche Erscheinen unseres Ofganes zu Würdigen wissen Werdet. Wir behalten Uns vor, die Vor kurzem eröffnete. Aktion für den „Ein-Miliion«Grosohen*Fonds" zur Sicherung unseres Wochenblattes wieder aufzunehmen. Heute verlangen wir nur von euch: 1. Entrichtet unverzüglich den Bezugsbeitrag und verwendet dazu den dieser Nummer beigelegten Erlagschein. Das Blatt kann unentgeltlich nicht mehr zugeschickt werden. 2. Verlanget in den Kaffeehäusern und Gasthäusern den „Jüdischen Arbeiter"; werbet überall für unser Blatt und wir werden in der Lage sein, es unaufhörlich auszugestalten. Die Organisationsleitung. / Gruss an Prof. Brodetzky! In den nächsten Tagen wird Professor für den achtzehnten Zionistenkongreß Brodetzky als Vertreter der Leitung der gewidmet werden. zionistischen Weltbewegung Wien he- Angesichts dieser wichtigen Aufgaben suchen. Die gegenwärtige Situation in gewinnt der Besuch Brodetzkys eine be¬ Palästina macht eine Steigerung* der sondere Bedeütung. Prof. Brodetzky ist Aktivität aller zionistischen Richtungen £oz;a£s? 1™™a aZ zur unbedingten Notivendigkeit. Die Quertreibereien der Revisionisten ge¬ Sozialist und vorbehaltloser Freund „der Bestrebungen der jüdischen Arbeiteryuenreiverwn «er mwwum.«»» schafuWir freuen uns deshalb um SO bieten ein geschlossenes Auftreten aller mf}hr) in unßerer Mkte zu begrüßen und geben der Hoffnung Ausdruck, daß progressiven Teile der zionistischen Weltbewegung, um, den faschistischen Spuk es ihm beschieden sein wird, die zionidavonzujagen. Die kommenden Monate stische Tätigkeit in Wien befrüchtend sollen außerdem den Vorbereitungen zu beeinflußen. Was erwarten wir von der Wiener Kultusgemeinde? In den nächsten Tagen soll der neugewählte Kultusvorstand zusammentreten. Die Frage der Konstituierung wird hoffentlich keineernsten Schwierigkeiten bereiten. Die Entscheidung der Wähler am 4. Dezember ist so eindeutig und klar, daß sie jeden Zweifel ausschließt: die „Union" ist in die Minderheit gedrängt worden, sie hat also auf die Führung der Gemeinde keinen Anspruch mehr. Persönliche Momente müssen zurücktreten. Der gegenwärtige Präsident, Prof. Pick, erfreut sich wohl mit Recht allgemeiner Beliebtheit, er ist aber dennoch Listenführer der „Union" in diesem Wahlkampfe gewesen und als solcher kann er diese Stelle nicht mehr, bekleiden. Wichtiger aber als die Konstituierung des Präsidiums erscheint uns die Frage, ob der neugewählte Vorstand gleich nach seinem Zusammentreten die Erfüllung aller jener Forderungen in Angriff nehmen wird, um welche im Kampfe um die jüdische Gemeinde so heftig gerungen wurde. Die Schande des. reaktionären Wahlrechtes muß von der großen jüdischen Gemeinde abgewälzt werden. Die Einführung des allgemeinen Wahlrechtes, einschließlich passiven für Frauen und Angestellte der Kultusgemeinde muß unverzüglich in die Wege geleitet werden. Das soll als erste Ehrenpflicht den Wählern gegenüber betrachtet werden. Die Frage der furchtbaren Wirtschaftsnot unter den Juden Wiens erfordert eine gründliche Behandlung. So umfang- und segensreich die Fürsorgetätigkeit der Kultusgemeinde auch sein mag, reicht sie für die gegenwärtige Lage nicht mehr aus. Es genügt nicht, wenn die bereits zerstörten Existenzen vor dem Verhungern geschützt werden, es müssen Maßnahmen getroffen werden, um hunderte kleiner jüdischer Existenzen vor dem Zusammenbruch zu schützen. B i 11 i g e r K r edit, Schutz vor dem Verdrängen aus dem Wirtschaftsieben infolge des Judenhasses, müssen als Nothilfmaßnahmen sofort in Angriff genommen werden. Eine der wichtigsten und dringendsten Aufgaben, deren sich der neue Kultusvorstand unterziehen muß, ist die Aufrollung der Frage vom Rechte der Juden auf Arbeit.