Der Jüdische Arbeiter
- Journal
- Der Jüdische Arbeiter
- Volume
- 9 (1932)
- Issue
- Heft 23 (16.12.1932)
- Date
- 1932-12-16
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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il. b. b. „r, #>*&*; ■'■ "■' Vf-% *• '**p5s5F?* *<mm t^'»^, Organ der Vereinigten zionistisch-soziali&tisdien AröBitBrörganisatwn Poale Zion—Hitachduth in Österreich erscheint jeden zweiten Freitag Redaktion und Administration .YVieri. 'I. jBiumauergasse 1 - Postscheckkonto Nr 17.878. ■• 1 - . ■?%-<r,»iH<.th*. .•■:■!*'> h'- . : Bezugspreis : ganzjähnq S 4.80 halbjährig S 2&Q Einzelne Nummer 20 Groschen fit.23. Wm> $ vtszwkw 1932. 9, Jaljrgaog. >er Ausgang der Kultuswahleji Der.4. Dezember 1932 erhält seine Bedeutung durch die Geschichte aller vorangegangenen Gemein'clekämpfe, denen er den Schlußpunkt setzt. Was einer Jahrzehnte dauernden Opposition! bürgierlichd^m'9skraitischeir Gruppen nißht. gelang, haben die jüdischen Sozialisten erreicht. Der\Kampf ums allgemeine Wahlrecht wurde zur Forderung der entrechteten jüdischen Bevölkerung, die unbeirrt durch alle Ablenkungsmanöver ,der machtbedrohten1 Plutokratem den ,Kampf ums Recht durchfocht. Nur politische; Unwissenheit karrn übersehen, daß das Ziel, das die bürgerliche Demokratie der Zfcmisten aus eigenem Kräften, nie erreichen' konnte, nunmehr gewonnen! weil die moralischen Kräfte des jüdischen Sozialis-i mus das Ideengebäude der Plutokratie erschütterte. Daß die „Union" mitsamt den: „werktätigen" .Ueberläufern nicht mehr imstande war, sich unseren! Kampflosungen zu steilen, deutete ihre Zersetzung noch1 während des Wahlkanipfes an. Der Qegner, moralisch! längst geschlagen, ehe er noch zur .Urne schritt,! konnte durch eine rein mechanische Abwehr dem Sieg des Rechtes nicht mehr verhindern. Und so ereignete sich das, was wir jüdische Sozialisten' in den' letzten acht Jahrem als .ii'msera Hoffnung verkündet haben, daß im dem von; der Plutokratie künstlich gehaltenen Zensuswahlrecht durch die. Kraft der Jdee allein eine! Mehrheit von! Wählern gebildet wird, die das allgemeine Wahlrecht will, weil sie die bisherige Gemeindeherrschaft überwijrL'den "will! Um diese Wandlung im der Wählerschaft ist die Wah'lschlacht geschlagen worden. Und entschiedeni wurde der Sieg durch das Eingreifen der jüdischem' Sozialisten allein. Diese Tatsache gibt unserem gewählten .Genossen nicht >n'ur die zahlenmäßige, sondern vor allem die moralische Schlüsselstellung imj neuen Kultusvorstand, Ohme Berücksichtigung der' Forderungen unseres jüdischen sozialistischen' Ge-I meindeprogrammes wird es in Zukunft keiner Gruppe] gelingen, die, bestehenden Spamniungiem in der Ge-j meinde .auszugleichen.-! , Ist. so die .Sicherung der. Einführung des all-| gemeinen Wahlrechtes zu der Selbstverständlichkeiti; geworden, ohne die die . neue Funktiomsperiode desil Kultusvorstandes nicht beginnt, so erheben ■ sich' die! wirtschaftlichem Forderungen des Tages, die in: u:rK serem Programm verankert sinfd, zu zwingender Not-; wemdigkeit. Durch die Bestätigung der Wählerschaft zu dieser Arbeit berufen1, werden wir sie imitiiereni und auf ihrer Durchführung gebührendem Einfluß! verlangen.. Dem . Zweiparteiensystem in der Kultusstubq wirdder jüdische Sozialismus als geistig mnd orgamisatorisch selbständige und unabhängige Kraft giegeniübertreten. Die Wertung des Wahlresultates ergibt die Bestätigung unserer -grundsätzlichen ■ und praktischen' Losungen durch die Wählerschaft im bedeutsamer, Weise. Die „Sozialistische Liste" erhielt 2859 Stimmen, sohin dem gesamtem Stirnmenlblock .vom vor Wer Jahren .