Der Jüdische Arbeiter
- Journal
- Der Jüdische Arbeiter
- Volume
- 9 (1932)
- Issue
- Heft 17 (17.9.1932)
- Date
- 1932-09-17
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2641551-2641644-2641660--564-2642564- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Der jüdische Arbeiter Organ der Vereinigten zionistisch-sozialistischen Arbeiterorganisation Poale Zion—Hitachduth in Österreich Erscheint jeden zweiten Freitag Redaktion .und Administration: Wie«, II., Blumauergasse 1 — Postscheckkonto Nr. 17.878. Bezugspreis: ganzjährig S 4.80, halbjährig S 2.50 Einzelne Nummer 20 Groschen Nr. 17. Wien, 17. September 1932. 9. Jahrgang. Deutsche Tragikomödie Die Tragik Deutschlands seit dem Sturze der Hoh'enzollern bestand darin, daßi es eine Republik ohne Republikaner war. Bis auf einen Teil der klassenbewußten Arbeiterschaft hätte die Mehrheit des deutschen Volkes kein Verständnis für die Demokratie. Die kommunistische" Arbeiterschaft wünschte die Diktatur des Proletariats herbei, das Groß- und Kleinbürgertum1 sehnten sich nach dem Obrigkeitsstaatje, Deshalb blieben Bürokratie und Militarismus ungeschoren. Den Reichspräsidenten stattete man derart mit Macht aus, daß er zu einem Kaiserersatz wurde, pie. Wirtschaftskrise ,un'd das Verhalten des französischen Chauvinismus taten1 das Ihrige. So wurde, die Macht der Demokratie völlig! gebrochen und Hitler, konnte sich nach seinem Siegle am 31. Juli anschicken, die Diktatur.auf „legalem" Wege aufzurichten; Da griff der alte Feudalismus lein un'd; entriß den Diktaturstab den politischen. Emporkömmlingen', :um der erschütterten Demokratie den Todesstoß zu versetzen. Auf diesem Boden entstanden die sinnlosen Widersprüche, spielte sich die Tragikomödie ab: Die greise Klara Zetkin hält bei Eröffnung; des Reichstages eine kommunistischä-revolutionäre Rede, sie kann völlig ungestört sprechen. Einjge Minuten später wird 'der Naziführer Göririg Präsident des deutschen? Reichstages. Die linken Parteien1 werden bei Wahl des Präsidiums völlig! ausgeschaltet. Die"' Feü'Hälen) zeigen aber -keine Lust, die Macht im Reiche dem politischen Emporkömmlingen zu überlassen. Bei' der zweiten Sitzung des Reichstages erscheint Herr von Papen mit der „Roten Mappe", die das Auflösungs- •dekret enthält.; Im zeitgemäßen Tempo wickeln sich die weiteren Vorgänge ab'. Ein sonderbarer Frontwechsel vollzieht sich': ■ Hitler, der in die „Schwatzbude" einzog, um sie von innen! zu sprengen, verwandelt sich in einen Verteidiger der Demokratie', in! einen Schützer des davongejagten Reichstages. In einer wunderbaren Satire schildert Karl Schönnen-, wie ein zum Tode Verurteilter beim Genuß des Hen'kermahles in Erstickungsgefahr gerät, wie sich1 die Aerzte 'krampfhaft bemühen, den Delinquenten! vor dem Erstickungstod zu retten, um ihn eini„, Minuten später durch den Henker in das bessere! Jenseits befördern zu lassen... Diese Funktion erfüllen die Nationalsozialisten' als „Retter" der Demokratie in Deutschland. Deutsches Tragikomödie l Auftakt zu den Kultuswahlen , Die Herren von der „Union", die sich seit Jahr und Tag dagegen wehren, die Tore der Wienler Kultusgemeinde allen lüden, die ihr Interesse für die jü- 'disch'e Gemeinschaft bekunden, zu öffnen, haben die) größten Anstrengungen gemacht, um die abgelaufene Funktionsperiode des gegenwärtigen Kultusvorstandes zu verlängern. Die Herren der „Union" haben) allen Grund, die Entscheidung der Wähler zu scheuen. I