- Die Zahl der Betriebe, in welchen der Boykott gegen Jüdische Arbeiter, Angestellte und Beamten systema- 41 tisch durchgeführt wird, nimmt erschreckend zu. Hier muß die Kultusgemeinde eingreifen. Hier gilt es nicht nur für die Gleichberechtigung der Juden zu kämpfen, sondern die letzte ßxistenzmöglichkext. der arbeitenden jüdischen Bevölkerung zu erhalten. Auf dem Gebiete der Jugendfürsorge ist ebenfalls in den letzten , Jahren manche .wertvolle Leistung zu verzeichnen, aber auch hier heißt es.— neue Wege beschreiten. Die wirtschaftliche Not wirkt sich besonders verhängnisvoll auf die Jugend aus. Den Gefahren der Demoralisation unserer Jugend und ihrer Entfremdung von der jüdischen Gemeinschaft wird man energisch entgegentretenmüssen. Die Heranziehung der organisierten jüdischen Jugend zur Mitwirkung an dieser Tätigkeit würde zweifellos befruchtend wirken. Aus Gründen, die uns unerklärlich sind, hat der Kultusvorstand, trotz mehrmaliger Urgenzen unsererseits^ im Jahre 1932 einen Beitrag für Palästina nicht geleistet. Palästina steht im Zeichen eines bewundernswerten Aufstienges.i;y;Qn;Ps,t0uM der andern Seite des Ozeans strömen unsere Brüder in ansehnlichen Scharen nach Palästina, um für sich neue Existenzmöglichkeiten zu schaffen und für den Aufbau eines neuen jüdischen, Lebens beizutragen. Es ist sehr bedauerlich, daß gerade in diesem Jahre der Palästinabeitrag der Wiener jüdischen Gemeinde ausgeblieben ist. Die „Nichtnationalen", die in diesem Wahlkampfe eine Hetzkampagne gegen Palästina und den Zionismus entfalteten, erlitten eine empfindliche Niederlage. Im Sinne der Entscheidung der Wähler vom 4. Dezember muß diese schwere Unterlassung gutgemacht werden, Die Siebenmalweisen unter den Herrschern von gestern in der Wiener Kultusgemeinde w.erden uns nun ihre stereotype Frage entgegenstellen: Woher sollen wir das Geld nehmen? Auf diese Frage werden wir nun Antwort geben: 1. Die Steuerreserven der Juden Wiens sind noch nicht genügend ausgenützt worden. Je zweckmäßiger wir die Steuergelder verwenden, desto stärker unsere moralische Kraft von jenen Juden, die sich noch eines Einkommens erfreuen, Opfer zu verlangen. Die Erfahrung lehrt, daß die jüdische Bevölkerung für produktive Leistungen ihrer Gemeinde Verständnis hat. 2. Auch die vorhandenen Geldmittel müssen rationell verwendet werden, d. h. entsprechend der Wichtigkeit der verschiedenen Teilaufgaben muß das Budget festgelegt werden. Die Vorsorge muß ein organischer Teil der Fürsorgetätigkeit der jüdischen Gemeinde werden. 3. Alle uns* zur Verfügung stehenden Mittel müssen angewendet werden, um den Bundesbeitrag, der unserer Gemeinde gebührt, so rasch als möglich zu erlangen. Es gehört zweifellos Mut und unerschütterlicher Glauben dazu, um sich diesen Aufgaben zu unterziehen. Das erwarten wir auch vom neuen Kultusvor- -stände. Payon hängt es auch ab, ob das Vertrauen, welches die Wähler dem gegenwärtigen Kultus vorstände entgegengebracht hat, von Dauer sein wird. L. R. Wieder ein Dokument des Wirtschaftsantisemitismus. Ein zweiter „Fall Washington"* — Diesmal Lettland. Prag (ITA). Das Amtsorgan des Vereines der tschechoslow. Industriellen in Prag veröffentlicht in seiner Ausgabe 49 vom 15. Dezember die nachstehende Verlautbarung: Handelsvertretung csl. Firmen in Leitland. . Vertraulich! Aus Riga erhalten wir die folgende Nach* rieht:;' „Der Verband der lettlandischen Kaufleute macht darauf aufmerksam, daß tschechoslowakische Firmen bei Vergebung ihrer Vertretung in Lettland Vertreter lettländischer Nationalität timgehen und die Vertretung ihrer Unternehmungen vorwiegend deutschen und dann; hauptsächlich jüdischen Firmen anvertrauen. Es wurde schon öfter darauf hingewiesen^ daß die lettländische Politik, besonders in den< letzten Jahren, eine radikalnationalchauvinistische ist und dieser nationalistische Radikalismus greift ■ jetzt unzweifelhaft auch auf .das wirtschaftliche Feld über.