(2899), trotzdem .die „werktätigen" Verräter die sozialistischem "Wähler an die „Union!" aus- -fylietfern sich verpflichtet hatten. Die „Werktätigem" versdhyinden spurlos im Meer der abgegebenem,' Stimmen 4ind sind auf keine Weise zahtemmäßig zur ermitteln. Sie fehlen der „Sozialistischen' Liste" nicht und sind auch' der „Union" wicht zugewachsem,, die nicht1 einmal den prozentuellem Anteil am Zuwachs der :n>euen; 13.000 Wahl er, wie die Vermehrung) aus tfer 'gesteigerten Wahlbeteiligung zu verzeichnen' h'at. öegemüber 9068 "Union stimmen des Jahres 1928 vom 19.348 giltigen Stimmen erreichte sie diesmal nur 10.158 von 26.258 gütigen Stimmern, sohin ■einen: weit geringerem Prozentsatz. Und dies trotz der Schützenshilfe? "der „werktätigen" Verräter. Sicher ist, daß; der schmähliche Pakt die 'anständigen Elemente der „Union" empörte und mag sich1 das auch1 im Resultat ausdrücken. - Die erste Folgerung aus^ dem Wahlresultat ist, daß" die „werktätigen" Verräter,. deren Stimmenzahl nirgienüs mejjr ^gezählt werden"' konnte, aus dem' öf- Jfefntlichen jüdischen Leben zu verschwinden! haben. 5 3jfce vom in'nen im Mandatssschacher erlistetem Mah- , Jäte auf, der .Unfcm liste emtbehrem-sch'om vom Wahltag an Jeglicher Bestätigung durch die^ählerschafti „und sie dürften als nichts anderes geniommem werden, wie als-Kauf preis des Verrates. $er SündenloWm .einer schändlichen Tätigkeit wirdseinen' Trägern und Verantwortlichen dem S,tempel .völligei" Einflußlosigkeit auf die Bevölkerung' aufdrücken. Die ^„Werldätigem" erscheinen nicht einmal ■ mehr als; diev Besiegtem, sonk dem nur noch als die Karikaturen' dieses .Wahlkampfes, deren- Berührung jede .politische Gruppe meidet, die selbst noch ernst ,gemommem-werden will. xWie einflußlos die -zu Nullen; aufgeblasenen! Pünktchen der „Werktätigem" sind,, kämm man aber am besten aus den Wahlzifferm in dem Proletarierbezirken sehen, wo die Stimmenzahl der „Sozialistischen Liste" stark anwuchs und die „Werktätigen" im Morast der „Nichtnatiomalem" spurlos versanken. Im Praterviertel erhielten wir 219 Stimmen statt 128 vor vier' Jahren, in der Brigittenaii 426 Stimmern, mehr als doppelt so viel wie im Jahre 1928. Die „Union" konnte sich nirgends behaupten. Nichts kann charakteristischer sein, als der Rückgang ihrer Stimmen in der-Inneren:-Stadt, wo .sie nur mehr 938 Stimmen (vor vier Jahren 966) erreichte, während die Zionistische Liste mit 580 Stimmen! (früher 296) die gesamte .Wählervermehrung gewann. Die Interesselosigkeit des Anhanges der- Plutokratie; kann nicht schärfer beleuchtet werden. Alle Splittergruppen, die neu auftauchten', blieben■ ohne Mandat. Darunter-die Justamentgruppe-einiger Eigenbrödler, genannt.