Sie sind dafür verantwortlich, daß die.gtroße jüdische! Gemeinde mit dem Makel der Reaktion behaftet ist^ da sie seit Jahren jeden Versuch einer Erweiterung) des Wahlrechtes sabotieren. Dieselben Herren, die im allgemeinen politischen Leben für uneingeschränkta Demokratie eintreten, halten auf Grunjd von lächerlichen Klügeleien tausende Juden von der Gemeinde fern, indem sie ihnen die Einflußnahme auf die Leitung verweigern. Die Herren, die sonst über die! sozialen Ideen der Bibel schwärmen, werden1 es zustande bringen, daß hunderte Mitglieder der jüdischen Gemeinde, die seit. Jahrzehnten1 ihre Pflichij erfüllt haben, und jetzt Opfer der Wirtschaftskrise geworden sin'd, ihres Wahlrechtes verlustig werden* da sie mit den Steuerzählungen im Rückstände sind,! oder momentan überhaupt nicht in der Lage sind,, Steuer zu leisten. Im zähen Kampfe haben wir dien Herren der| 'Mehrheit in der Kultusgameinide eine teilweise Aus-; Gestaltung der Institutionen im demokratischen und! sozialen Sinne abgerungen, die Herren aber, auch ihre jungen „Kronprätendenten", haben keine Gelegenheit vorübergehen lassen, um gegen1 die Demokratisierung!! des Fürsorgewesens aufzutreten. Trotz wiederholter! Mahnungen unsererseits zeigten nicht die Herren der „Union" das geringste Verständnis für die Linderung der Not unter der jüdischen\Bevölkerung. Die „Union" hat also allen Grund, die Entscheidung der jüdischen Wähler zu scheuen. \ ,' Uns obliegt es, in dem bevorstehenden; Wahlkampfe die jüdische Bevölkerung darüber aufzuklären^ .was die Kultusgemeinde bis zum Einzüge der sozial-1 listischen Vertreter in den Kultus vorstand war, wiej wir bemüht waren, sie völlig! in den Dienst der Jüdischen Bevölkerung zu stellen, was auf diesem! ,Wege bereits erreicht wurde; was aber noch nicht! erreicht werden kannte, da wir nicht imstande waren,- den zahlenmäßigen' Widerstand der volksfeindlichen) „Union" zu überwinden'. Was bis jetzt nicht erreicht werden konnte, soll durch1 die Neuwahlen ermöglicht werden. Die jüdische ' Gemeinde soll für alle Juden, die sich zu ihn bekennen, geöffnet werden, die Einrichtung, daß erst der Steuerzettel die Aufnahme in die jüdische Ge- Die Vereinigungskonferenz in Danzig Von Sau! W e i n r e b. Die zion.-soz. Arbeiterbewegung hat es immer abgelehnt, bei ihren Tagungen auf einen äußeren Effekt bedacht zu sein. Im Gegensätze zum Revisionismus, der stets nach billigen Knalleffelcten jagt,. weiß die zion.-soz. Bewegung in ihren täglichen Schöpfungen in Palästina eine sichere Oe-: währ für ihre Anerkennung in den jüd. Massen und der jüd. Jugend. Und. es hat sich denn auch In Danzig in aller Stille und Bescheidenheit ein Ereignis vollzogen, welches ein neues Kapitel in der zionistischen Bewegung im allgemeinen und in der zion.-soz. Bewegung im besonderen bedeutet. Die. Poale Zion und die Hitachdut gingen als verschiedene, Organisationen nach Danzig und . kehren als geeinigte und festgeschlossene Kraft zurück. . - Der Vereinigungsweltkonferenz gingen die gesonderten- Konferenzen beider Verbände voraus. Sie wurden beide Donnerstaig, den 18. August in feierlicher Weise eröffnet. Besonders .imposant gnestajte'te sich die Eröffnungssitzung lilllll]lllllll!lllllllllllllllllllllllllll!illll!imill!llllll!!llllllllllllllllllllllllllllll ., . VÄ ™*-.