- Es ist in gewissem. Maße die Abwehr gegen das regsamere^, erfahrenere und durchschlagskräftigere Element, in dessen Hand auch hier Handel und Industrie konzentriert sind. Die staatlichen und 'vSelbstverwaltungskÖrper fördern sicher lettländische Firmen oder Vertreter. Auch die EinfuhrkommiBsion nimmt bei ihren Entscheidungen auf diese Fragen Rücksicht. Obzwar das weder die einzige noch die grundlegendste Ursache der Abnahme unserer. Ausfuhr nach Lettland ist, so ist doch die Frage, wem eine tschechoslow. Firma hier ihre Vertretung anvertraut, unter den heutigen Verhältnissen auch wichtig. Es wäre deshalb opportun, wenn die interessierten tschechoslow. Stellen auf diesen Tatbestand in geeigneter Weise aufmerksam gemacht würden und ihn in Betracht ziehen wollten." Wir teilen Ihnen das mit und bemerken, daß für den Fall, daß eine tschechoslow. Firma irgendeinen Vertreter in Lettland sucht oder Gegründet 1002 Lebensversicherung* Gesellschaft Versicherungsbestand 1 Ende 1931 S 2.746,000.000'— Prämien- und Zinsen- ••' Einnahmen*!. J. 1931 „ 182,000.000--^ Öarantlemütel Ende 1931 . . . . „ 472,000.000-— s; Auszahlungen an die Versicherten l.JJ 931 „ 42,500.000'—; TSflgkelfsffebleft Österreich, Deutschet Reich, Tschechoslowakische Republik. Belgien, Holland, Frankreich, Spanien, Italien, Ungarn, Polen, Jugoslawien, Bulgarien, Griechenland, Rumänien, Palästina, Syrien, Türkei, Tunis und Ägypten V beabsichtigt, ihre bisherige Vertretung zu verändern, die tschechoslow. Gesandtschaft in Riga sehr gerne bereit ist, unter' Benützung der Dienste des Verbandes der lett* ländischen Kaufmannschaft einen geeigneten Interessenten zu bezeichnen, sowie die nötigen Informationen zu besorgen. Die Veröffentlichung dieses Materials, das wiederum als Beweis dafür dienen muß, daß diese Politik im Außenministerium und seinen Vertretungen Förderung findet, hat unerhörtes Aufsehen erregt. Berl Kaznelson: Orangen-Zionismus. (Volksvermögen und Privatvermögen.) Aus dem Referat auf' der zweiten '■ Tagung der Arbeiterpartei. Vor sechs Jahren trafen wir uns, zur Zeit. einer wirtschaftlichen Ebbe, da es 6000 Arbeitslose im-Lande gab. Vordrei Jahren trafen wir uns wieder zur Zeit einer politischen Ebbe. Heute stehen wir nun inmitten einer Epoche, die von vielen eine "Epoche der Hochflut genannt wird, und jetzt ist es unsre Pflicht gegen unsre Bewegung, uns vor der Ebbe zu hüten, die uns inmitten dieser Flut bedroht:' Unsre Bewegung ist bis in ihre Grundfesten hinein eine kolonisatorische Bewegung, und was uns von den übrigen sozialistischen Parteien in der Welt unterscheidet, ist dies: das Kolonisationswerk''eines Volkes ohne Land, ohne Arbeit, ohne Heimat ist Fleisch von unsrem Fleisch und Geist von - unsrem Geist. Der Sinn jeder echten Einwanderung muß bei uns in der Stärkung der kolonisatorischen Kräfte bestehen, und jede Epoche, in der diese Kräfte nachlassen, bedeutet Ebbe für die Arbeiterbewegung. Die im Lande herrschende Konjunktur wurde einmal in einem Gespräch zwischen Männern aus unsren führenden Kreisen durch die Worte gekennzeichnet: „Gibt es denn* überhaupt einen Zionismus außerhalb der Orangen?" Kann man eine Epoche, in welcher