-„soziale Tätigkeit".. Die. Drahtzieher, einige-Angestellte und Lehrer, haben sich noch!: immer nicht damit abgefunden, daß, die Zeiten', woi; einig? „Macher" mit den Angestellten stimmen,' alleinr die Wahlen entscheidend beeinflussen1 wollten, end-, giltig vorbei sind. Die Kultusangestelltiemschaft als .verantwortlicher Teil der jüdischen Gesamtwählerschaft ließ sich nicht dafür einfanden. Die Ablehnung der Splittergruppen zeugt für dengesunden poli:-: tischen Instinkt der jüdischem. Wählerschaft, die für; 'Extratouren kein Verständnis "hat. ' ' : Die „Union" kehrt besiegt vom Wahlsehlacht-;' felde heim. Sie war zu feige, um1 diesem letzten, Kampf selbständig, mit offenem Visier, zu führen. Die: Schützenhilfe der „Werktätigen" auf dem Wege zur ihrer Nullifizierung erwies sich als unrentables Geschäft. Sie werden nunmehr , beide schicksalsvereintt "aus dem. jüdischen Wien verdrängt. Ein schwarzes Kapitel der großen Jüdischem Gemeinde ist abgeschlossen worden. Der Aufstieg kämm und muß gelingen'. Dank an unsere, Jugend ■ t l.io Mitwirkung dir zicailstisch-swialisti.S'cheu Jugend bei (kn KultnSAvahlen bot einen h-öfcserfreiiendeu Anblick. Die Jugend dar Bund?. Hasch'omer Ha-zain (Kibnz. Ar/a),- IJasch'Ciner Hazair—Blau-Weiß, Gordonia, .Misc-lunar Htiowdun und der .Jud(is>cho.n: Sozialistischen ArbeiteT-Jiige.nd ar-: b?it.l:en mit begeisterter Hingabe und rmisite'rgultiger Disziplin, b ie haben .be^vi-sen, tlaJJ siei die Bedeutung diessi* Wahl und unserer Listezu würdigen verstandein. Wir denken ihnen, daß si> ein so erhebendes Beispiel von .t*lliohterfullung abgaben und versprechen ihnenjj c\iei Forderungen der judischen JugMid, die auch -unsere Fordav'ungeii sind, mit der gioStn Aufmerksamkeit zu behandeiLn. Die Wahlleitun-gder Sozialistisohen Liste. Das Wahlergebnis in Ziffern Laut .Ergebnis -des '„Skrutini'ums winden ^6.178 Stimmen abg-geb"n, 'darunter 6ungültige).* Es ei'hi iten: ocrupucftr nauuups Nichtmitionale Li&t3 („Union" und.Y . „Werktätige Juden") 'J ' 10.194 15 Zronistische Liste („Allgemeine" und ♦ Revisionisten) ,-* * 8.9H4 14 Sozialistische liista („Poale #ion—Hitachduth', Verband soziilistisch-er Juden) ä.859 Dsinokrati&che Liste (Radikale Zionisten) 1.331 Unp liti che (Dr. I eo Landau) |) 1 041 Misraohi 837 Orthodoxie 435 S'oüal3 Tätigkeit (Dr. Ernst Bauer) y| <r 391 WirlÄ0haftspa,rt2i (Dr. S. R. Landau) '' ' 150 ' 4 1 1 1 keün,' kein kein fpr,pcli|»w ||er lieber Zur sechzehnten Wiederkehr seines X0,destages. v Von, S. Drechsler. ' Es war vor ungefähr einem Vierteljahrhundert, als nach her Veröffentlichung der ersten Kapitel aus den „Grundlagen des Poale-Zioni'smuis" („Unsere "Plattform")) jüdische 'Arbeiter und Intellektuelle sich massenhaft um Borochovv zu scharen begannen, da versuchten die Gegner,, die junge aufstrebende poale-zionistische Bewegung lacherlich zu machen; -indem sie ihre Anhänger „Borochowisten*' nannten, d. h. semantische Anhänger irgend! eines Herrn Borochow. Die jüdischen Arbeiter ■ aber verwandelten . diesen Spottnamen in einen Ehrentitel, indem sie ihn begeistert aufgriffen lind sich stolz und selbstbewußt als Borochowisten bezeichneten. Borochowismus wurde von nun an Synonym für Poalezionismus, ja noch mehr, Synonym für die wissenschaftliche"'Anwendung des Marxismus auf die nationale und Judenfrage. Und wenn wir in diesem Dezember zum sechzehnten Male dieses großen Lehrers gedenken und seineu Todestag begehen, und wenn wir nun, einen lange gehegten. Wunsch erfüllend, die ausgewählten Schriften Borochows in einer, prächtigen Ausgabe unseren Genossen, Freunden und allen