~~~T ganisationPoaleZion-flitachduth ■iiiiiiiiiii|l|iiiiyiiimiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiitiiiiiiiiiiiiifiiiiiiiiiiiiiiiiiiiii | | | | Samstag, den 24. September 1932, halb 8 Uhr abends, im „Bayrischen I 1 | 1 Hof", II., Taborstraße Nr. 39 ONZERT-ABEND Mitwirkende: Max Hönig <Bariton>, Kapellmeister Brandmann (Violine), Sarah Stuckart <Klavier>. S. Schwager. Orchester, Josef Ctibor. Karten von S 1.— bis S 2.50 im Sekretariat und Bei den Vetrauensmännern Das gesamte Reinerträgnis fließt dem „Eine - Million - Grosdien - Fonds — Der jüdische Arbeiter — ein Wochenblatt*' zu meinde sichert, ist beschämend .und demokratisch1 denkender Menschen unwürdig. Nur eine auf demokratin schem Wege gewählte Führung der Judenschaft wirdi imstande sein, <]er Notlage der jüdischen Bevölkerung! Rechnung zu tragen, Mittel der Linderung der jü'di- .sch'en Not zu suchen und zu finden. Die jüdische Gemeinde in Wien muß sich' nicht] nur an die Spitze der Gesamt)üdemheit unseres Landes! stellen, sie muß sich als Teil des Weltjudentlum&i betrachten und nichts wahrhaft Jüdisches darf ihr fremd sein.; Die Aufgaben, die noch in der jüdischen Gemeinde zu erfüllen sinld, erfordern ungeheure An-' strengungen'. Wir werden aber ohne Zweifel an die Erfüllung derselben herantreten können, wenn alle Genossen und Freunde mittun, wenn wir die jüd'h sehe Bevölkerung aufrütteln, ihr unsere Losungen bekanntgeben und erörtern werden. An uns, Genossen und Freunde, liegt es in1 erster1 Reihe, daß der bevorstehende Wahlkampf das Ende1 der Herrschaft der jüdischen volksfremden Plutokratie herbeiführen soll, Emes. Tragt und propagiert das gemeinsame ZIONISTISCHE ERKENNUNGSZEICHEN, die blau*»weiße Stecknadel! <durd\ den Keren Kajemeth) der Poale Zion, iin welcher der 25jährige Bestand des Weltverbandes gefeiert wurde. Die. Tagungen wurden zeitlich so anberaumt, daß die Delegierten beider Gruppen die Möglichkeit hatten, a.n beiden teilzunehmen. Beide Konferenzen wurden von Locker namens, der Exekutive und von Ben Gurion namens der Miifleget Poaje Erez Israel begrüßt. Die Konferenzen standen ajif einem ungemein hohen Niveau. In ihnen wurde die von den Leitungen vereinbarte Plattform einer gründlichen Prüfung unterzogen und untersucht, ob sie mit den Weltanschauungen beider Parteien im Einklang zu bringen ist. Sowohl' in der Hitaichdut wie in der Poale Zion machten ihre Kongreßpolnischen Parteien Schwierigkeiten. Während aber die P. Z. Polens trotz starker Gegnerschaft zur Vareiraigungsplattform eine starke Delegation nach Danzig sandte, erschien von der Hitachdut dieses Landes niemand. Diese Tatsache bewirkte aber, daß sich die Hitachdut-Konferenz fast ohne Gegensätze abwickelte, während in der Poale Zion die Meinungen hart aneinanderprallten. Die Opposition der Kongreß-polnischen Poale Zion war hauptsächlich gegen folgende Punkte gerichtet: Punkt 1 solle nicht vorerst vom Zionismus und dann vom Sozialismus sprechen, sondern umgekehrt. Punkt 5, wonach die Partei bestrebt sein soll, die ökonomischen, kulturellen, politischen und nationalen Positionen der jüd. Bevölkerung aller Länder zu festigen usw. solle dahin umgeändert werden, daß die soziale Basis der Partei ausschließlich die jüd. Arbeiter» klasse bildet. Punkt 15, in welchem die Zulässigkeit einer "Koalition mit jüd. bürgerlichen Gruppen in der Landespolitik als zulässig erklärt wird, solle ebenfalls wegfallen. Die vorgeschlagene Plattform ist aber schließlich mit überwiegender Mehrheit, ohne jedwede Aenderung, akzeptiert worden. Es galt dann noch die von den Leitungen offen