der Zionismus mit allen seinen Fragen und seinen Zukunftsaussichten sich in den Orangen konzentriert, als eine gesunde Epoche zionistischen Schaffen» bezeichnen? Unter uns ist sicherlich kein einziger Feind der Orangen und niemand, der sich nicht über die neuen Erfolge auf diesem Gebiet freut. Ist doch Palästina jetzt eines der wenigen Länder, in denen eine jüdische Einwanderung, die Anlage von Wirtschaften und ökonomischer Erfolg möglich ist. Aber-wir können uns nicht mit der Betrachtung der noch, unreifen, Blüten und Fruchte begnügen, sondern wir müssen auch sehen, ob am ■Stamm und an den Wurzeln keine Schäddinge sind. ' Nun dürfen wir uns nicht verhehlen, daß der „Orangen44-Zionismus immer mit Spekula 11 tentum verknüpft ist —■ ■ diesem Schädling, der fast alle Epochen zionistischer Hochflut begleitet und schon Vor 42 Jahren, in der Tiomkin-Zeit, alle ]EfÖffnungen vernichtet hat. Die Führer des; Jischuw finden sich damit, ab, indem sie sagen: was tüt's? soll noch ein Jude verdienen! Auch jetzt erleben wir wieder eine solche Periode de* Spekulanten* tums, das die Hoffnungen derer, die ins Land Rommen, zu durchkreuzen droht. Die zweite negative Begleiterscheinung. des Privatkapitals ist: Die Mißa chtung d er z i o ni s tisch en E o n d s; Zur Weltkrise und zur Vernichtung jüdischer Massen kommt hinzu die antinationale Gesinnung, die sich mit dem Namen des Zionismus schmückt und dabei die Fonds unsres Volkes untergräbt. Nach den Unruhen, als das Privatvermögen sich noch fürchtete nach Erez Israel zu gehen, als die Orangenpreise in Liverpool nicht günstig waren und als allein die zionistischen Fonds Erfolge aufzuweisen hatten —• damals wagte sich diese Ideologie nicht hervor.' Aber sobald nur dem Privatkapital irgendein Hoffnungsschimmer im Lande leuchtet* tritt sofort diese Mißachtung des Volksvermögens ein. Diese Mißachtung 'erstreckt sich zwar nicht auf den Besitzstand der Fonds, aber auf ihre. Auf gaben, da eine Verbindung zwischen dem nationalen Vermögen und dem Arbeiter •. be- ■ steht und es zur Anlage von Arbeiterwirtschaften im Lande benutzt wird. Jedesmal, wenn eine Masseneinwanderurig^ von Nicht-Chalüzim beginnt, heißt es" aufs neue: Die Chaluz-Epoche ist nun glücklich vonbei! Wenn unsre Universität sich wirklich schon mit den kulturellen und zivilisatorischen Fragen befassen könnte, die für den Jischuw wichtig sind, so könnten wir von ihr eine Unter- . suchung über da» Werden des. Jischuw verlangen; in Bezug auf die Leistungen des Volksvermögens würden sich dann vielleicht ganz andre Ergebnisse zeigen; als die bisher verkündeten.' Hier nur einige kurze Bemerkungen: Das jüdische Volksvermögen,' das seit dem Kriege in Erez Israel investiert wurde, wird in den Kreisen der Jewish- Agency auf 18 Millionen Pfund Sterling geschätzt. Das Vermögen der beiden zionistischen Fonds allein beträgt an 8 Mil lionen, aber außer fc ihnen gibt es noch andre Formen der Anlage von Völksyer- -• mögen: philanthropische, bürokratische.-: und kapitalistische, So wurden z. B. die » , verschiedensten Banken nicht durch Bah- . kiers, sondern mit Hilfe des jüdischen . Volkes gegründet, ebenso die Elektrizitätsgesellschaft und die Tote Meer-Ge-v Seilschaft. Einige Worte möchte ich auch über die Rolle des Volksvermögens beim Auf. bau von Tel Aviv sagen. Diese Stadt ist dadurch berühmt geworden, daß sie an», geblioh vollständig auf „Privatinitiative" , beruht, Dieser Auffassung möchte. ich ' einige Zahlen gegenüberstellen: Abge, sehen von dem, was der Jüdische Nationalfond durch Erwerbung des Bodens für die ersten Siedler, durch Beistellung