Interessenten vorlegen,*) so ist es nicht allein aus Pietät und semantischer Anhänglichkeit, sondern, weil Borochow für uns ein viele geistige Werte und tiefe Erkenntnisse umfassender Begriff isit und; Borochowismus — die Lehre vom den Naturgesetzen des judischen Wirtschaftsorganismus, die:^Erforschung der imanenten . Entwicklungstendenzen desjüdischen sozialen Lebens und als dessen,, folgerichtige Konsequenz .die Lehre von den Aufgaben und Kampfmethoden der jüdischen Arbeiterschaft im -rRingen um ihre nationale und soziale Befreiung. Daher, ist jede Borochow-Feier. ein Bekenntnis — Bekenntnis zu einer Jdee, einer Lehre und jede Wiederkehr seines Todestages ein Triumph — Triumph .einer -Bewegung, die nach einem Vierteljahr hundert härtesten Ringens'die Genugtuung hat, alles, was sie am Anfang ihres Seins verkündet, nun durch die Wirklfchjkeit „bestätigt-zu sehen.-Wer. immer heute an die-,Lösung judischer Fragen, herangeht,.-muß offen oder .verhüllt Losungen verwirklichen, die der Borochowismus ' vor mehrmals zwei Jahrzehnten ausgegeben hat.. Die Judenfxaige ist eine nationale und soziale. Frage.;Es galt vor allem die wirtschaftliche Eigenart zu erkennen und>j,hre Entwicklungstendenzen zu erforschen. Was Borochow vor 25 Jahren feststellte, hat in mehrfachen',Feuerproben seine Richtigkeit bewiesen. Die, Judenfrage, ist nicht in erster - Reihe eine politische Fr^ge, sie ist wirtschaftlicher Natur. 15 Jahre Sowjet-Rußland" beweisen es! Obwohl die politischen Verhältnisse -von. Qrund auf geändert sind, ist die ungesunde,^ soziale Gliederung der judischen Bevölkerung im Großen und Ganzen dieselbe geblieben; andererseits .geht in- Palästina, trotz, des •unveränderten politischen Re^ gimes, eine soziale .Umschichtung und Gesundung vor sich. Die .Entwicklungslinien.der judischen Wirtschaft haben keine Veränderung erfahren, sie verlaufen jetzt, wie vor Jahrzehnten, in ^e'n tg.e g e n ges et zie r Richtung zu denen "d e r a 11 g erm e i n e n. W e 11 w i r.t s c, h a f t' —, was das Wesentliche der jüdischen' Anomalie ausmacht Die ' Wirkungen der Wirtschaftskrise,, der Kartellisierung, Monopolisierung, Rationalisierung, und die verschiedenen Entwicklungsphasen der!sowjet-russischen. Wirtschaft auf die judisene Bevölkerung bestätigen die traurige Wahrheit dieses borochowistischen Erfahrungssatzes. . . 'Die marxistische Analyse der Judenfrage forderte konscqueijtermaßen den Kampf .heraus gegen die reaktionäre, weil 'wirklichkeitsfremde und unmarxistische Losung der Assimilation , und den Kampf, gegen ciie scheinbar revolutionäre, aber im Wesen nicht proletarische, weil, kleinbürgerliche Auffassung der Judenfr.age als eine ledigliche Kultur- und Sprachenfrage, wie es beim „Bund", bei den jüdischen Kommunisten und in manchen sozialdemokratischen Kreisen der .Fall ist. ■• 'Der sechzehnte Todestag Ber Borochows fällt in eine historisch bedeutsame Zeit. Die Wirtschaftskrise hat in aller Welt die sozialen Kampfe verschärft — mehr als alle anderen' haben es die Juden zu spüren. Die Worte Borochows: „Für uns ist der Zionismus nicht allein ein historisches *) Sozialismus und Zionismus. Eine Synthese. Ausgewählte 'Schriften von Ber* Borochow. Herausgegeben von Mendel Singer. 400 Seiten. Verlag Zukunft (Der Jüdische Arbeiter)-,'1 Wien, < 1932. /• 1